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Matthäus 1 - 28  Kelly William


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Einleitung

Es hat Gott gefallen, in den verschiedenen Berichten, die Er uns von unserem Herrn Jesus gegeben hat, nicht nur seine eigene Gnade und Weisheit, sondern auch die unendliche Vortrefflichkeit seines Sohnes darzustellen. Wir sind weise, wenn wir danach trachten, aus all dem Licht, welches Er uns gegeben hat, Nutzen zu ziehen. In dieser Absicht sollen wir vorbehaltlos, wie es der aufrichtige Christ sicher tut, das annehmen, was Gott zu unserer Belehrung in diesen verschiedenen Evangelien geschrieben hat. Wir sollen sie vergleichen, und zwar unter den verschiedenen Gesichtspunkten, die Gott in jedem Evangelium mitgeteilt hat. Dann sehen wir konzentriert die wechselnden Linien der ewigen Wahrheit, die sich in Christus treffen. Nun, ich werde in schlichter Weise – der Herr möge mir dabei helfen! – mit der Betrachtung der Evangelien anfangen und beginne mit dem Matthäusevangelium. Ich will, soweit ich dazu in der Lage bin, seine großen unterscheidenden Charakterzüge herausstellen, sowie auch den Hauptinhalt, den der Heilige Geist, wie es Ihm gefällt, hier darlegt. Wir müssen gut im Gedächtnis behalten, dass Gott es in diesem, wie auch in den anderen Evangelien, keineswegs unternommen hat, alles darzustellen, sondern nur einige ausgewählte Reden und Handlungen. Und das ist umso bemerkenswerter, weil in einigen Fällen dasselbe Wunder usw. in einigen, ja, manchmal in allen Evangelien gegeben wird. Die Evangelien sind kurz; das verwendete Material ist begrenzt – aber was sollen wir zu den Tiefen der Gnade, die hier enthüllt werden, sagen? Was zu der unmessbaren Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus, die in ihnen überall hervorscheint?

Man kann nicht leugnen, dass es Gott gefallen hat, sich auf einen kleinen Teil der Umstände im Leben Jesu zu beschränken und trotzdem die gleichen Reden, Wunder, und welche anderen Ereignisse Er vor uns bringt, zu wiederholen. Dies stellt für mich nur umso nachdrücklicher heraus, dass Gott offenbar die Absicht hat, die Herrlichkeit seines Sohnes in jedem Evangelium unter einem bestimmten Gesichtspunkt auszudrücken. Wenn wir nun das Matthäusevangelium als Ganzes besehen und einen ganz allgemeinen Blick auf dasselbe werfen, bevor wir in die Einzelheiten gehen, erhebt sich die Frage: Welcher Hauptgedanke stand vor dem Heiligen Geist? Die einfachste Lektion ist sicherlich, sich darüber von Gott belehren zu lassen. Und wenn man es einmal gelernt hat, sollte man dieses Wissen ständig als einfachstes Hilfsmittel bei der Auslegung verwenden. Solches ist verbunden mit großem Nutzen sowie auch tiefster Belehrung, wenn wir die Ereignisse, wie sie nacheinander vor uns kommen, untersuchen. Was ist es also, das uns nicht bloß an wenigen Stellen und in einzelnen Kapiteln, sondern das ganze Matthäusevangelium hindurch vorgestellt wird? Egal, wo wir hinschauen, sei es auf den Anfang, die Mitte oder das Ende – überall zeigt sich derselbe Gegenstand. Die Worte der Einleitung führen ihn schon ein. Ist es nicht der Herr Jesus, der Sohn Davids, der Sohn Abrahams – der Messias? Aber Er ist nicht einfach der Gesalbte Jahwes, sondern eine Person, die sich als Jahwe-Messias erweist und von Gott auch so verkündet wird. Nirgendwo sonst finden wir ein ähnliches Zeugnis. Ich sage nicht, dass nicht auch in den anderen Evangelien Beweise gegeben werden, dass Er wirklich Emmanuel und auch Jahwe ist. Aber nirgendwo sonst haben wir solch eine Fülle des Beweises und vom Ausgangspunkt des Evangeliums an eine solch offensichtliche Absicht, den Herrn Jesus als einen göttlichen Messias – „Gott mit uns“ – zu verkünden.

Auch der praktische Gegenstand ist klar ersichtlich. Die allgemeine Ansicht, dass die Juden im Blickpunkt stehen, ist weitgehend richtig. Das Matthäusevangelium enthält innere Beweise, dass Gott hier speziell für die Belehrung derer unter den Seinen sorgt, die früher Juden waren. Es ist ganz besonders zu dem Zweck geschrieben worden, um jüdische Christen in ein besseres Verständnis über die Herrlichkeit des Herrn Jesus einzuführen. Folglich wird hier ausführlich jedes Zeugnis gefunden, das einen Juden überzeugen und ihm genügen musste und das seine Gedanken berichtigen und erweitern konnte. Deshalb die Genauigkeit beim Zitieren aus dem Alten Testament. Deshalb das Zusammenströmen der Prophetie auf den Messias. Deshalb auch die Art und Weise, in der die Wunder Christi und die Ereignisse seines Lebens hier zusammengestellt sind. Das Zeugnis begegnete genau den jüdischen Schwierigkeiten. Wunder finden wir zweifellos auch woanders geschildert und gelegentlich auch Prophezeiungen. Aber wo finden wir sie so zahlreich wie bei Matthäus? Wo sonst beabsichtigt der Geist Gottes so unablässig und auffallend, an allen Orten und in allen Umständen die Schrift auf den Herrn Jesus anzuwenden? Ich muss bekennen, dass es mir unmöglich erscheint, dass eine aufrichtige Seele dieser Schlussfolgerung widerstehen könnte.



 

 

Kapitel 1

Aber das ist nicht alles, was hier beachtet werden muss. Gott lässt sich nicht nur dazu herab, den Juden mit diesen Beweisen aus der Prophetie, durch die Wunder, das Leben und die Lehre zu begegnen, sondern Er beginnt mit dem, was ein Jude verlangen würde und verlangen musste – der Frage des Geschlechtsregisters. Aber selbst dann antwortet Matthäus diesem Verlangen auf göttliche Weise. „Buch des Geschlechts Jesu Christi“, sagt er, „des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ (V. 1). Das sind die beiden grundsätzlichen Fixpunkte, zu denen ein Jude sich wendet – auf der einen Seite das durch die Gnade Gottes geschenkte Königtum, auf der anderen Seite der Besitzer der Verheißungen Gottes.

Aber wir finden noch viel mehr. Gott erwähnt nicht nur die Linie der Väter. Doch wenn Er sich dann und wann aus gewissen Gründen für einen Augenblick zur Seite wendet – was für Belehrungen hinsichtlich der Sünde des Menschen, seiner Not und Gottes Gnade erheben sich vor uns in dieser einfachen Aufzählung seines Stammbaums! In bestimmten Fällen erwähnt Er nicht nur den Vater, sondern auch die Mutter – aber nie ohne göttlichen Grund! Es wird auf vier Frauen angespielt. Es sind nicht diejenigen, die einer von uns oder überhaupt irgendein Mensch bevorzugt in ein Geschlechtsregister, und dann in ein  solches  Geschlechtsregister,  eingeführt  hätte. Gott jedoch hatte einen ausreichenden Grund dafür. Und dieser zeugt nicht nur von Weisheit, sondern auch von Barmherzigkeit. Er war auch von besonderer Belehrung für die Juden, wie wir gleich sehen werden. Zunächst einmal, wer außer Gott hielte es für notwendig, uns daran zu erinnern, dass Juda Perez und Serach von der Tamar empfing? Ich brauche das nicht weiter auszuführen; diese Namen in der göttlichen Geschichte sprechen für sich selbst. Der Mensch hätte das alles ganz gewiss verschwiegen. Er würde es vorgezogen haben, eine strahlende Darstellung von der alten und erhabenen Abstammung herauszustellen. Oder er hätte alle Ehre und allen Ruhm auf eine Person konzentriert, deren glanzvoller Genius alle  Vorhergehenden  verdunkelt. Doch Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und unsere Wege sind nicht seine Wege. Außerdem ist die Anspielung auf solche Personen, die hier vorgestellt sind, umso bemerkenswerter, weil andere, würdigere nicht genannt werden. Sara wird nicht erwähnt, auf Rebekka wird nicht angespielt, noch auf irgendeinen anderen heiligen und berühmten Namen in der weiblichen Linie unseres Herrn Jesus. Aber Tamar erscheint schon in Vers 3, und der Grund dafür ist so klar ersichtlich, dass man ihn kaum erklären muss. Ich bin davon überzeugt, dass der Name allein schon ein ausreichender Hinweis für Herz und Gewissen eines jeden Christen ist. Wie bedeutsam ist er erst für einen Juden! Was dachte er über den Messias? Würde er den Namen Tamars in diesem Zusammenhang herausgestellt haben? Niemals! Die Tatsache konnte er nicht leugnen; dennoch war ein Jude die letzte Person, die sie herausgestellt und besondere Aufmerksamkeit auf sie gelenkt hätte. Nichtsdestoweniger erweist sich die Gnade Gottes in dieser Angelegenheit als außerordentlich gut und weise.

Wir finden jedoch noch mehr. Etwas später haben wir eine andere Frau. Da steht der Name Rahabs, einer Heidin, und zwar einer Heidin, die keinen ehrenhaften Ruf hatte. Menschen  hätten  versucht,  diese  Sache  wegzulassen.  Aber  es  ist  unmöglich,  ihre Schande zu bemänteln oder die Gnade Gottes abzuschwächen. Es ist weder gut noch weise, das, was Rahab in den Augen der Öffentlichkeit war, zu übersehen. Und doch ist es diese Frau, die der Heilige Geist an zweiter Stelle für die Ahnenreihe Jesu auswählt.

Auch Ruth erscheint. Ruth ist von allen diesen Frauen am lieblichsten und tadellosesten – ohne Zweifel durch die Wirkung der göttlichen Gnade in ihr. Nichtsdestoweniger ist sie eine Tochter Moabs. Denn Gott hatte den Kindern Moabs verboten, in seine Versammlung zu kommen bis ins zehnte Geschlecht (5. Mo 23,4).

Und was sagen wir zu Salomo, der David, dem König, von der Frau, die mit Uria verheiratet gewesen war, geboren wurde? Wie demütigend war das für die, welche auf menschliche Gerechtigkeit bestanden! Wie entgegengesetzt zu rein jüdischen Erwartungen hinsichtlich des Messias! Er war der Messias; aber Er war ein Messias nach dem Herzen Gottes und nicht des Menschen. Er war der Messias, der irgendwie mit Sündern, den ersten und den letzten, Beziehungen eingehen konnte und wollte. Seine Gnade sollte eine Heidin, eine Moabitin, ja, jeden, erreichen und segnen. In seiner Ahnentafel, wie sie Matthäus gibt, ist Raum gelassen für Andeutungen dieser Reichweite. Mochten Menschen die Lehre und die Tatsachen leugnen; sie konnten die wirklichen Merkmale des Stammbaums des wahren Messias weder ändern noch auslöschen. Denn der Messias konnte nur aus der Linie Davids durch Salomo kommen. Und Gott hielt es für angemessen, uns genau dieses mitzuteilen, damit wir wissen, welch eine Freude Er in seiner reichen Gnade hat, wenn Er von den Vorfahren des Messias spricht. Und an dieser Freude sollen auch wir teilnehmen. Auf diese Weise kommen wir also zur Geburt des Christus.

Aber es war Gottes nicht weniger würdig, dass Er die Wahrheit eines anderen bemerkenswerten Zusammentreffens von vorhergesagten Umständen, die scheinbar unvereinbar waren und sein Kommen in diese Welt betrafen, klar herausstellt.

Zwei Bedingungen mussten vom Messias unbedingt erfüllt werden: Die eine bestand darin, dass Er wahrhaftig von einer – ja, vielmehr, von der – Jungfrau geboren werden musste. Die andere besagte, dass Er die königlichen Rechte des salomonischen Zweiges des Hauses Davids entsprechend der Verheißung erben sollte. Aber es gab noch eine dritte Bedingung, wie wir hinzufügen können. Er, der wirkliche Sohn seiner jungfräulichen Mutter und der gesetzliche Sohn seines Salomon-entsprossenen Vaters, sollte im wahrsten und höchsten Sinn, der Jahwe Israels, Emmanuel – „Gott mit uns“ – sein (V. 23). All dies ist in dem kurzen Bericht, der uns als nächstes im Evangelium des Matthäus, und zwar ausschließlich von ihm, gegeben wird, zusammengedrängt. Folglich lesen wir: „Die Geburt Jesu Christi aber war so: Als Maria, seine Mutter, mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammengekommen waren, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist“ (V. 18). Dieser Wahrheit hinsichtlich der Wirksamkeit des Heiligen Geistes wird,  wie  wir  finden  werden,  im  Lukasevangelium  eine  noch tiefere und weitreichendere Bedeutung beigemessen. Denn Lukas zeigt uns den  Menschen Jesus Christus. Ich behalte mir deshalb jede Bemerkung, die durch diesen erweiterten Gesichtskreis entstehen wird und entstehen soll, vor, bis wir das dritte Evangelium betrachten.

Aber hier geht es um die Beziehung  Josephs zum Messias; und deshalb erscheint der Engel  ihm. Im Lukasevangelium ist es nicht Joseph, sondern  Maria. Sollen wir denken, dass diese unterschiedlichen Berichte rein zufällig so sind? Oder sollen wir nicht vielmehr, wenn es Gott gefällt, zwei unterschiedliche Linien der Wahrheit herauszustellen, die göttlichen Prinzipien dahinter herausfinden? Es ist unmöglich, dass Gott etwas tun könnte, das selbst für uns beschämend wäre.

Wenn wir handeln und reden, oder beides unterlassen, dann sollten wir sowohl für das eine wie für das andere einen ausreichenden Grund haben. Und wenn kein vernünftiger Mensch bezweifelt, dass es bei uns so ist – hat nicht Gott immer eine vollkommene Absicht in den verschiedenen Berichten, die Er uns von Christus gegeben hat? Beide Berichte sind wahr, aber mit unterschiedlichen Zielen. Matthäus erwähnt mit göttlicher Weisheit den Besuch des Engels bei Joseph. Mit nicht weniger Leitung von oben erzählt Lukas von Gabriels Besuch bei Maria (und vorher bei Zacharias). Und der Grund dafür ist klar. Bei Matthäus wird keineswegs abgeschwächt, sondern vielmehr bewiesen, dass Maria die wirkliche Mutter des Herrn war. Aber der Hauptgesichtspunkt liegt darin, dass Er die Rechte Josephs erbte.

Und kein Wunder! Denn wie wahrhaftig unser Herr auch der Sohn der Maria gewesen wäre, Er hätte dadurch kein unangreifbares gesetzliches Recht auf den Thron Davids gehabt. Dieses konnte Er niemals kraft seiner Abstammung von Maria erhalten. Er musste außerdem die Rechte des königlichen Stammes erben. Gesetzt den Fall, Er wäre allein durch Maria ein Sohn Davids gewesen, dann hätte Joseph die Anrechte unseres Herrn auf den Thron ausgeschlossen, da  allein er zur erbberechtigten salomonischen Linie gehörte; und so müssen auch wir es sehen. Die Tatsache, dass der Herr Gott oder Jahwe war, brachte in keiner Weise in sich selbst die Grundlage für ein davidisches Anrecht, obwohl es dadurch natürlich andererseits eine viel tiefere Bedeutung enthielt. Das Problem bestand darin, neben seiner ewigen Herrlichkeit einen messianischen Anspruch zu verwirklichen, der nicht beiseitegesetzt und von keinem Juden auf seinem Standpunkt angefochten werden konnte. Es war seine Gnade, die sich so herabließ. Es war seine allgenugsame Weisheit, welche wusste, wie man diese Bedingungen vereinbaren konnte – Bedingungen, die zu hoch für den Menschen waren, als dass er sie hätte zusammenführen können. Gott sprach, und es geschah.

Demnach richtet also im Matthäusevangelium der Geist Gottes unsere Aufmerksamkeit auf diese Tatsachen. Joseph war durch Salomo der Nachkomme des Königs David. Der Messias musste deshalb auf die eine oder andere Weise der Sohn Josephs sein. Aber alles wäre verloren gewesen, wenn Er wirklich der Sohn Josephs gewesen wäre. Der Widerspruch sah hoffnungslos aus; denn es schien, dass Er einerseits der Sohn Josephs sein musste, um Messias zu werden, und andererseits nicht. Doch was sind für Gott schon Schwierigkeiten? Für Ihn sind alle Dinge möglich; und der Glaube empfängt mit Bestimmtheit alles. Denn Er war in einer Weise Josephs Sohn, dass kein Jude es leugnen konnte. Andererseits war Er es nicht, sondern in vollster Weise der Sohn der Maria, der Same der Frau, und, buchstäblich, nicht des Mannes. Gott gibt sich also in diesem jüdischen Evangelium besonders große Mühe, den Nachdruck darauf zu legen, dass Er in den Augen des Gesetzes strenggenommen der Sohn Josephs war, um so nach dem Fleisch die Rechte des königlichen Stammes zu erben. Aber an dieser Stelle weist Er mit besonderer Sorgfalt nach, dass Er in der Art seiner Geburt als Mensch nicht der Sohn Josephs war. Bevor Gatte und Gattin zusammengekommen waren, wurde die Verlobte schwanger erfunden von dem Heiligen Geist. Das war die Art seiner Empfängnis. Doch außerdem war Er Jahwe. Dies ergab sich aus seinem Namen. Der Sohn der Jungfrau sollte „Jesus“ genannt werden, „denn Er wird sein Volk erretten von ihren Sünden“ (V. 21). Er sollte nicht einfach ein Mensch sein, wenn auch auf übernatürliche Weise geboren. Das Volk Jahwes, Israel, war  sein Volk; „Er wird  sein Volk erretten von ihren Sünden“.

Das wird noch mehr herausgestellt durch die Prophezeiung Jesajas, die als nächstes zitiert wird, und insbesondere durch die Anwendung jenes Namens, den wir nur bei Matthäus finden: „Emmanuel, … was übersetzt ist: Gott mit uns“ (V. 23).

Dieses ist also die Einleitung und in Wirklichkeit die große Grundlage von allem. Das Geschlechtsverzeichnis ist ohne Zweifel insbesondere nach jüdischer Art zusammengestellt. Doch seine Form dient schon als eine Bestätigung, und zwar nicht nur für die jüdische Erwartung, sondern auch für jeden aufrichtigen Menschen mit Verstand. Eine geistliche Gesinnung hat natürlich keine Schwierigkeiten – schon allein deshalb, weil sie geistlich ist, denn sie vertraut auf Gott. Es gibt nichts, was so summarisch einen Zweifel verbannt und jede Frage des natürlichen Menschen zum Schweigen bringt wie die einfache und glückliche Sicherheit, dass das, was Gott sagt, wahr und das einzig Richtige ist. Es gibt keinen Zweifel, dass Gott nach seinem Wohlgefallen in diesem Geschlechtsregister etwas getan hat, was die Menschen moderner Zeiten kritisieren. In früheren Tagen erhob jedoch weder der finsterste noch feindlichste Jude solche Einwände. Sicherlich waren es vor allem sie, die den Charakter des Geschlechtsverzeichnisses des Herrn Jesus entlarvt hätten, wenn es angreifbar gewesen wäre. Aber nein, das war den Nichtjuden vorbehalten. Sie haben die beachtenswerte Entdeckung gemacht, dass es eine Auslassung gibt. Eine Auslassung in solchen Listen ist durchaus in Übereinstimmung mit der Verfahrensweise im Alten Testament. In solchen Geschlechtsverzeichnissen wurde nur verlangt, dass angemessene Hinweise gegeben wurden, um die Abstammung klar und unbestreitbar zu machen.

Nehmen wir zum Beispiel Esra! Wenn er sein Geschlechtsverzeichnis als Priester gibt, dann werden nicht nur drei Vorfahren in Folge, sondern gleich sieben weggelassen (vgl. Esra 7,1–5 und 1. Chr 6,3–15). Zweifellos gab es einen besonderen Grund für diese Weglassung. Aber wie auch immer die wahre Lösung für diese Schwierigkeit sein mag – es ist klar, dass ein Priester, der sein Geschlechtsverzeichnis gibt, das nicht in mangelhafter Weise tun würde. Für die priesterliche Nachfolge waren solche Beweise unbedingt erforderlich. Darum würde jeder Mangel darin sein Recht auf dieses geistliche Amt zerstören. Wenn also in einem solchen Fall rechtmäßig eine Auslassung erlaubt war, dann doch wohl auch im Geschlechtsverzeichnis des Herrn. Noch weniger ist der Einwand stichhaltig, wenn wir bedenken, dass diese Auslassung sich nicht auf den Teil der Geschichte bezieht, worüber die Schrift nichts sagt, sondern auf ihr Zentrum, sodass jedes Kind sofort die fehlenden Glieder aufzählen konnte. Offensichtlich beruht die Auslassung daher nicht auf Nachlässigkeit oder Unwissenheit, sondern auf Absicht. Ich zweifle nicht, dass Gott auf diese Weise sein ernstes Urteil über die Verbindung mit Athalja, der Frau Jorams, aus dem gottlosen Haus Ahabs ausdrücken wollte (vgl. V. 8 mit 2. Chr 2226). Ahasja, Joas und Amazja verschwinden; die Linie erscheint hier erst wieder mit Ussija. Diese Generationen löschte Gott zusammen mit jener gottlosen Frau aus.

Es gab buchstäblich noch einen anderen Grund, der offen dasteht, welcher forderte, dass gewisse Namen ausgelassen wurden. Der Geist Gottes wollte in jedem dieser drei Abschnitte des Geschlechtsregisters des Messias – von Abraham bis David, von David bis zur Gefangenschaft und von der Gefangenschaft bis Christus – vierzehn Generationen geben. Nun ist es klar, dass dann, wenn es tatsächlich mehr Glieder als diese vierzehn in einem Verzeichnis gab, einige weggelassen  werden  mussten.  Aber  diese Weglassung geschah, wie wir gerade gesehen haben, nicht wahllos, sondern mit großer moralischer Bedeutung. Wenn es also notwendig war, dass der Geist Gottes sich auf eine bestimmte Anzahl von Generationen beschränkte, dann gab es auch, wie immer im Wort Gottes, einen göttlichen Grund für die Auswahl derer, die weggelassen wurden.

Wir haben also in diesem Kapitel neben dem Geschlechtsverzeichnis die Person des langerwarteten Sohnes Davids. Er wurde unanfechtbar, offiziell und vollständig als der Messias eingeführt. Wir finden auch seine erhabeneren Herrlichkeiten, und zwar nicht nur diejenigen, die Er annahm, sondern auch die, die Er in sich selbst besaß. Man konnte Ihn zu Recht den „Sohn Davids, den Sohn Abrahams“ nennen. Aber Er  war – Er  ist – Jahwe-Emmanuel; und Er  konnte niemand anderes  sein. Wie ungeheuer wichtig es für einen Juden war, dies zu glauben und zu bekennen, kann man nicht oft genug sagen; es genügt jedoch, wenn ich es jetzt im Vorbeigehen erwähne. Ganz offensichtlich drehte sich der jüdische Unglaube, auch da, wo das Kommen eines Messias anerkannt wurde, um den Gedanken, dass sie nur einen Messias erwarteten, der als der große König auftrat. Sie sahen keine höhere Herrlichkeit als seinen messianischen Thron – nicht mehr als einen Sprössling, wenn auch zweifellos von außerordentlicher Kraft, aus der Wurzel Davids. Schon hier am Anfang stellt der Heilige  Geist  die göttliche und ewige Herrlichkeit dessen heraus, der geruhte, Messias zu werden. Aber wenn Jahwe sich herabneigte, der Messias zu werden und sich dazu von der Jungfrau gebären ließ, dann musste es sicherlich noch würdigere Ziele geben, die unendlich höher waren als die an sich erhabene Absicht, auf dem Thron Davids zu sitzen. Deshalb stürzte natürlich die einfältige Wahrnehmung der Herrlichkeit seiner Person alle Schlussfolgerungen des jüdischen Unglaubens um. Sie zeigt uns, dass Er, der eine solch große Herrlichkeit besaß, nur ein Werk vollbringen konnte, das dieser Herrlichkeit entsprach. Ja, Er, dessen persönliche Würde alle Zeiten und alle Gedanken übertraf und der sich so herabließ, in die Stämme Israels als Sohn Davids einzutreten, musste besondere Absichten in seinem Kommen haben und sollte vor allem passend zu dieser Herrlichkeit sterben. Es ist klar, dass es von größtmöglicher Bedeutung für Israel war, dies alles zu erfassen. Genau das lernte der gläubige Israelit. Aber es war auch der Fels des Ärgernisses, über den das ungläubige Israel fiel – und in Stücke zerschmettert wurde.

 

 

Kapitel 2

Das nächste Kapitel zeigt uns ein weiteres Kennzeichen dieses Evangeliums. Das Ziel des ersten Kapitels bestand darin, uns Beweise von der wahren Herrlichkeit und dem Wesen des Messias zu geben im Gegensatz zu jüdischen Einschränkungen und ihrem Unglauben bezüglich seiner Person. Das zweite Kapitel zeigt uns die Aufnahme, die der Messias seitens Jerusalems, des Königs und des Volkes im Land Israel, verglichen mit den Weisen aus dem Osten, fand. Wenn Er wirklich vom königlichen Samen Davids war, wenn seine Herrlichkeit jede menschliche Abstammung weit übertraf – welch einen Platz fand Er dann tatsächlich in seinem Land und bei seinem Volk? Sein Recht war unangreifbar. Welche Verhältnisse traf Er an, als Er schließlich in Israel gefunden wurde? Von Anfang an ist die Antwort: Er war der verworfene Messias. Er war verworfen, und zwar am nachdrücklichsten von denen, deren Verantwortlichkeit vor allem darin bestand, Ihn anzunehmen. Es waren nicht die Unwissenden; es waren nicht diejenigen, die durch üppiges Wohlleben betäubt waren. Es war Jerusalem; es waren die Schriftgelehrten und Pharisäer. Ja, selbst das ganze Volk war schon durch den bloßen Gedanken an die Geburt des Messias bestürzt.

Was den Unglauben Israels so erschütternd herausstellte, war dies: Gott würde ein angemessenes Zeugnis in Bezug auf einen solchen Messias geben. Und wenn die Juden nicht dazu bereit waren, dann würde Er sogar von den Enden der Erde einige Herzen versammeln, um Jesus – Jesus-Jahwe, den Messias Israels – zu begrüßen. Folglich finden wir jene Heiden, die aus dem Osten heranzogen und von dem Stern geleitet wurden, der zu ihren Herzen sprach. Schon immer war die Überlieferung von dem allgemeinen Inhalt der Prophezeiung Balaams unter den orientalischen Völkern, und nicht nur bei ihnen, lebendig, dass ein Stern erscheinen sollte – ein Stern in Verbindung mit Jakob (4. Mo 24,17). Ich zweifle nicht, dass es Gottes Güte war, ein solches buchstäbliches Siegel zu dieser Prophetie zu geben, zusätzlich zu ihrer wahren symbolischen Bedeutung. In seiner herablassenden Gnade würde Er Herzen leiten, die von Ihm zubereitet waren, den Messias zu erwarten und von den Enden der Erde zu kommen, um Ihn willkommen zu heißen. Und so geschah es. Die Weisen sahen den Stern und machten sich auf, das Königreich des Messias zu suchen. Der Stern zog nicht auf dem ganzen Weg vor ihnen her; er rüttelte sie auf und ließ sie losziehen. Sie bemerkten das Himmelsphänomen, als sie nach dem Stern Jakobs Ausschau hielten. Sie verknüpften – ich möchte sagen, instinktiv, wenn auch gewiss durch die gute Hand Gottes – den neuen Stern mit der göttlichen Verheißung. Aus ihrer weit entfernten Heimat machten sie sich auf nach Jerusalem; denn selbst die allumfassenden Erwartungen der Menschen jener Zeit wiesen auf diese Stadt hin. Aber als sie die Stadt erreichten – wo waren die gläubigen Seelen, die den Messias erwarteten? Sie fanden rührige Geister, und zwar nicht wenige, die ihnen genau sagen konnten, wo der Messias geboren werden sollte; denn in dieser Angelegenheit sollten die Weisen vom Wort Gottes abhängig sein. Nachdem sie Jerusalem erreicht hatten, sollten sie keine äußeren Zeichen mehr leiten. Sie lernten, was die Schriften darüber sagten. Sie lernten es von jenen, die sich weder um die Schriften noch um den, den sie betrafen, kümmerten, sie aber nichtsdestoweniger dem Buchstaben nach mehr oder weniger kannten. Auf der Straße nach Bethlehem erschien, zu ihrer außerordentlich großen Freude, der Stern erneut und bestätigte, was sie gehört hatten. Zuletzt blieb er über dem Haus stehen, wo das Kindlein war. Und hier in der Gegenwart von Vater und Mutter bewiesen sie, wie sehr sie von Gott geleitet wurden; denn als Orientalen waren sie es gewohnt, großartige Huldigungen darzubringen. Doch weder Vater noch Mutter erhielten den geringsten Teil ihrer Huldigung. Alles war für Jesus reserviert; alles wurde zu den Füßen des kindlichen Messias ausgegossen. Was für eine vernichtende Zurechtweisung für die närrischen Menschen des Abendlandes! Was für eine Lehre für die selbstzufriedene Christenheit in Ost und West durch diese finsteren Heiden! Die Menschen in diesen stolzen Tagen mögen auf sie in Hochmut herabblicken, aber ihre Herzen waren wahrhaftig in ihrer Schlichtheit. Sie kamen nur um Jesus willen. Jesus brachten sie ihre Huldigung dar. Sie entfalteten ihre Schätze und huldigten allein dem kleinen Kind. Mochten auch die Eltern dabei stehen, mochten auch die natürlichen Empfindungen sie dazu antreiben, dennoch traten sie nichts von ihrer Huldigung für das Kind an Vater und Mutter ab.

Das ist umso bemerkenswerter, wenn wir bei Lukas denselben Jesus als kleines Kind in den Armen eines betagten Mannes mit weit mehr göttlichem Verständnis sehen, als sich diese Weisen aus dem Morgenland rühmen konnten (Lk 2). Wir wissen, was die Gegenwart eines Säuglings für Gefühle und gottgemäße Wünsche erzeugt. Doch der bejahrte Simeon segnet es nicht. Nichts wäre einfacher und natürlicher gewesen, hätte es sich hier nicht um einen Säugling von ganz anderer Art gehandelt. Doch das Kind war, was es war, und Simeon wusste es. Er sah in Ihm das Heil Gottes. Er konnte sich in Gott erfreuen, er konnte Gott preisen, er konnte die Eltern segnen; aber er maßte sich nicht an, das Kind zu segnen. Tatsächlich war es der Segen, den er von dem Säugling empfangen hatte, der ihn befähigte, Gott zu preisen und die Eltern zu segnen. Er segnete jedoch nicht das Kind, selbst wenn er die Eltern segnet. Gott selbst war da, nämlich der Sohn des Höchsten; und seine Seele beugte sich vor Gott. Wir haben hier bei Matthäus also die Orientalen, wie sie dem Kindlein huldigen, aber nicht den Eltern; und wir haben in dem anderen Bericht, den gesegneten Mann Gottes, der die Eltern, aber nicht den Säugling, segnet. Ist das nicht ein treffendes Beispiel von den bemerkenswerten Unterschieden, die der Heilige Geist vor Augen hatte, als Er diese Berichte vom Herrn Jesus verfasste?

Im Folgenden finden wir, wie den Weisen von Gott ein Wink gegeben wird, damit sie auf einem anderen Weg wieder zurückzogen. Auf diese Weise wurde die Absicht des verräterischen Herzens und grausamen Verstandes des edomitischen Königs vereitelt, der dennoch zum Schlächter der Unschuldigen wird.

Als Nächstes kommt die bemerkenswerte Prophezeiung hinsichtlich des Christus, zu der wir ein Wort sagen müssen, nämlich die Prophezeiung Hoseas. Unser Herr wird aus dem Bereich des Sturmes nach Ägypten getragen. Das entsprach tatsächlich der ganzen Geschichte seines Lebens. Es brachte Ihm beständig Leiden und war ein Weg der Schmerzen und der Schande. In dem Herrn Jesus lag kein Heldentum, sondern eher das Gegenteil. Nichtsdestoweniger war Er Gott, der seine Majestät verhüllte. Er war Gott in der Person eines Menschen, in jenem Kind, das den niedrigsten Platz in dieser stolzen Welt einnahm. Deshalb finden wir hier keine Wolke, die Ihn verdeckte, keine Feuersäule, die Ihn schützte. Er beugte sich vor dem Sturm und wich zurück. Er wurde von seinen Eltern nach Ägypten, jenem alten Schmelzofen der Leiden seines Volkes, getragen. So musste unser Herr Jesus von Anfang an, schon als kleines Kind, den Hass der Welt schmecken. Er musste schon als Kind erfahren, was es heißt, vollständig gedemütigt zu werden. Die Prophezeiung wurde also erfüllt, und zwar in ihrer tiefsten Bedeutung. Gott rief nicht nur Israel aus Ägypten, sondern auch seinen Sohn. Er war der wahre Israel. Jesus war der wahre Weinstock vor Gott (Ps 80,8). Er durchlief in eigener Person Israels Geschichte. Er ging nach Ägypten und wurde von dort herausgerufen.

Als sie zur gegebenen Zeit nach dem Tod Herodes des Großen in das Land Israel zurückkehren, erhalten, wie uns erzählt wird, seine Eltern eine göttliche Weisung und wenden sich ab in die Gegenden Galiläas. Das ist eine weitere wichtige Wahrheit; denn auf diese Weise wurde nicht nur die Prophezeiung eines einzigen Propheten erfüllt, sondern aller. „Damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: ,Er wird Nazarener genannt werden‘“ (V. 23). Es war ein Name der Verachtung seitens der Menschen; denn Nazareth war die verachtetste Stadt in dem verachteten Land Galiläa. Das war in der Vorsehung Gottes der rechte Ort für Jesus. So erfüllte sich die allgemeine Stimme der Propheten, die von Ihm zeugten als dem von den Menschen am meisten Verachteten und Verworfenen. Und das war Er auch. Das galt sogar von dem Ort, in dem Er lebte. „Damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: ,Er wird Nazarener genannt werden‘“.

Kapitel 3

Wir kommen jetzt zu der Botschaft Johannes des Täufers. Der Geist Gottes überspringt mit uns eine lange Zeit, und wir hören die Stimme Johannes' in seiner Predigt. „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (V. 2). Wir finden hier einen Begriff, den wir nicht übergehen dürfen, weil er von so großer Bedeutung für das Verständnis des Matthäusevangeliums ist. Johannes der Täufer predigte in der Wüste von Juda die Nähe dieses Königreiches. Es konnte eindeutig aus der Prophetie des Alten Testamentes, insbesondere derjenigen Daniels, entnommen werden, dass der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten würde. Und dieses Königreich sollte vom Sohn des Menschen verwaltet werden. „Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird“ (Dan 7,14). Das war also das Reich der Himmel. Es war nicht bloß ein Königreich auf der Erde; es bestand auch nicht im Himmel; es war der Himmel, wie er für immer über die Erde herrscht.

Es scheint so, dass zur damaligen Zeit weder Johannes, obwohl er es predigte, noch irgendjemand sonst wusste, welche Form das Reich durch die Verwerfung Christi und seine Himmelfahrt annehmen sollte. In dieses Verständnis wurden die Gläubigen erst später eingeführt. Unser Herr selbst stellt es erstmals in Matthäus 13 besonders heraus. Ich verstehe also unter diesem Ausdruck seitens Johannes das, was man richtigerweise aus den alttestamentlichen Prophezeiungen entnehmen konnte. Und Johannes hatte zur damaligen Zeit keine andere Vorstellung, als dass das Reich entsprechend den so entstandenen Erwartungen eingeführt würde. Gläubige Israeliten hatten schon lange danach ausgeschaut, dass die Erde nicht mehr sich selbst überlassen bliebe, sondern durch den Himmel regiert würde. Sie erwarteten, dass der Sohn des Menschen die Erde beherrschen und die Macht der Hölle aus ihr verbannen würde. Dann sollte die Erde mit den Himmeln in Verbindung stehen. Die Himmel müssten dann natürlich so verändert sein, dass sie die Erde direkt durch den Sohn des Menschen, der außerdem der König des wiederhergestellten Israels ist, regieren können. Ich denke, dass dies im Wesentlichen die Ansicht des Täufers war.

Doch er predigte Buße als geistliche Vorbereitung auf den Messias und das Reich der Himmel, und nicht, wie im Lukasevangelium, in Hinsicht auf tiefere Dinge. Das heißt, er rief die Menschen auf, ihren eigenen Ruin im Blick auf die Einführung jenes Reiches zu bekennen. Folglich war sein eigenes Leben das Zeugnis davon, was er moralisch in Bezug auf den damaligen Zustand Israels empfand. Er zieht sich in die Wüste zurück und wendet auf sich die alte Weissagung Jesajas an: „Stimme eines Rufenden in der Wüste“ (V. 3). Jetzt kam die Wirklichkeit; aber er sollte nur das Kommen des Königs ankündigen. Ganz Jerusalem kam in Bewegung; und Volksmassen wurden von ihm im Jordan getauft. Das gab ihm Gelegenheit, ein ernstes Urteil über ihren Zustand vor Gott auszusprechen.

In der Mitte der Volksmenge, die zu ihm kam, war jedoch Jesus. Welch ein Anblick! Sogar Er, Emmanuel, Jahwe, nahm als Messias jenen Platz der Erniedrigung auf der Erde ein; denn alle Dinge waren aus dem Kurs geraten. Und Er musste durch sein ganzes Leben, wie wir so nach und nach sehen werden, aufzeigen, wie der Zustand seines Volkes war. Tatsächlich ist es nur ein weiterer Schritt der gleichen unendlichen Gnade und, darüber hinaus, des gleichen sittlichen Gerichts über Israel. Aber gleichzeitig wird ein sehr lieblicher Zug hinzugefügt: Er verband sich mit allen in Israel, die ihren Zustand in den Augen Gottes fühlten und anerkannten. Darüber sollte kein Gläubiger leichtfertig hinweggehen. Wenn ein Gläubiger dieses nicht richtig erkennt, dann versteht er die Schrift nur unvollkommen. Ja, ich glaube sogar, er muss notwendigerweise die Wege Gottes schmerzlich missverstehen. Doch Jesus blickte auf die, welche zu den Wassern des Jordan kamen, und sah, dass ihre Herzen, wenn auch noch so wenig, von einem Gefühl ihres Zustands vor Gott getroffen waren. Und sein Herz war wahrhaftig bei ihnen. Es ging jetzt noch nicht darum, ein Volk aus Israel herauszunehmen und mit sich in Verbindung zu bringen. Das werden wir später finden. Aber Er war der Heiland, der sich mit dem Überrest, der gottgemäß empfand, eins machte. Wo immer es die geringste Wirkung des Heiligen Geistes Gottes in Gnade in den Herzen Israels gab, damit verband Er sich. Johannes erstaunte. Johannes der Täufer wollte Ihn zurückweisen. „Denn“, sagte der Heiland, „so gebührt es uns“, indem Er, wie ich annehme, den Johannes miteinbezog. „Denn so gebührt es  uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (V. 15).

Es geht hier nicht mehr um das Gesetz, dazu war es zu spät. Außerdem ist das Gesetz für einen Sünder immer verderblich. Es geht um eine andere Art von Gerechtigkeit. Wo auch nur im Geringsten die Wahrheit über Gott und den Menschen gesehen wurde – und sei es auch nur ein Überrest unter  den  Israeliten,  die  letztlich  die Wahrheit über sich anerkannten –war Jesus bei ihnen in dem Bekenntnis ihres Ruins, den Er vollkommen fühlte. Er selbst hatte jenes Bekenntnis nicht nötig – nicht im Geringsten! Doch wenn das Herz völlig frei ist und unendlich über dem Ruin steht, dann kann es am tiefsten hinabsteigen und aus dem Herzen eines jeden das annehmen, was von Gott ist. Jesus handelte immer so, und zwar öffentlich, indem Er sich mit dem verband, was auf der Erde herrlich war (Ps 16,3). Er wurde im Jordan getauft – eine unverständliche Handlung für alle, welche damals wie heute an seiner Herrlichkeit festhalten, aber sein Herz der Gnade nicht verstehen. Was für peinliche Gefühle mochten da aufgestiegen sein! Hatte Er etwas zu bekennen? Ohne einen einzigen Makel in sich selbst, beugte Er sich hinab, um das zu bekennen, was in den anderen war. Er anerkannte wie niemand sonst in all seinen Ausmaßen und in voller Wirklichkeit den Zustand Israels vor Gott und Menschen. Er vereinigte sich mit denen, die ihn fühlten. Sofort, als Antwort auf jedes  unheilige  Missverständnis,  das  vielleicht entstehen konnte, öffnete sich der Himmel; und über Jesus wurde ein zweifaches Zeugnis abgelegt. Die Stimme des Vaters verkündete das Verhältnis des Sohnes zu Ihm und sein Wohlgefallen, während der Heilige Geist Ihn als einen Menschen salbte. So gab Gott in seiner vollen Persönlichkeit eine Antwort an alle jene, die sonst den Sohn oder seine Taufe geringschätzig behandelt hätten.


 

 

Kapitel 4

Der Herr Jesus ging dann weiter auf einen anderen Schauplatz, in die Wüste, um vom Teufel versucht zu werden. Wir müssen dabei sehr beachten, dass dies erst geschah, nachdem Er vom Vater öffentlich anerkannt und der Heilige Geist auf Ihn herabgestiegen war. Ich möchte sagen, dass es meistens so ist. Wenn die Seelen in dieser Weise gesegnet worden sind, dann kommen oft die Versuchungen Satans. Die Gnade reizt den Feind. Wir können darüber natürlich nur in einem eingeschränkten Maß von jemand anderem als Jesus sprechen. Doch es galt sogar für Ihn, der voller Gnade  und  Wahrheit  war  und  in  dem  die  Fülle  der  Gottheit  wohnte.  Der Grundsatz gilt allerdings für einen jeden. Er wurde vom Geist in die Wüste geführt, um dort vom Teufel versucht zu werden. Der Heilige Geist gibt uns die Versuchungen im Matthäusevangelium in der Reihenfolge, in der sie geschahen. Aber auch hier geht es Ihm nicht, wenn wir nach der Absicht fragen, um den historischen Gesichtspunkt, sondern um den Aspekt der Haushaltungen, auch wenn hier zufällig die richtige Reihenfolge gewahrt bleibt. Und ich halte fest, indem ich dies im Auge behalte, dass der Herr nur nach der letzten Versuchung sagt: „Geh hinweg, Satan!“ (V. 10). Wir werden bald sehen, warum diese Worte im Lukasevangelium verschwinden. Wir finden hierin eine Lektion über Weisheit und Geduld selbst vor dem Feind – die vortreffliche, unvergleichliche Gnade der Geduld in der Prüfung. Denn was lag näher, als anzunehmen, dass es die ganze Zeit Satan war? Aber trotzdem war unser Heiland darin so vollkommen, dass Er erst das Wort „Satan“ äußerte, nachdem die letzte, kühne und schamlose Anstrengung gemacht wurde, Ihn dazu zu verleiten, dem Bösen die Anbetung Gottes zu bringen. Erst dann sagte unser Herr: „Geh hinweg, Satan!“

Wir werden uns, wenn der Herr will, etwas mehr mit der inneren sittlichen Bedeutung der drei Versuchungen beschäftigen, wenn wir das Lukasevangelium betrachten. Ich begnüge mich jetzt damit aufzuzeigen, aus welchem Grund meiner Ansicht nach der Geist Gottes an der richtigen Reihenfolge der Versuchungen festhält. Trotzdem muss ich eindringlich darauf hinweisen, dass gerade das Abweichen von einer Reihenfolge auf die ordnende Hand Gottes zeigt, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wenn jemand Tatsachen in menschlicher Weise kennt, dann ist nichts natürlicher, als diese in der Reihenfolge ihres Geschehens niederzulegen. Niemand würde daran denken, von einer historischen Reihenfolge abzuweichen, insbesondere wenn er vorher schon die richtige Reihenfolge aufgeschrieben hat, es sei denn, er hätte dafür schwerwiegende Gründe. Doch das ist nichts Ungewöhnliches. Es gibt Fälle, wo ein Autor notwendigerweise von der bloßen Folge der Ereignisse abweichen muss. Angenommen man beschreibt einen bestimmten Charakter. Dann trägt man aus seinem ganzen Leben treffende Charakterzüge zusammen. Man beschränkt sich nicht auf die bloßen Daten der Ereignisse. Falls man jedoch nur die Chronik der Begebenheiten eines Jahres schreibt, dann folgt man der Reihenfolge, in der die Ereignisse geschahen. Doch wenn man sich der höheren Aufgabe widmet, moralische Besonderheiten herauszustellen, dann ist man häufig gezwungen, die Reihenfolge, in der die Ereignisse abliefen, zu verlassen.

Genau das ist auch der Grund, warum von Lukas diese Veränderung vorgenommen wurde; denn er ist, wie wir sehen werden, wenn wir zu seinem Evangelium kommen, der Moralist. Das heißt, Lukas sieht die Dinge kennzeichnenderweise in Hinsicht auf  ihre Quellen und ihre Auswirkungen. Es ist nicht seine Aufgabe, eingehend die Person Christi zu betrachten, d. h. Seine göttliche Herrlichkeit. Er beschäftigt sich auch nicht mit dem Zeugnis oder dem Dienst Jesu hienieden, was, wie wir alle wissen, Markus herausstellt. Es stimmt auch nicht, dass Matthäus bei Gelegenheit die Ereignisse in der richtigen zeitlichen Reihenfolge gibt, weil er immer so handelt. Im Gegenteil, keiner von den Schreibern der Evangelien weicht, wenn sein Gegenstand es verlangt, so oft von dieser Ordnung ab. Ich hoffe, dass ich es denen, die sich überzeugen wollen, genügend beweisen kann, bevor wir mit diesem Evangelium zu Ende sind. Wenn es aber so ist, dann muss es auch einen Schlüssel zu diesen Phänomenen geben. Dann müssen Gründe vorliegen, die ausreichend erklären, warum Matthäus einmal an der Reihenfolge festhält und ein anderes Mal nicht.

Ich denke, der Grund dafür ist folgender: Zunächst gibt Gott durch einen der Evangelisten  (Markus)  die  genaue  historische  Reihenfolge  des  ereignisreichen  Dienstes unseres Herrn. Das hätte jedoch bei weitem nicht ausgereicht, uns Christus zu offenbaren. Deshalb mussten uns außer der Reihenfolge, welche grundlegend und an ihrem Platz wichtig ist, andere Darstellungen seines Lebens gegeben werden. Das geschah entsprechend verschiedener geistlicher Gesichtspunkte, wie es die göttliche Weisheit für angemessen hielt und wie sogar wir es nach unserem Maß des Verständnisses würdigen können. Deshalb denke ich, dass bestimmte Erwägungen dieser Art dafür verantwortlich sind, wie Matthäus geleitet wurde. Er sollte uns die große Lektion vorstellen, dass unser Herr die ganze Versuchungszeit, und zwar nicht bloß die vierzig Tage, sondern auch die Versuchungen, die sie am Ende krönten, durchlebt hatte. Er sollte zeigen, dass seine Seele, erst als ein offener Schlag gegen die göttliche Herrlichkeit geführt wurde, diesen sofort mit den Worten „Geh hinweg, Satan!“  zurückwies. Im Gegensatz dazu lässt Lukas, der aus einem guten und von Gott gegebenem Grund die Reihenfolge ändert, notwendigerweise diese Worte aus. (…)1 Er liefert damit eine sehr eingängige Illustration von der Handlungsweise des Heiligen Geistes bei der Inspiration. Der Grund für die Auslassung liegt darin, dass die letzte Versuchung den zweiten Platz bei Lukas einnimmt. Wenn die Worte eingefügt worden wären, dann sähe es so aus, als hätte Satan seine Stellung behalten und seine Versuchungen erneuert, nachdem der Herr ihn weggeschickt hatte. (...)2

An einem späteren Tag, als sein Jünger Petrus, von Satan verführt, auf menschliche Gedanken verfiel und seinen Meister vom Kreuz abhalten wollte, sagte Er: „Geh hinter mich, Satan!“ (Mt 16,23). Denn unser Herr wollte sicherlich nicht, dass Petrus von Ihm weg und verloren gehe, was das Ergebnis gewesen wäre. Er sagte nicht: „Geh hinweg!“, sondern „Geh hinter mich!“  Er tadelte seinen Jünger, ja, Er schämte sich seiner, und wollte, dass auch Petrus sich schämte. „Geh hinter mich, Satan!“, waren die damals angemessenen Worte. Satan war die Quelle der Gedanken, die sich in den Worten des Petrus ausdrückten. Aber als Jesus zu dem sprach, dessen letzte Versuchung völlig den Widersacher Gottes und des Menschen offenbarte, das heißt, Satan selbst, da war seine Antwort nicht nur: „Geh hinter mich!“, sondern „Geh hinweg, Satan!“ (...)3 Der Grund dafür, warum diese Worte – „Geh hinweg, Satan!“ – im Lukasevangelium nicht gebracht werden, liegt darin, dass Lukas mit unvergleichlicher Weisheit von Gott inspiriert war, die zweite Versuchung als letzte und die letzte Versuchung als zweite zu geben. Da diese Worte bei der dritten Versuchung in eine solche Umstellung der Reihenfolge absolut nicht passen, werden sie von Lukas weggelassen, während Matthäus, der hier die Reihenfolge einhält, sie gibt. Ich halte mich hierbei besonders auf, weil es in einer einfachen, doch treffenden Weise den Finger und die Gedanken Gottes zeigt. Es zeigt uns aber auch, dass die Abschreiber der Schriften in Irrtum verfallen können, wenn sie dem Grundsatz der Harmonisten folgen. Ihre große Idee besteht darin, aus allen vier Evangelien ein einziges zu machen [d. h. eine Evangelienharmonie; Übs.]. Das bedeutet jedoch, dass man sie zu einer einzigen Masse verschmilzt, so dass am Ende nur noch eine einzige Stimme zum Preise Jesu übrigbleibt. Bitte, nicht so! Wir haben vier verschiedene Stimmen, die sich zur vollsten Harmonie vereinigen; und in jeder und in allen zusammen hören wir Gott. Dabei werden völlig, aber in unterschiedlicher Weise die Herrlichkeiten seines Sohnes ausgebreitet. Die Neigung, diese Unterschiede auszugleichen, hat soviel Unheil, nicht nur über die Abschreiber, sondern auch über unser eigenes unsorgfältiges Lesen der Evangelien gebracht. Wir haben nötig, alles aufzusammeln, denn alles ist wertvoll. Wir sollten uns an jedem Gedanken, den der Geist Gottes für uns aufgehäuft hat – sozusagen jedem Wohlgeruch, den Er uns von den Wegen Jesu bewahrt hat – erfreuen!

Wir verlassen jetzt die Beschäftigung mit den Versuchungen, die wir unter einem anderen Gesichtspunkt wieder aufnehmen wollen, wenn das Lukasevangelium vor uns steht. Dann wollen wir uns mit den verschiedenen Versuchungen und ihrer geänderten Reihenfolge in moralischer Hinsicht beschäftigen. Im Matthäusevangelium begegnet uns jetzt ein charakteristischer Unterschied. Unser Herr betritt den Weg seines öffentlichen Dienstes als ein Diener der Beschneidung und beruft Jünger zur Nachfolge. Wie wir aus dem Johannesevangelium entnehmen, war es nicht seine erste Begegnung mit Simon, Andreas und den übrigen. Sie hatten schon vorher Bekanntschaft mit Ihm gemacht, und zwar, wie ich fest annehme, als ihrem Erretter. Sie werden jetzt zu seinen Begleitern in Israel berufen, indem Er sie nach seinem Herzen als seine Diener hienieden formt. Doch vorher wird noch eine bemerkenswerte Schriftstelle auf unseren Herrn angewandt. Er wechselt seinen Wohnsitz von Nazareth nach Kapernaum. Und das fällt umso mehr auf, weil im Lukasevangelium die Eröffnung seines Dienstes ausdrücklich in Nazareth geschah. Dagegen wird von Matthäus nachdrücklich betont, dass Er Nazareth verlässt, nach Kapernaum kommt und dort wohnt. Natürlich sind beide Angaben in gleicher Weise richtig. Aber wer kann sagen, dass es sich um dieselben Ereignisse handelt oder dass der Geist Gottes nicht seine gesegneten Gründe hat, indem Er beide Ereignisse hervorhebt? Der Grund dafür ist keineswegs dunkel. Sein Umzug nach Kapernaum war die Erfüllung des Wortes in Jesaja 9, das insbesondere zur Belehrung der Juden erwähnt wird. Auf diese Weise wurde erfüllt, „damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: „Land Sebulon und Land Naphtali, gegen den See hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen: Das Volk, das in Finsternis sitzt, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Land und im Schatten des Todes sitzen – Licht ist ihnen aufgegangen‘“ (V. 14–16). Jener Teil des Landes wurde als Schauplatz der Finsternis angesehen; es war jedoch gerade dort, wo Gott plötzlich ein Licht aufgehen ließ. Nazareth war in Nieder- und Kapernaum in Obergaliläa. Aber darüber hinaus war diese Gegend, mehr als jede andere im Land, ein Wohnsitz der Heiden – Galiläa (d.i. Kreis, Landstrich) der Nationen. Nun finden wir überall in diesem Evangelium eine Wahrheit, die man an dieser Stelle gut vorstellen kann und die in anderen Schriftabschnitten vollauf bestätigt wird. Denn der Gegenstand unseres Evangeliums besteht nicht nur darin zu beweisen, was der Messias für Israel sowohl dem Fleisch als auch seiner inneren göttlichen Herrlichkeit nach war. Es zeigt auch, was die Folgen seiner Verwerfung durch Israel für die Nationen bedeuten würde, und zwar unter zwei Gesichtspunkten: Zum einen sollte das Reich der Himmel in einer neuen Form eingeführt werden, zum anderen gab sie Christus die Gelegenheit, seine Versammlung (Kirche) zu bauen. Das waren die beiden Hauptfolgen der Verwerfung des Messias durch Israel.

Wir sahen in Kapitel 2, wie Heiden aus dem Osten kamen, um den neugeborenen König der Juden anzuerkennen, während sein Volk unter Knechtschaft und rabbinischer Überlieferung und außerdem herzloser Unaufmerksamkeit begraben lag – aber sich dabei seiner Vorrechte rühmte. Genauso finden wir hier, dass unser Herr am Anfang seines öffentlichen Dienstes, wie er uns im Matthäusevangelium berichtet wird, seinen Wohnsitz in diesen verachteten Gegenden des Nordens nahm. Auf das Land gegen den See hin, wo insbesondere Heiden lange Zeit gewohnt hatten, blickten die Juden als einen wilden und finsteren Ort, fern von dem Zentrum der religiösen Heiligkeit, herab. Dort sollte nach der Prophetie ein Licht aufgehen. Und wie strahlend wurde sie erfüllt! Als nächstes finden wir, wie schon erwähnt, die Berufung der Jünger. Am Ende des Kapitels steht eine allgemeine Zusammenfassung vom Dienst des Messias und seiner Wirkung in folgenden Worten: „Und [Jesus] zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volk. Und die Kunde von ihm ging aus nach ganz Syrien; und sie brachten zu ihm alle Leidenden, die von mancherlei Krankheiten und Qualen geplagt waren, und Besessene und Mondsüchtige und Gelähmte; und er heilte sie. Und es folgten ihm große Volksmengen von Galiläa und der Dekapolis und Jerusalem und Judäa und von jenseits des Jordan“ (V. 23–25). Diese Verse lese ich vor, um zu zeigen, dass die Absicht des Geistes in diesem Teil unseres Evangeliums darin besteht, eine große Anzahl von Begebenheiten zusammenzufassen, ohne im Geringsten die Frage der Zeit zu berücksichtigen. Es ist klar, dass das, was hier in wenigen Versen beschrieben ist, zu seiner Ausführung einige Zeit erfordert hat. Der Heilige Geist gibt alles als ein zusammengefasstes Ganzes.

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: W. Kelly geht hier auf ein Problem in der damals verbreiteten englischen Übersetzung, der „King-James-Bible“ („Authorized Version“), vergleichbar unserer „Luther-Bibel“, ein, das ich hier als Fußnote gebe. Der Grund dafür, dass ich diesen Text hier einfüge, obwohl wir doch mit unserer „Elberfelder Bibel“ eine nach heutigem Kenntnisstand des griechischen Urtextes genaue Übersetzung haben, liegt darin, dass man erfahrungsgemäß durch eigene oder fremde Fehler und Irrtümer sehr viel lernt. Diese Fehler machen gewisse Wahrheiten umso deutlicher, weil sie zum Nachdenken darüber zwingen, was Wahrheit und was Irrtum ist, und auch darüber, warum das eine Wahrheit und das andere Irrtum ist. Ich gebe hier also die im Haupttext weggelassenen Ausführungen Kellys wieder: „Ich leugne natürlich nicht, dass in eurer „Common-Bible“ ähnliche Worte stehen („Geh hinter mich, Satan!“; Lk 4,8). Aber jeder Gelehrte weiß, dass diese Worte im dritten Evangelium von den besten Autoritäten, gefolgt von fast jedem Textkritiker, weggelassen werden, obwohl wohl kaum jemand den wahren Grund dafür verstanden hat. Nichtsdestoweniger werden sie ausgelassen von Katholiken, Lutheraner und Calvinisten, von der High Church und der Low Church, von den Evangelikalen, Traktarianern und Rationalisten. Egal, wo sie stehen oder was für einem Gedankensystem sie angehören, alle, die allein dem äußeren Zeugnis folgen, müssen diese Worte in Lukas weglassen. Es gibt auch noch einen klaren und eindeutigen inneren Beweis für die Weglassung der Worte in Lukas, trotz der Vorurteile der Abschreiber.“
  • 2 siehe Fußnote 1. „Außerdem ist klar, dass der Text, wie er im überlieferten griechischen Text (Anm. d. Übers.: zur damaligen Zeit, 1866) und unserer gewöhnlichen englischen Bibel steht, nämlich „Geh hinter mich, Satan!“, ein weiterer Fehler ist. In Matthäus 4,10 heißt es richtig: „Geh hinweg, Satan!“ Ich möchte daran erinnern, dass ich dem Wort Gottes nicht den Schatten eines Irrtums zuschreibe. Der Fehler, von dem ich spreche, liegt allein bei stümperhaften Schriftgelehrten, Kritikern und Übersetzern, die der Bibelstelle keine Gerechtigkeit widerfahren lassen konnten. Die wahren Worte des Herrn an Satan waren: „Geh hinweg, Satan!“; und sie schlossen bei Matthäus die buchstäblich letzte Versuchung ab.“
  • 3 siehe Fußnote 1: „Wie wir gesehen haben, ist das aber nicht der einzige Fehler in diesem Abschnitt, wie er uns in der „Authorized Version“ gegeben wird. Denn der ganze Ausdruck muss nach den gewichtigsten Zeugnissen aus dem Bericht des Lukas verschwinden. Der Grund dafür ist auch klar. So, wie es jetzt dasteht, wird der Eindruck erweckt, dass Satan, nachdem er weggeschickt worden ist, einfach da bleibt. Denn im Lukasevangelium haben wir danach noch eine weitere Versuchung. Und deshalb musste Satan natürlich noch anwesend und konnte noch nicht weggegangen sein.“


Kapitel 5_7

Das gleiche gilt auch für die so genannte Bergpredigt, über die ich jetzt einige Worte sagen möchte. Es ist ein totales Missverständnis, wenn wir annehmen, dass Matthäus 5 bis 7 in einer einzigen, ununterbrochenen Predigt gebracht worden ist. Es waren bestimmt die weisesten Absichten, die den Heiligen Geist veranlassten, diese Predigt ohne Erwähnung von Unterbrechungen, Anlässen usw. zusammenzustellen und uns mitzuteilen. Aber es ist eine nicht zu verantwortende Schlussfolgerung, daraus zu entnehmen, dass unser Herr Jesus sie einfach so, wie sie im Matthäusevangelium steht, gehalten hat. Der Beweis dafür liegt darin, dass wir im Lukasevangelium gewisse Teile, die eindeutig zu dieser Predigt gehören, mit den besonderen Umständen, die ihre Verkündigung veranlassten, finden. Damit meine ich nicht ähnliche oder gleiche Wahrheiten, die zu einer anderen Zeit gepredigt worden waren, sondern dieselbe Predigt. Nehmen wir als Beispiel das Gebet, das hier den Jüngern vorgestellt wird (Mt 6). Diesbezüglich finden wir in Lukas 11, dass eine Bitte der Jünger zu seinem Ausspruch führte. Auch in Hinsicht auf andere Belehrungen, die Lukas sowie Matthäus und manchmal auch Markus gemeinsam bringen, waren es oft Ereignisse und Fragen, wie Lukas schreibt, welche die Bemerkungen des Herrn hervorriefen.

Nehmen wir also für gewiss an, dass der Heilige Geist mit Absicht durch Matthäus diese und andere Predigten als Ganzes gibt, indem Er die Anlässe dazu, die wir anderswo finden, weglässt. Dann ist es eine schöne und interessante Untersuchung, festzustellen, warum Er eine solche Methode des Zusammenstellens und Weglassens verwendet. Ich denke, die Antwort lautet so: Der Geist Gottes liebt es, durch Matthäus, Christus als einen Mann wie Mose, auf den das Volk hören sollte, vorzustellen (5. Mo 18,18). Er präsentiert Jesus nicht nur als einen gesetzgebenden Propheten-König wie Mose, sondern als einen weit Größeren. Denn es wird niemals vergessen, dass der Nazarener der Herr-Gott ist. Deshalb hören wir in dieser Bergpredigt überall den Ton einer Person, die sich bewusst war, dass sie als Gott unter den Menschen weilte. Wenn Jahwe Mose auf die Spitze des einen Berges rief, dann saß der, der damals die zehn Gebote aussprach, jetzt auf einem anderen Berg und lehrte seine Jünger den Charakter des Reiches der Himmel. Die Grundsätze dieses Reiches werden als ein Ganzes eingeführt, indem sie, wie wir gesehen haben, auf die Wirksamkeit seines Dienstes und dessen Folgen eingehen, ohne die Unterbrechungen oder Zusammenhänge zu berücksichtigen. So wie wir seine Wunder sozusagen alle in einen Abschnitt zusammengefasst finden, so ist es hier mit seinen Predigten. Wir sehen also in beiden Fällen den gleichen Grundsatz. Die wesentliche Wahrheit wird uns, ohne die unmittelbaren Anlässe, wie Ereignisse, Bitten usw., zu beachten, vorgestellt. Nach Matthäus wird also das, was der Herr geredet hat, als ein Ganzes gegeben. Dadurch wirkt die Predigt, weil sie nicht unterbrochen wird, umso ernster und majestätischer. Der Geist Gottes drückt hier absichtlich diesen Charakter auf die Rede des Herrn zur, wie ich nicht bezweifle, besonderen Belehrung seines Volkes. Kurz gesagt, erfüllt der Herr hier einen Teil seiner Mission nach Jesaja 53,11, wo sein Werk als ein zweifaches geschildert wird. (...)1

In der Belehrung auf dem Berg unterweist Er tatsächlich die Jünger in Gerechtigkeit. Das ist auch ein Grund dafür, warum wir hier kein Wort von der Erlösung hören. Wir finden nicht die kleinste Andeutung seines Leidens am Kreuz, keinen Hinweis auf sein Blut, seinen Tod oder seine Auferstehung. Er belehrt aber nicht bloß über Gerechtigkeit. Den Erben des Reiches entfaltet der Herr die Grundsätze des Reiches. Es sind gesegnete und reichhaltige Belehrungen, doch solche in Gerechtigkeit. Ohne Zweifel finden wir hier auch, soweit es damals möglich war, die Vorstellung des Vaternamens. Doch alles geschieht in Form einer Unterweisung in Gerechtigkeit. (...)2

Auf die Einzelheiten der Bergpredigt kann ich jetzt nicht im Besonderen eingehen; aber  ich  möchte  noch  einige  wenige  Worte  dazu  sagen,  bevor  ich  heute  Abend schließe. Ihre Einleitung offenbart eine Methode, die häufig vom Geist Gottes verwendet wird, und unseres Studiums wert ist. Jedes Kind Gottes kann selbst durch einen flüchtigen Blick darauf Segen empfangen. Wenn wir uns jedoch damit etwas eingehender beschäftigen, wächst die Belehrung gewaltig. Zunächst nennt Jesus gewisse Menschengruppen glückselig. Diese Glückseligkeiten sind in zwei Klassen aufgeteilt. Die erste betrifft die Gerechtigkeit, die zweite die Barmherzigkeit. Das sind auch die beiden großen Gegenstände der Psalmen, die beide hier aufgegriffen werden. „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden“ (V. 3–6). Im vierten Fall wird die Gerechtigkeit ausdrücklich erwähnt und schließt diesen Teil des Gegenstandes. Doch es ist klar genug, dass alle diese vier Gruppen im Wesentlichen aus Menschen bestehen, die der Herr deshalb glückselig nennt, weil sie in der einen oder anderen Form gerecht sind. Die nächsten drei Gruppen sind auf die Barmherzigkeit gegründet. Deshalb lesen wir gleich bei der ersten: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden. Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen. Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“ (V. 7–9). Es ist natürlich unmöglich, jetzt mehr als eine kleine Skizze zu versuchen. Hier tritt also die gewöhnliche Zahl in all diesen systematischen Teilen der Schrift auf; wir finden die übliche und komplette Zahl Sieben der Bibel. Die beiden zusätzlichen Seligpreisungen am Ende bestätigen dies, obwohl sie auf den ersten Blick in Widerspruch dazu stehen. Aber es ist nicht so. Der scheinbare Widerspruch liefert einen überzeugenden Beweis der Regel. Denn in Vers 10 finden wir: „Glückselig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten“ (V. 10); dies entspricht den ersten vier Selig-preisungen. Dann folgt in den Versen 11 und 12: „Glückselig seid ihr  um meinetwillen“, welches der höheren Barmherzigkeit der letzten drei entspricht. „Glückselig seid  ihr [hier ist ein Wechsel, denn es steht eine persönliche Anrede], wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen“ (V. 11). Das ist die höchste Vollendung der leidenden Gnade, denn es geschieht um Christi willen.

Die zweifache Verfolgung der Verse 10–12 stimmt mit ihrem doppelten Charakter in den Briefen überein, nämlich dem Leiden um der Gerechtigkeit willen und dem Leiden um Christi willen. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge; denn bei der Frage der Gerechtigkeit ist nur eine einzige Person betroffen. Wenn ich hier nicht standhaft bin und leide, wird  mein Gewissen befleckt. Das ist jedoch kein Leiden um Christi willen. Kurz gesagt, wo es sich um eine Frage der Gerechtigkeit handelt, ist das  Gewissen betroffen; wo allerdings um Christi willen gelitten wird, handelt es sich nicht um offenbare Sünde, sondern um seine Gnade und ihre Anrechte auf mein Herz. Wenn ich nach seiner Wahrheit und nach seiner Herrlichkeit verlange, dann betrete ich einen Pfad, der mich Leiden aussetzt. Ich kann auch einfach meine Pflicht an dem Platz erfüllen, auf den ich gestellt bin; aber die Gnade ist nie damit zufrieden, eine bloße Pflicht zu erfüllen. Ich gebe völlig zu, dass nichts so geeignet ist, eine Pflicht zu erfüllen, wie die Gnade; und das Erfüllen der Pflicht ist gut für einen Christen. Doch Gott verhüte, dass wir uns nur auf die Pflicht beschränken und nicht frei sind für ein Überfließen der Gnade, welche das Herz mitreißt! Im ersten Fall  versagt der Gläubige; wenn er nicht widersteht, dann ist das  Sünde. Im zweiten Fall  fehlt das Zeugnis für Christus. Die Gnade erfüllt uns dann mit Freude, wenn wir gewürdigt werden, um seines Namens willen zu leiden. Die Gerechtigkeit ist jedoch nicht betroffen.

Das sind also die beiden unterschiedlichen Klassen oder Gruppen von Glückseligkeiten. Zuerst haben wir die Glückseligkeit der Gerechtigkeit, zu der das Leiden um der Gerechtigkeit willen gehört, danach die Glückseligkeit der Barmherzigkeit oder Gnade. Christus unterweist entsprechend der Prophetie in Gerechtigkeit; aber Er beschränkt sich nicht darauf. Eine solche Einschränkung konnte nie mit der Herrlichkeit seiner Person zusammenpassen. Deshalb finden wir hier neben der Lehre der Gerechtigkeit die Einführung dessen, was sie übertrifft und stärker ist, und die zugehörige Glückseligkeit der Verfolgung um Christi willen. Dann ist alles Gnade; und das zeigt einen ganz offensichtlichen Fortschritt an.

Das gleiche gilt auch für das Folgende. „Ihr seid das Salz der Erde“ (V. 13), das heißt das, was das Reine rein erhält. Salz teilt dem, was unrein ist, keine Reinheit mit; doch es wird wie die Gerechtigkeit als bewahrende Kraft verwendet. Aber Licht ist anders. Deshalb hören wir in Vers 14: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Licht bewahrt nicht einfach das, was gut ist, sondern es ist eine aktive Kraft, welche ihren hellen Schein in das Dunkle wirft und die Dunkelheit vor sich austreibt. Es ist also klar, dass der Herr in diesen weiteren Worten, die Fragen, auf die wir schon eingegangen sind, beantwortet.

Wir finden vieles von tiefster Bedeutung in dieser Predigt; wir haben jedoch jetzt nicht die Gelegenheit, in die Einzelheiten zu gehen. Es wird, wie üblich, die Gerechtigkeit entsprechend der Person Christi entwickelt, welche sich mit der Bosheit des Menschen unter den Häuptern Gewalttat und Verdorbenheit beschäftigt. Danach folgen andere, neue Grundsätze der Gnade, die viel höher sind als das, was unter dem Gesetz gegeben wurde. So verrät in einem frühen Vers (V. 22) sozusagen ein einziges Wort den Durst nach Blut; gleichzeitig zeigt sich die Verdorbenheit in einem Blick oder einer Begierde. Denn es werden nicht länger nur die Taten beurteilt, sondern auch der Zustand der Seele. Das behandelt das fünfte Kapitel. Wenn in den frühen Versen 17 und 18 das Gesetz in all seiner Autorität völlig aufrecht erhalten wird, so haben wir später (V. 21–48) die höheren Grundsätze der Gnade und tiefere Wahrheiten, die hauptsächlich darauf beruhen, dass der Name des Vaters – des Vaters, der im Himmel ist – offenbart wird. Infolgedessen handelt es sich nicht mehr nur um eine Frage zwischen Mensch und Mensch, sondern um den Teufel auf der einen und Gott auf der anderen Seite. Dabei enthüllt und beweist Gott als Vater den selbstsüchtigen Zustand des gefallenen Menschen auf der Erde.

Das zweite dieser Kapitel (Kap. 6.), aus denen die Predigt besteht, enthält zwei Teile. Der erste betrifft wieder die Gerechtigkeit. „Habt aber Acht“, sagt der Herr, „dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt“ (V. 1). Hier muss „Gerechtigkeit“  stehen und nicht „Almosen“, wie man in der Fußnote sieht. Danach teilt sich die Gerechtigkeit, von der hier gesprochen wird, in drei Zweige. Das Geben von Almosen ist einer von ihnen, das Beten ein zweiter und das Fasten ein dritter, den man nicht gering schätzen sollte. Das macht unsere Gerechtigkeit aus. Der wesentliche Punkt liegt darin, dass wir damit nicht protzen sollen; denn unser Vater sieht im Verborgenen. Letzteres ist eines der hervorstechendsten Kennzeichen des Christentums. Der letzte Teil des Kapitels zeigt das völlige Vertrauen auf die Güte unseres Vaters zu uns, indem wir mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Wir sind sicher, dass wir in seinen Augen von unendlichem Wert sind und dass wir deshalb nicht sorgenvoll wie die aus den Nationen zu sein brauchen, weil unser Vater weiß, was wir bedürfen. Für uns genügt es, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu suchen; die Liebe unseres Vaters sorgt für den Rest.

Das 7. Kapitel vermittelt uns die Beweggründe des Herzens in unserem Umgang mit den Menschen und Geschwistern sowie mit Gott, welcher, obwohl Er gut ist, es liebt, wenn wir Ihn bei jeder Not ernstlich bitten. Außerdem finden wir  Hinweise darauf, dass wir überlegen sollen, was wir den anderen Menschen schuldig sind. Zudem benötigen wir besondere Energie, denn die Pforte ist eng und der Weg schmal, die zum Leben führen. Dann sollen wir uns hüten vor dem Teufel und den Einflüsterungen seiner Agenten, der falschen Propheten, die sich durch ihre Früchte verraten. Zuletzt folgt der wichtige Hinweis, dass es nicht auf Wissen oder sogar wunderbare Kräfte ankommt, sondern darauf, den Willen Gottes zu tun aus einem gehorsamen Herzen heraus, das den Worten Christi folgt. Wenn ich mich nicht täusche, folgen auch hier wieder Gnade und Gerechtigkeit abwechselnd. Denn die Ermahnung gegen einen richterlichen Geist gründet auf die mit Bestimmtheit folgende Vergeltung durch andere und ebnet den Weg für einen dringenden Aufruf zum Selbstgericht, welches jeder echten Ausübung der Gnade vorausgeht (V. 1–5). Außerdem folgen auf die Warnung vor einer Verschwendung des Heiligen und Schönen an die Gottlosen reiche und wiederholte Ermunterungen, auf unseres Vaters Gnade zu zählen (V. 6–11).

Hier muss ich zunächst einmal schließen, obwohl ich zutiefst bedaure, dass ich nur so flüchtig über den Text hinweggehen konnte. Dennoch versuchte ich in diesem ersten Vortrag, so einfach, aber doch vollständig wie möglich, nach meinem Vermögen einen Blick auf diesen Teil des Matthäusevangeliums zu werfen. Ich bin mir völlig bewusst, dass nicht viel Zeit vorhanden war, um es mit anderen Evangelien zu vergleichen. Ich hoffe jedoch, dass sich die Gelegenheiten ergeben werden, um die unterschiedlichen Aspekte der verschiedenen Evangelien eingehend einander gegenüberzustellen. Mein Ziel ist allerdings auch, dass unser Herr, seine Person, seine Lehren und seine Wege in jedem Evangelium vor die Augen unserer Herzen treten.

Ich bitte den Herrn, dass das, was zwar nur flüchtig den Seelen dargeboten wurde, doch ein Forschen seitens der Kinder Gottes hervorrufen möge und sie dazu führt, völlig und absolut auf das Wort seiner Gnade zu vertrauen. Dann können wir tiefen Segen erwarten. Denn dieses Betrachten der Evangelien hat allein die Gnade Gottes zur Grundlage und wird uns nicht ohne Segen lassen. Aber ich bin überzeugt, dass, nachdem die Gnade Christi uns angezogen hat, der Segen in jeder Hinsicht noch größer ist, wenn wir zusätzlich in aller Einfalt und Sicherheit kraft des vollbrachten Werkes der Erlösung in Ihm gegründet werden. Dann, wenn wir in unseren Seelen frei geworden und zur Ruhe gekommen sind, kehren wir zu Ihm zurück, um von Ihm zu lernen, Ihn anzuschauen, Ihm zu folgen, seine Worte zu hören und uns an seinen Wegen zu erfreuen. Der Herr gebe, dass es so geschehe, wenn wir unseren Weg durch die verschiedenen Evangelien, die unser Gott uns geschenkt hat, verfolgen!

Fußnoten

  • 1 siehe Fußnote 1 (Kap. 4): „Es ist nicht richtig, wie es die „Authorized Version“ gibt: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen gerecht machen“; denn zweifellos macht seine Erkenntnis niemanden gerecht. Rechtfertigung ist, wie wir wissen, durch den Glauben an Christus. Und das wirksame Werk, worauf sie beruht, besteht natürlich kraft dessen, was Christus für die Sünde und die Sünden vor Gott erlitten hat. Aber ich halte fest, dass die wirkliche Bedeutung dieser Stelle ist: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen.“ Der Text verlangt hier nicht die Rechtfertigung im normalen juristischen Sinn, sondern vielmehr, wie auch in Daniel 12, die Weisung zur Gerechtigkeit, obwohl der hebräische Text beide Sinnbedeutungen enthält. Aber es muss sich hier um die Unterweisung zur Gerechtigkeit handeln“ (W. K.).
  • 2 siehe Fußnote 1 (Kap. 4): „Ich möchte hinzufügen, dass der Rest des Verses (Jes. 53,11) auch damit übereinstimmt. Denn es heißt nicht, „denn“, sondern „und ihre Missetaten wird er auf sich laden“. Das ist die wahre Aussage. Das eine geschah während seines Lebens, als Er die Seinen belehrte, das andere in seinem Tod, als Er die Missetaten vieler trug“ (W. K.).

Kapitel 8

Matthäus 8, welches den heutigen Abschnitt eröffnet, ist eine treffende Illustration und ein Beweis von der Methode, die Gott anwandte, als Er uns den Bericht von unserem Herrn Jesus durch den Apostel Matthäus gab. Die Absicht, uns den Wechsel der Haushaltung zu zeigen, führte dazu, die Umstände der Zeit hier viel mehr zu vernachlässigen als in irgendeinem anderen Evangelium. Das muss umso mehr beachtet werden, weil im Allgemeinen das Matthäusevangelium als Standard der zeitlichen Reihenfolge gilt, außer bei denen, die diese Aufgabe dem Lukasevangelium zuweisen. Nach einem sorgfältigen Vergleich aller Evangelien bin ich zu einem Ergebnis gekommen, das nach jeder unvoreingenommenen Prüfung eigentlich offensichtlich ist, nämlich dass weder Matthäus noch Lukas sich an eine solche Reihenfolge halten. Natürlich halten beide an der chronologischen Reihenfolge fest, wenn es mit der Absicht des Heiligen Geistes bei ihrer Inspiration übereinstimmt. Aber in beiden wird diese zeitliche Folge höheren Gesichtspunkten, die Gott im Auge hatte, untergeordnet. Wenn wir, zum Beispiel, die Begebenheiten des achten Kapitels mit den entsprechenden Ereignissen, soweit sie dort beschrieben sind, im Markusevangelium vergleichen, so erkennen wir, das letzteres uns genaue Zeitangaben gibt. Dies überzeugt mich davon, dass Markus an der zeitlichen Ordnung festhält. Die Absicht des Heiligen Geistes fordert es; und so verlässt er nicht die zeitliche Reihenfolge. Es erhebt sich die berechtigte Frage: „Warum lässt der Geist Gottes in diesem und auch im folgenden Kapitel die Frage der Zeit so völlig außer Betracht?“ Dieselbe Missachtung der bloßen Reihenfolge von Ereignissen finden wir gelegentlich auch in anderen Abschnitten unseres Evangeliums. Doch ich beschäftige mich absichtlich schon im achten Kapitel damit, weil wir diese Achtlosigkeit hier überall finden, so dass der Beweis davon leicht zu führen ist.

Als erstes muss bemerkt werden, dass der Aussätzige ein früher Zeuge von der Offenbarung der heilenden Kraft unseres Herrn darstellt. Schon vor der Bergpredigt kam er in seiner Unreinheit zu Jesus, um gereinigt zu werden. Darum müssen wir beachten, dass es so, wie der Heilige Geist ihn einführt, keine Angabe der Zeit gibt. Zweifellos sagt der erste Vers: „Als er aber von dem Berg herabgestiegen war, folgten ihm große Volksmengen“ (V. 1). Der zweite Vers deutet jedoch keineswegs an, dass das nächste Ereignis auch zeitlich folgte. Er sagt nicht: „Dann kam ein Aussätziger“ oder „sogleich kam ein Aussätziger.“ Kein Wort spricht davon, dass die Reinigung des Aussätzigen zu dieser Zeit stattfand. Das Wort erklärt einfach: „Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen“ (V. 2). Der 4. Vers widerspricht geradezu der Vorstellung, dass eine große Volksmenge der Heilung zugesehen habe. Denn warum sollte der Herr bestimmen: „Sage es niemand“, wenn es schon so viele wussten? Unaufmerksamkeit diesbezüglich hat schon viele verwirrt. Sie haben das Ziel eines jeden Evangeliums nicht begriffen. Sie haben die Bibel entweder leichtfertig behandelt oder als ein Buch, das zu schrecklich ist, um es jemals verstehen zu können1. In ihnen war keine Ehrfurcht des Glaubens, die auf Gott wartet und zur passenden Zeit sein Wort verstehen wird. Gott erlaubt nicht, sein Wort in dieser falschen Weise zu gebrauchen, ohne dass seine Kraft und Schönheit verloren gehen und der große Gegenstand, um dessentwillen es geschrieben wurde, verfehlt wird.

Wenn wir uns zu Markus 1 wenden, finden wir in Hinsicht auf den Aussätzigen den Beweis von dem, was ich gesagt habe. Am Ende des Kapitels sehen wir den Aussätzigen, wie er sich dem Herrn nähert, nachdem dieser in ganz Galiläa gepredigt und Dämonen ausgetrieben hatte. Im zweiten Kapitel wird gesagt: „Und nach etlichen Tagen ging er wiederum hinein nach Kapernaum“ (Mk 2,1).  Er war schon früher dort gewesen. Danach stoßen wir im 3. Kapitel auf mehr oder weniger starke Zeitangaben. In Vers 13 steigt unser Herr auf „den Berg und ruft herzu, welche er selbst wollte. Und sie kamen zu ihm; und er bestellte zwölf, damit sie bei ihm seien, und damit er sie aussende zu predigen“ (Mk 3,13.14)  Wenn man dies mit Lukas 6 vergleicht, sieht man sofort, dass es sich um dieselbe Szene handelt. Es sind die Umstände, die der Bergpredigt von Matthäus 5 bis 7 vorausgingen. Nachdem der Herr die Zwölf berufen hatte – nicht nachdem Er sie ausgesandt, sondern nachdem Er sie zu Aposteln ernannt hatte –, stieg Er zu einem Plateau auf dem Berg hinab. Er blieb nicht auf der Höhe, wo Er vorher gewesen war. Nachdem Er zum Plateau herabgestiegen war, hielt Er die so genannte Bergpredigt.

Prüfe die Schrift, und du wirst es selbst sehen! Dieses Problem kann nicht einfach durch die Aufstellung einer Behauptung gelöst werden. Andererseits ist es nicht zuviel gesagt, dass dieselben Schriften, die eine vorurteilsfreie Seele, welche solche Zeitangaben beachtet, überzeugen, die gegenteilige Wirkung bei anderen hervorrufen. Wenn ich aus den Worten am Anfang des Lukasevangeliums („der  Reihe nach“) als sicher annehme, dass Lukas diesen chronologischen Bericht liefert, dann führt mich dies in völlige Verwirrung sowohl hinsichtlich des Lukas- als auch jedes anderen Evangeliums. Denn es gibt unzählige Beweise, dass die Reihenfolge von Lukas, auch wenn sie noch so methodisch ist, keineswegs zeitlich angeordnet wird. Natürlich hält er sich oft an die Zeitfolge. Aber in seinem Hauptteil, und auch häufig anderswo, folgt sein „der Reihe nach“  anderen Gesichtspunkten als der Reihenfolge der Ereignisse. Mit anderen Worten: Es ist sicher, dass im Lukasevangelium, welches in seiner Einleitung ausdrücklich die Worte „der Reihe nach“  enthält, der Heilige Geist sich in keinster Weise an das bindet, was die elementarste Form der Reihenfolge darstellt. Denn es ist leicht zu sehen, dass die einfache Reihenfolge der Geschehnisse, so wie sie sich ereigneten, nur eine gewissenhafte Aufzählung, und nicht mehr, erfordert. Dagegen gibt es andere Anordnungsweisen, die tieferes Denken und umfassendere Blickwinkel voraussetzen, wenn wir das Ganze menschlich sehen. Und ich leugne nicht, dass der Heilige Geist tatsächlich nach seiner Weisheit Menschen benutzte, obwohl es kaum nötig ist zu sagen, dass Er, wenn Er will, durchaus seine Überlegenheit über jedes Mittel und jede menschliche Befähigung zeigen kann. Er konnte seine Werkzeuge entsprechend seinem unumschränkten Willen formen; und Er tat es auch. Es ist also eine Frage des inneren Beweises, wenn es sich darum handelt, welche besonderen Ordnungsweisen Gott in den verschiedenen Evangelien benutzt. Bestimmte Zeitabschnitte werden im Lukasevangelium mit großer Sorgfalt geschildert. Doch wenn wir von dem allgemeinen Ablauf des Lebens unseres Herrn sprechen, dann entdecken wir schon mit geringer Aufmerksamkeit in der großen Bedeutung, die den Zeitangaben im zweiten Evangelium gegeben wird, dass uns hier die Ereignisse vom Anfang bis zum Ende in ihrer Reihenfolge dargestellt werden. Mir scheint, dass schon das Wesen und das Ziel des Markusevangeliums diese Reihenfolge erfordern. Mit der Begründung für ein solches Urteil werden wir uns bald beschäftigen; aber jetzt kann ich mich darauf nur als meine persönliche Überzeugung beziehen.

Falls ich die Angelegenheit richtig beurteile, dann liefert das erste Kapitel des Markusevangeliums genügend Beweise, dass der Heilige Geist im Matthäusevangelium den Aussätzigen aus dem Zusammenhang von Zeit und Umständen herausgenommen und seinen Fall für einen völlig anderen Zweck reserviert hat. Es stimmt natürlich, dass Markus in diesem Beispiel den Aussätzigen nicht mit mehr Hinweisen zu Zeit und Ort versieht als Matthäus und Lukas. Wir sind deshalb bei unserer Entscheidung auf die Erkenntnis angewiesen, dass Markus gewöhnlich an der zeitlichen Reihenfolge festhält. Wenn Matthäus hier alle Fragen bezüglich der Zeit beiseitesetzt, dann geschah das im Blick auf andere, wichtigere Erwägungen zur Sache. Mit anderen Worten: Der Aussätzige wird in diesem Evangelium nach der Bergpredigt eingeführt, obwohl in Wirklichkeit das Ereignis lange vorher stattgefunden hatte. Ich denke, der Zweck ist klar ersichtlich. Der Geist Gottes gibt in unserem Kapitel ein lebendiges Bild von der Offenbarung des Messias, von seiner göttlichen Herrlichkeit und von seiner Gnade und Macht, zusammen mit den Ergebnissen dieser Offenbarung. Deshalb hat Er Ereignisse zusammengestellt, die dies deutlich machen, ohne die Frage der Zeit zu beachten. Tatsächlich umfassen sie einen weiten Zeitraum und bilden unter dem Gesichtspunkt der Zeitfolge eine völlige Unordnung. So kann man leicht den Grund dafür sehen, warum der Aussätzige und der römische Hauptmann nebeneinander gestellt sind. Sie zeigen die Handlungsweise des Herrn mit den Juden auf der einen und seine tiefe Gnade, die in dem Herzen des Nichtjuden2 wirkte und seinen Glauben formte, auf der anderen Seite. Er beantwortete den Glauben nach seinem eigenen Herzen. Der Aussätzige näherte sich dem Herrn zwar mit Huldigung, aber auch mit einem wenig angemessenen Glauben an seine Liebe und Bereitschaft zu helfen. Der Heiland berührte ihn, indem Er seine Hand ausstreckte, als Mensch, und doch, wie nur Jahwe es wagen konnte. Er vertrieb sofort die hoffnungslose Krankheit. So finden wir in zartester Weise den Messias auf der Erde gegenwärtig, um sein Volk, das sich an Ihn wendet, zu heilen. Und der Jude, der vor allem auf seine körperliche Anwesenheit rechnete und sie auch nach der Bürgschaft der Prophetie verlangte, fand in Jesus nicht einfach einen Menschen, sondern auch den Gott Israels. Wer außer Gott konnte heilen? Wer konnte den Aussätzigen anrühren außer Emmanuel? Ein bloßer Jude wäre verunreinigt worden. Der Geber des Gesetzes hielt dessen Autorität aufrecht und nutzte es als eine Gelegenheit, um seine Macht und Anwesenheit zu bezeugen. Könnte irgendein Mensch den Messias auf das Niveau eines normalen Menschen herabziehen und dem von Mose gegebenen Gesetz unterordnen? Möchte er seinen Irrtum an einer Person erkennen, die offensichtlich über dem Zustand und dem Ruin des Menschen in Israel stand! Möchte er die Macht anerkennen, die den Aussatz verbannt, und die Gnade, die obendrein den Aussätzigen berührt! Es ist wahr: Er wurde geboren von einer Frau; Er wurde geboren unter Gesetz (Gal 4,4). Aber Er, der demütige Nazarener, war Jahwe selbst. Es entsprach vollkommen den jüdischen Erwartungen, dass Er sich als Mensch erwies. Doch unleugbar zeigte sich das, was unendlich die jüdischen Gedanken übertraf. Denn der Jude offenbarte seinen niedrigen Herzenszustand und seinen Unglauben durch die niedrigen Vorstellungen, die er vom Messias hegte. Er war wirklich Gott im Menschen. Und all diese wunderbaren Eigenschaften werden vorgestellt und zusammengefasst in dieser einfachen, aber auch bedeutsamen Handlung des Heilandes – dem passenden Titelbild zu der Offenbarung des Messias an Israel durch Matthäus.

Im unmittelbaren Gegensatz dazu steht der heidnische Hauptmann, der Heilung für seinen Knecht sucht. In Wirklichkeit verging beträchtliche Zeit zwischen den beiden Begebenheiten; doch das erhöht nur die Gewissheit, dass sie nach einer göttlichen Absicht nebeneinander gestellt worden sind. Der Herr hatte gezeigt, was Er für Israel hätte sein können, wenn es, wie der Aussätzige, mit seinem Aussatz zu Ihm gekommen wäre. Israels Glaube hätte dabei nur winzig im Vergleich zu seiner wahren Herrlichkeit und Liebe zu sein brauchen. Israel war sich seines Aussatzes jedoch nicht bewusst. Außerdem schätzte es seinen Messias nicht, sondern verwarf Ihn, obwohl Er göttlich war – ich möchte fast sagen: gerade, weil Er göttlich war. Danach sehen wir Ihn dem Hauptmann auf ganz andere Weise begegnen. Wenn Er ihm anbot, zu seinem Haus zu kommen, dann geschah es, um den Glauben, den Er in dem Herzen des Hauptmanns bewirkt hatte, herauszustellen. Da er ein Heide war, waren seine Vorstellungen von dem Heiland durch die weit verbreiteten Vorurteile Israels – ja, selbst durch alttestamentliche Hoffnungen, so kostbar sie auch sind – natürlich umso weniger eingeschränkt. Gott hatte seiner Seele eine tiefere und vollere Sicht von Christus gegeben; denn die Worte des Nichtjuden offenbarten, dass er  Gott in jenem Menschen erkannte, der zur damaligen Zeit in Galiläa alle Krankheiten und Leiden heilte. Ich sage nicht, inwieweit er sich über diese tiefgründige Wahrheit im Klaren war. Ich sage nicht, dass er seine Gedanken genau bestimmen konnte. Aber er wusste von seiner Herrschaft über alle Dinge als wahrer Gott und verkündete sie auch. In ihm lag eine geistliche Kraft, welche die des Aussätzigen weit übertraf. Letzterem musste die Hand, die ihn anrührte und reinigte, erst die Not und den Zustand Israels sowie die Gnade Emmanuels bekannt machen.

Bei dem Nichtjuden stellte das Angebot des Herrn, zu ihm zu kommen und zu heilen, die einzigartige Kraft seines Glaubens heraus. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach trittst“ (V. 8). Der Herr brauchte nur ein Wort zu sagen, und sein Knecht würde geheilt. Die körperliche Anwesenheit des Messias war nicht erforderlich. Gott konnte nicht durch eine Frage des Aufenthaltsortes eingeschränkt sein; Sein Wort war genug. Krankheiten müssen Ihm gehorchen wie die Soldaten oder Knechte dem Hauptmann, ihrem Vorgesetzten. Was für eine Vorwegnahme des Wandels durch Glauben und nicht durch Schauen! (2. Kor 5,7). Darin sollten die Nichtjuden, nachdem sie berufen waren, Gott verherrlichen, wenn die Verwerfung des Messias durch sein altes Volk die Gelegenheit zur besonderen Berufung der Nichtjuden bot. Es ist klar, dass zu der ersten Szene unbedingt die körperliche Anwesenheit des Messias gehörte, wie wir es in dem Umgang mit dem Aussätzigen sehen. Dieser ist ein Bild von Israel, wenn es Reinigung von seiner Hand sucht. Auf der anderen Seite zeigt der Hauptmann nicht weniger treffend den charakteristischen Glauben, der den Nichtjuden angemessen ist. In einer Einfalt, die nichts als das Wort seines Mundes erwartet und damit völlig zufrieden ist, weiß er, dass der Herr – welche Krankheit es auch sein mag – nur ein Wort auszusprechen braucht, damit alles nach seinem göttlichen Willen geschieht. Jener Gesegnete war da, den er als Gott erkannte und der für ihn die Personifikation der göttlichen Macht und Güte darstellte. Seine körperliche Anwesenheit war nicht nötig; Sein Wort war mehr als genug. Der Herr bewunderte diesen Glauben, der weit denjenigen Israels übertraf. Er benutzte ihn als Gelegenheit, um auf das Hinauswerfen der Söhne oder natürlichen Erben des Reiches und das Eintreten Vieler vom Osten und vom Westen, die mit Abraham, Isaak und Jakob im Reich der Himmel sich niedersetzen werden, hinzuweisen. Was könnte vollkommener den großen Plan des Matthäusevangeliums verdeutlichen?

So haben wir in der Szene mit dem Aussätzigen „Der Herr [Jahwe], der dich heilt“ (2. Mo 15,26), als Mensch auf der Erde und in jüdischen Umständen, der noch das Gesetz aufrecht hält. Als nächstes legte der Hauptmann ein Bekenntnis von Jesus ab, das nicht mehr seinen Charakter als Messias verkündigte, obwohl Er damals tatsächlich noch mit Israel beschäftigt war. Sein Bekenntnis war nach dem Glauben, der die tiefere Herrlichkeit seiner Person als Höchster sah – fähig durch ein Wort zu heilen, egal, wo oder wen oder was. Und dies begrüßte der Herr als Vorschattung auf jenen reichen Einzug vieler Menschenmengen zum Preis seines Namens, wenn die Juden hinausgeworfen sein werden. Offensichtlich handelt es sich hier um den Wechsel der Haushaltung, der bevorstand – das Abschneiden des fleischlichen Samens wegen seines Unglaubens und die Einführung von zahlreichen Gläubigen aus den Nationen im Namen des Herrn.

Dann folgt eine andere Begebenheit, welche in gleicher Weise zeigt, dass der Geist Gottes hier nicht die Ereignisse in ihrer natürlichen Reihenfolge anführt. Denn ganz gewiss war nicht jetzt, historisch gesehen, der Zeitpunkt, an dem der Herr in das Haus des Petrus ging, die Schwiegermutter fieberkrank dort liegen sah, ihre Hand anrührte und sie aufrichtete, sodass sie ihnen sogleich diente. In dieser Handlung haben wir wieder ein treffendes Beispiel desselben Grundsatzes; denn tatsächlich wurde dieses Wunder lange vor der Heilung von des Hauptmanns Knecht und sogar vor der des Aussätzigen ausgeführt. Darüber vergewissert uns erneut Markus 1, wo wir klare Zeitangaben finden. Der Herr war in Kapernaum, wo Petrus wohnte. An einem bestimmten Sabbat nach der Berufung von Petrus wirkte Er in der Synagoge große Taten, die in Markus 1 und auch von Lukas berichtet werden. Vers 29 gibt uns eine genaue Zeitangabe. „Und sogleich gingen sie aus der Synagoge hinaus und kamen in das Haus von Simon und Andreas, mit Jakobus und Johannes. Die Schwiegermutter Simons aber lag fieberkrank danieder; und sogleich sagen sie ihm von ihr. Und er trat hinzu und richtete sie auf, indem er sie bei der Hand ergriff; und das Fieber verließ sie [sogleich], und sie diente ihnen“ (Mk 1,29–31). Es muss schon die Leichtgläubigkeit eines Skeptikers sein, zu glauben, dass es sich nicht um dasselbe Ereignis handelt, welches wir in Matthäus 8 finden. Ich bin sicher, dass kein Christ diesbezüglich einen Zweifel hegt. Allerdings ist dann völlig gewiss, dass unser Herr an dem Sabbat, an welchem Er den unreinen Geist aus dem Menschen in der Synagoge von Kapernaum ausgetrieben hatte, die Synagoge verließ und unmittelbar danach das Haus des Petrus betrat. Und dort heilte Er die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber. Beachtliche Zeit später folgte der Fall des Hauptmanns und seines Knechtes, dem die Reinigung des Aussätzigen um einige Zeit vorausging.

Was sollen wir von einer so auffallenden Auswahl und solcher vollständigen Missachtung der Zeit halten? Sie sind sicherlich nicht auf Ungenauigkeit oder Gleichgültigkeit gegen die Reihenfolge zurückzuführen, sondern im Gegenteil auf die göttliche Weisheit, welche die Ereignisse für einen ihrer selbst würdigen Zweck so gruppierte. Gottes Zusammenstellung aller Dinge, insbesondere in diesem Teil des Matthäusevangeliums, soll uns eine angemessene Offenbarung des Messias geben. Zuerst sollen wir, wie wir gesehen haben, erkennen, wie Er der dringenden Bitte des Juden begegnet. Danach erfahren wir, was Er in noch reicherer Form und Fülle für den Glauben des Nichtjuden ist und sein wird. So haben wir jetzt in der Heilung von Petrus' Schwiegermutter einen weiteren Grundsatz von großer Bedeutung. Seine Gnade gegen die Heiden würde nicht im Geringsten sein Herz für die Anrechte von Beziehungen nach dem Fleisch abstumpfen. Es handelt sich eindeutig um die Beziehung zum Apostel der Beschneidung (es ist die Schwiegermutter des  Petrus). Das natürliche Band wird in den Vordergrund gestellt; und jenes war ein Vorrecht, welches Christus nicht unbeachtet ließ. Denn Er liebte Petrus und fühlte mit ihm. Die Mutter seiner Frau war wertvoll in den Augen Jesu. Das stellt keineswegs das Verhältnis vor, in dem der Christ zu Christus steht. Denn selbst wenn wir Ihn nach dem Fleisch gekannt hätten, so kennen wir Ihn jetzt nicht mehr so (2. Kor 5,16). Aber es ist genau das Muster, nach welchem Er mit Israel handeln musste und handeln wird. Zion mag von dem Herrn, der vergeblich gearbeitet hatte und den die Nation verabscheute, sagen: „Der HERR [Jahwe] hat mich verlassen, und der Herr hat mich vergessen“ (Jes 49,14). Keineswegs! „Könnte auch eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten sogar diese vergessen, ich werde dich nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet“ (Jes 49,15–16). So erkennen wir, dass trotz der reichen Gnade gegen die Heiden die natürlichen Beziehungen nicht vergessen werden.

Am Abend wurden viele Menschen zum Herrn gebracht, um Nutzen aus der Macht zu ziehen, die sich so – öffentlich in der Synagoge und privat im Haus des Petrus – kundgetan hatte. Der Herr erfüllte die Worte in Jesaja 53,4: „Doch er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen.“  Diese Prophezeiung mögen wir gut im Licht ihrer Anwendung hier überdenken! In welchem Sinn trug Jesus, unser Herr, ihre Leiden und lud Er ihre Schmerzen auf sich? Ich glaube, indem Er nie die Kraft, welche in Ihm war, zur Heilung von Krankheit und Gebrechen als reine Anwendung von Macht gebrauchte. Er versetzte sich völlig in die Wirklichkeit eines jeden einzelnen Falles mit einem tiefen Gefühl des Mitleidens. Er heilte; und dabei trug Er die Bürde der Krankheit in seinem Herzen vor Gott ebenso wirklich, wie Er sie von den Menschen wegnahm. Gerade weil Er nicht von Krankheiten und Gebrechen berührt werden konnte, war Er frei, auf diese Weise jede Folge der Sünde zu tragen. Es war demnach nicht nur eine einfache Tat, durch die Er Krankheiten und Leiden verbannte, sondern Er trug letztere auch in seinem Geist vor Gott. Nach meiner Meinung erhöht die Tiefe einer solchen Gnade nur die Schönheit Jesu. Sie ist der letztmögliche Grund für einen Menschen, gering von dem Heiland zu denken.

Danach sah unser Herr, wie Ihm große Volksmengen folgten, und befahl, an das jenseitige Ufer wegzufahren. Hier finden wir ein weiteres Beispiel desselben bemerkenswerten Grundsatzes, Ereignisse auszuwählen, um ein komplettes Bild zu formen, welchen ich für den wahren Schlüssel zu den abweichenden Reihenfolgen in den einzelnen Evangelien halte. Dem Geist Gottes gefiel es, Tatsachen auszuwählen und zusammenzustellen, um Ereignisse, die sonst getrennt stehen würden, zu verbinden. Denn hier folgen Gespräche, die viel später stattfanden, als die Begebenheiten, mit denen wir bisher beschäftigt waren. Wenn wir der Frage ihres Datums nachgehen – wann, glaubst du, haben diese Gespräche wirklich stattgefunden? Beachte, mit welcher Sorgfalt der Geist Gottes hier sämtliche Hinweise zum Zeitpunkt weglässt! „Und ein Schriftgelehrter kam herzu“ (V. 19). Es gibt keinen zeitlichen Hinweis, wann er kam; die Bibel sagt nur, dass er kam. In Wirklichkeit kam er nach der Verklärung, die im 17. Kapitel unseres Evangeliums berichtet wird. Danach bot der Schriftgelehrte an, dem Herrn Jesus zu folgen, wohin immer Er gehen würde. Wir erfahren dies aus dem Vergleich mit dem Lukasevangelium (Kap. 9). Das gilt auch für das andere Gespräch. „Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben“ (V. 21). Nachdem die Herrlichkeit Christi auf dem heiligen Berg bezeugt worden war, zeigte sich die Selbstsucht des menschlichen Herzens im Gegensatz zu der Gnade Gottes.

Als nächstes folgt der Sturm. „Und siehe, ein großes Unwetter erhob sich auf dem See, so dass das Schiff von den Wellen bedeckt wurde; er aber schlief“ (V. 24). Wann fand dieses Ereignis statt, wenn wir es rein als historische Tatsache betrachten? Am Abend des Tages, an dem Er die sieben Gleichnisse von Matthäus 13 ausgesprochen hatte. Das wird klar, wenn wir das Markusevangelium zum Vergleich heranziehen. Denn Markus 4,33–41 stimmt mit unserem Abschnitt überein und liefert Daten, die keine Zweifel lassen. Zuerst lesen wir vom Sämann, der das Wort aussät. Nach dem Gleichnis vom Senfkorn wird hinzugefügt: „Und in  vielen solchen Gleichnissen redete er zu ihnen das Wort … aber seinen Jüngern erklärte er alles besonders“ (Mk 4,34).  (Sowohl die Gleichnisse als auch die Erklärungen finden wir in Matthäus 13.) „Und an jenem Tag, als es Abend geworden war, spricht er zu ihnen: Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer.“  (Das nenne ich eine genaue, unmissverständliche Zeitangabe!) „Und sie entlassen die Volksmenge und nehmen ihn, wie er war, in dem Schiff mit. Und andere Schiffe waren bei ihm. Und es erhebt sich ein heftiger Sturm, und die Wellen schlugen in das Schiff, sodass das Schiff sich schon füllte. Und er war im hinteren Teil und schlief auf dem Kopfkissen; und sie wecken ihn auf und sprechen zu ihm: Lehrer, liegt dir nichts daran, dass wir umkommen? Und er wachte auf, schalt den Wind und sprach zu dem See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine große Stille ein. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich mit großer Furcht und sprachen zueinander: Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorchen?“ (Mk 4,35–41). Danach (und das macht die Angelegenheit noch eindeutiger) folgt der Fall des Besessenen.

Es ist wahr: Bei Markus und Lukas lesen wir nur von einem Besessenen, während wir in unserem Evangelium zwei finden. Nichts könnte einfacher sein. Es waren zwei. Doch der Geist Gottes wählte durch Markus und Lukas den Auffallendsten von den beiden aus und stellt uns seine Geschichte vor – eine Geschichte von nicht geringem Interesse und einer Bedeutung, die wir erkennen werden, wenn wir das Markusevangelium betrachten. Es war allerdings ebenso wichtig für das Matthäusevangelium, dass hier von beiden Besessenen berichtet wird, obwohl einer von ihnen, wie ich schließe, ein viel verzweifelterer Fall war als der andere. Der Grund dafür ist wieder klar; und denselben Grundsatz finden wir auch an anderen Stellen unseres Evangeliums, wo zwei Fälle erwähnt werden und in den übrigen Evangelien nur einer. Der Schlüssel dazu besteht darin, dass Matthäus durch den Heiligen Geist angeleitet wurde, das angemessene Zeugnis für das jüdische Volk im Auge zu haben. Die zarte Güte Gottes begegnete den Juden in einer Weise, wie es unter dem Gesetz passend war. Es war nun ein festgelegtes Prinzip, dass aus dem Mund  zweier oder dreier Zeugen jedes Wort bestätigt werden sollte (5. Mo 17,6; Mt 18,16; u. a.). Das ist also, wie ich annehme, der Grund, warum zwei Besessene erwähnt werden. Hingegen lenkt der Geist Gottes zu einem anderen Zweck im Markus- und Lukasevangelium die Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen von den beiden. Ein Nichtjude – ja, jede Seele ohne Vorurteile oder Schwierigkeiten aus dem Gesetz – würde mehr durch einen ins einzelne gehenden Bericht von dem, was besonders auffällig war, angesprochen werden. Zwei Besessene, ohne die persönlichen Einzelheiten, würden vielleicht keine kraftvolle Wirkung auf einen Nichtjuden ausgeübt haben. Für einen Juden mochte ein solcher Hinweis jedoch aus gewissen Gründen notwendig sein. Ich maße mir nicht an zu sagen, dass dies der einzige Grund ist. Fern sei es von mir, den Geist Gottes auf die schmalen Grenzen unseres Gesichtsfeldes zu beschränken! Niemand möge annehmen, dass ich, wenn ich meine eigenen Überzeugungen darlege, den anmaßenden Gedanken hege, als seien diese die einzigen Beweggründe für Gott! Es genügt, wenn man einer von Vielen empfundenen Schwierigkeit mit dem einfachen Einwand begegnet, dass die dargelegte Begründung eine stichhaltige Erklärung und in sich selbst eine ausreichende Lösung für die offensichtlichen Unstimmigkeiten bietet. Wenn es so ist, dann haben wir sicher Grund, Gott dankbar zu sein; denn so wird ein Stein des Anstoßes zu einem Beweis von der Vollkommenheit der Bibel.

Überblicken wir die letzten Ereignisse des Kapitels, dann finden wir zuerst, wie völlig wertlos die Bereitschaft des Fleisches zur Nachfolge Christi ist. Die Beweggründe des natürlichen Herzens werden freigelegt. Wollte dieser Schriftgelehrte dem Herrn nachfolgen? Er war nicht berufen. Das ist die Verkehrtheit des Menschen. Jemand, der nicht berufen war, dachte, er könne Jesus nachfolgen, wohin irgend Er gehen würde. Der Herr wies auf das wahre Verlangen des Mannes hin. Es war nicht Christus, nicht der Himmel, nicht die Ewigkeit, sondern Dinge dieses Lebens. Er wollte dem Herrn um des Vorteils willen folgen. Der Schriftgelehrte suchte nicht die verborgene Herrlichkeit. Wenn er sie gesehen hätte, hätte er auch erkannt, dass alles vorhanden war. Aber er sah sie nicht. Und so breitete der Herr seine tatsächliche Lage, wie sie buchstäblich damals war, vor ihm aus, ohne ein Wort über das Unsichtbare und Ewige. „Die Füchse haben Höhlen“, sagte Er, „und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege“ (V. 20). Hier nahm Er zum ersten Mal in diesem Evangelium den Titel „Sohn des Menschen“  an. Vor seinen Augen stand seine Verwerfung und der überhebliche Unglaube dieses schäbigen und selbstvertrauenden Möchtegern-Nachfolgers.

Wenn wir dann jemand anderem (und jetzt ist es einer seiner Jünger!) zuhören, dann erfahren wir, wie der Glaube sofort seine Schwachheit zeigt. „Erlaube mir“, sagte er, „zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben“ (V. 21). Der Mensch, der nicht berufen war, versprach in eigener Kraft überall hin zu gehen. Doch derjenige, der berufen war, fühlte die Schwierigkeit und entschuldigte sich mit der Erfüllung natürlicher Pflichten.  Danach wollte er Jesus folgen. Oh, was haben wir für Herzen! Aber was für ein Herz hat Er!

In der nächsten Szene sehen wir dann die Jünger insgesamt, wie sie durch eine plötzliche Gefahr versucht werden, die ihr schlafender Lehrer gar nicht beachtete. Das stellte ihre Gedanken bezüglich der Herrlichkeit Jesu auf die Probe. Der Sturm war ohne Zweifel groß. Aber was konnte er Jesus antun? Unzweifelhaft wurde das Schiff von den Wellen bedeckt. Wie konnten diese jedoch den Herrn aller Dinge gefährden? Sie vergaßen seine Herrlichkeit in ihrer Angst und Selbstsucht. Sie maßen Jesus an ihrer eigenen Unfähigkeit. Ein großer Sturm und ein sinkendes Schiff sind ernste Schwierigkeiten für einen Menschen. „Herr, rette uns, wir kommen um!“ (V. 25), riefen sie, als sie Ihn weckten. Und Er stand auf und bedrohte die Winde und den See. Kleinglaube macht uns furchtsam und lässt uns ein trübes Zeugnis von der Herrlichkeit Dessen sein, dem die ungebändigtsten Elemente gehorchen.

In dem Folgenden haben wir die notwendige Vervollständigung des Bildes auf der anderen Seite. Der Herr wirkt in befreiender Kraft. Dabei erfüllt dann die Macht Satans die Unreinen und treibt sie in ihr Verderben. Angesichts dieser Dinge ist der Mensch durch den Feind so verführt, dass er es vorzieht, mit den Dämonen allein gelassen zu bleiben, anstatt sich der Gegenwart des Befreiers zu erfreuen. Das war und ist der Mensch. Doch auch die Zukunft steht im Blickfeld. Die befreiten Besessenen sind, nach meiner Ansicht, ein eindeutiger Vorschatten auf die Gnade des Herrn in den letzten Tagen, wenn Er einen Überrest Israels für sich absondert und die Macht Satans von diesem kleinen, aber ausreichenden Zeugnis seines Heils verbannt. Die bösen Geister bitten, in die Herde Schweine fahren zu dürfen, welche so den letzten Zustand der befleckten, abtrünnigen Masse Israels versinnbildlichen. Ihr überheblicher, unverschämter Unglaube erniedrigt sie zu dieser tiefen Entehrung. Sie sind nicht nur unrein, sondern zusätzlich erfüllt von der Macht Satans: und sie eilen einem schnellen Untergang entgegen. Es ist ein genaues Bild von dem, was am Ende des Zeitalters sein wird. Die Masse der ungläubigen Juden ist jetzt unrein. Dann werden sie jedoch dem Teufel übergeben zu ihrem offensichtlichen Untergang. Wir erkennen folglich in diesem Kapitel eine zusammenfassende Skizze von der Offenbarung des Herrn seit jener Zeit bis, im Vorbild, zum Ende des Zeitalters.

Fußnoten

  • 1 Ein Zeugnis aus heutiger Zeit für diese auf den ersten Blick seltsam erscheinende Aussage Kellys stand in „Bibelreport“ 2/1990, S. 10: „Die Bibel ist für mich nicht mehr jenes fremde, alte, heilige, unverständliche, ja ärgerliche und zuweilen bedrohliche Buch, wogegen ich mich einst als Jugendlicher zur Wehr setzte.“ Leider fand der Schreiber dieses Satzes seine „gründlich veränderte Sicht der Bibel“ nicht in einer echten Einsicht in ihre Wahrheit (Übs.).
  • 2 Der Übersetzer möchte schon hier darauf hinweisen, dass er normalerweise in diesem Buch die Worte für „Heiden“ (engl.: „gentiles“) und „Nationen“ (engl.: „nations“) mit „Nichtjuden“ übersetzt, außer wenn aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass der Text wirklich die Originalworte fordert. Im Allgemeinen sind aber in der Bibel und so auch bei Kelly die Menschen außerhalb des Judentums gemeint, wenn von Heiden oder Nationen gesprochen wird. Da aber beide Worte heutzutage mit einem besonderen Bedeutungsinhalt besetzt sind, der die Gedanken von der vom Heiligen Geist gemeinten Aussage weglenken könnte, sei es mir gestattet, dieses eindeutigere Wort „Nichtjuden“ zu verwenden (Übs.).

Kapitel 9

Das folgende Kapitel ergänzt ohne Frage die Präsentation des Herrn an Israel, jedoch von einem anderen Gesichtspunkt aus. Denn in Kapitel 9 wird nicht so sehr das Volk auf die Probe gestellt, sondern insbesondere seine religiösen Führer, bis zuletzt alles mit Lästerung des Heiligen Geistes endet. Jetzt werden die Dinge noch eingehender geprüft. Wäre irgendetwas Gutes in Israel gewesen, dann hätten seine auserlesenen Führer den Test bestanden. Das Volk mochte versagen; aber es gab gewiss Unterschiede! Sicherlich konnten die Geehrten und Angesehenen nicht so verdorben sein! Die gesalbten Priester im Haus Gottes – würden sie nicht schließlich ihren Messias aufnehmen? Diese Frage wird demnach im neunten Kapitel auf den Prüfstand gesetzt. Deshalb sind die Ereignisse wieder, wie im 8. Kapitel, zusammengestellt, ohne die Zeitpunkte, zu denen sie geschahen, zu beachten.

„Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt“ (V. 1). Nachdem der Herr Nazareth verlassen hatte, nahm Er, wie wir gesehen haben, seinen Wohnsitz in Kapernaum, das hinfort „seine eigene Stadt“  wurde. Für die stolzen Bewohner Jerusalems waren beide, die eine wie die andere, ohne großen Unterschied in einem Land der Finsternis. Aber für ein Land der Finsternis, der Sünde und des Todes kam Jesus vom Himmel – ein Messias, nicht nach ihren Gedanken, sondern der Herr und Heiland, der Gott-Mensch. Diesmal wurde ein Gelähmter, der auf seinem Bett lag, zu Ihm gebracht. „Und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei guten Mutes, Kind, deine Sünden werden vergeben“ (V. 2b). Es ist klar, hier handelt es sich nicht so sehr um Sünde unter dem Gesichtspunkt der Unreinheit. Dieser umfasst weiter reichende Gedanken, die nichtsdestoweniger mit den gottesdienstlichen Forderungen Israels in Verbindung standen, wie wir aus dem entnehmen können, was unser Herr zu dem gereinigten Aussätzigen sagt. In Kapitel 9 geht es jedoch insbesondere um Sünde, als Schuld gesehen. Diese bricht und zerstört alle Kraft in der Seele, Gott und den Menschen gegenüber, vollständig. Folglich ist es jetzt nicht eine Frage der Reinigung, sondern der Vergebung. Diese Vergebung muss vorausgehen, ehe sich Kraft vor den Menschen zeigt. Es kann in der Seele keine Kraft geben, bevor die Vergebung gekannt wird. Es mag das Verlangen danach vorhanden sein und ein wirkliches Werk des Heiligen Geistes in der Seele – dennoch gibt es keine Kraft, um vor den Menschen zu wandeln und auf diese Weise Gott zu verherrlichen, bevor man die Vergebung besitzt und sich ihrer im Herzen erfreut. Gerade diese Segnung erweckte vor allem den Hass der Schriftgelehrten. Der Priester in Kapitel 8 konnte nicht leugnen, was mit dem Aussätzigen geschehen war, welcher sich ordnungsgemäß zeigte und sein Opfer nach dem Gesetz zum Altar brachte. Wenn es auch ein Zeugnis für sie war, so war es doch in seinen Folgen eine Anerkennung der Anordnungen Moses. Doch jetzt weckte die Vergebung, die auf der Erde ausgesprochen wurde, den Stolz der religiösen Führer unversöhnlich bis ins innerste Herz. Trotzdem hielt der Herr den unbegrenzten Segen nicht zurück, obwohl Er sehr gut ihre Gedanken kannte. Er sprach das Wort der Vergebung aus, obschon Er in ihren bösen Herzen las, dass sie es „Lästerung“ nannten. In dieser Begebenheit zeigte sich die zunehmende völlige Verwerfung Jesu. Diese Verwerfung wurde zuerst wispernd im Herzen zugelassen. Bald sprach sie sich jedoch aus in Worten wie gezückte Schwerter.

„Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei guten Mutes, Kind, deine Sünden werden vergeben“ (V. 2). Jesus beantwortete in gesegneter Weise ihre Gedanken. Wäre doch nur ein Gewissen da gewesen, um das Wort der Gnade und Macht zu hören, welches seine Herrlichkeit nur umso mehr herausstellte! „Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat, auf der Erde Sünden zu vergeben“ (V. 6a). Er nimmt seinen Platz der Verwerfung ein; denn für Ihn ist sie schon jetzt durch ihre innersten Gedanken bekannt, obwohl sie noch nicht offen zutage trat. „Und siehe, einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert“ (V. 3). Doch Er ist der Sohn des Menschen, der auf der Erde Gewalt hat, Sünden zu vergeben. Und Er gebraucht diese Autorität. „Damit ihr aber wisst ... Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus“ (V. 6b). Der Gang des Mannes vor ihnen bezeugte die Wirklichkeit der Vergebung vor Gott. So sollte es bei jeder Seele sein, der vergeben wurde. Seinerzeit rief dieses Werk noch Verwunderung seitens der zuschauenden Volksmenge darüber hervor, dass Gott solche Macht den Menschen gegeben hat. Sie verherrlichten Gott.

Auf dieser Grundlage ging der Herr noch einen Schritt weiter und machte, falls möglich, einen noch heftigeren Angriff auf die jüdischen Vorurteile. Hier wurde Er nicht von einem Aussätzigen, einem Hauptmann oder den Freunden des Gelähmten  gesucht.  Er selbst berief Matthäus, einen Zöllner – gerade denjenigen, der das Evangelium des verachteten Jesus von Nazareth schreiben sollte. Was für ein passendes Werkzeug! Ein verschmähter Messias wandte sich, als Er von seinem Volk Israel verworfen wurde, nach dem Willen Gottes an die Nationen. Er konnte überall nach „Zöllnern“ und „Sündern“ sehen. So wurde Matthäus von der Zolleinnahme wegberufen. Er folgte Jesus und machte Ihm ein Festmahl. Das gab den Pharisäern Gelegenheit, ihrem Unglauben Luft zu machen. Für sie war nichts so ärgerlich wie Gnade in Lehre oder Praxis. Die Schriftgelehrten am Anfang des Kapitels konnten ihre bittere Ablehnung seiner Herrlichkeit als Mensch auf der Erde nicht vor dem Herrn verbergen. Er war berechtigt, wie es seine Erniedrigung und sein Kreuz erweisen sollten, Sünden zu vergeben. Jetzt zweifelten diese Pharisäer seine Gnade an und tadelten sie, als sie Ihn zwanglos mit Zöllnern und Sündern, die hinzukamen und sich in dem Haus des Matthäus zu Ihm gesellten, sitzen sahen. Sie sagten zu seinen Jüngern: „Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ (V. 11). Der Herr zeigte, dass ein solcher Unglaube gerechter- und notwendigerweise sich selbst, aber nicht andere, vom Segen ausschloss. Er war gekommen zu heilen. Die Gesunden benötigten keinen Arzt. Wie wenig hatten sie die göttliche Lektion von Gnade anstelle von Anordnungen gelernt! „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer“ (V. 13). Jesus war da, um Sünder, und nicht Gerechte, zu rufen.

Indessen war der Unglaube nicht auf diese Religionisten des Buchstabens und der Form beschränkt; denn als nächstes kam die Frage der Jünger des Johannes: „Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht?“ (V. 14). Überall wird das religiöse Wesen geprüft und mangelhaft erfunden. Der Herr verteidigte die Sache der Jünger. „Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (V. 15). Das Fasten würde schon nach der Wegnahme des Bräutigams folgen. So stellte Er heraus, wie völlig unpassend, sittlich gesehen, ein Fasten in diesem Moment war. Aber Er gab auch zu verstehen, dass es nicht nur um seine Verwerfung ging, sondern dass auch jede Verknüpfung seiner Lehre und seines Willens mit dem Alten sich als absolut unmöglich erweisen musste. Was Er einführte, konnte nicht mit dem Judentum vermischt werden. Dieser Zwiespalt beruhte also nicht allein auf dem bösen Herzen des Unglaubens, insbesondere in den Juden, sondern auch auf dem Grundsatz, dass Gesetz und Gnade nicht vereinigt werden können. „Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleidungsstück; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleidungsstück ab, und der Riss wird schlimmer (V. 16). Obendrein handelte es sich nicht ausschließlich um einen Unterschied in der Gestalt, den die Wahrheit jetzt annahm; denn das lebendige Prinzip, welches Christus nun verbreitete, konnte nicht in den alten Formen bewahrt werden. „Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, und beide bleiben zusammen erhalten“ (V. 17). Sowohl der Geist als auch die äußere Gestalt des Neuen waren fremd.

Obwohl der große Wechsel, den Er einführte und den Er so ausführlich und früh in seinem Werdegang deutlich machte, vor Ihm stand, konnte nichts sein Herz von Israel abwenden. Schon das nächste Ereignis, der Fall des Vorstehers Jairus, zeigt dies. „Meine Tochter ist eben jetzt verschieden; aber komm und lege deine Hand auf sie, und sie wird leben“ (V. 18). Die Einzelheiten – nämlich, dass sie kurz vor dem Tod stand und dass dann vor Erreichen des Hauses die Nachricht kam, dass sie gerade gestorben sei – finden wir nicht hier, sondern anderswo. Zu welchem Zeitpunkt dies auch geschehen sein mag, welche Nebenumstände von anderen Schreibern zusätzlich erwähnt werden – der Bericht hier soll darlegen, dass Er, der Messias, der Geber des Lebens blieb, auch wenn, menschlich gesprochen, alles zu spät und Israels Zustand hoffnungslos bis zum Tod war. Er war da, ein verachteter Mensch. Dennoch hatte Er das Recht, Sünden zu vergeben; und Er bewies es durch die unmittelbare Macht der Heilung. Wenn solche, die darauf vertrauten, dass sie weise und gerecht waren, Ihn ablehnten, dann wollte Er sogar einen Zöllner unter die Geehrtesten seiner Jünger berufen. Er würde es nicht verschmähen, ihre Freude zu sein, wenn sie nach seiner Ehre in der Ausübung seiner Gnade verlangten. Die Traurigkeit mochte bald folgen, wenn Er, der Bräutigam seines Volkes, weggenommen sein würde; dann sollten sie fasten.

Nichtsdestoweniger war sein Ohr offen für den Ruf zugunsten des umkommenden, sterbenden, toten Israels. Er hatte die Jünger auf die neuen Dinge vorbereitet, die sich unmöglich mit den alten vereinigen konnten. Trotzdem finden wir seine Zuneigungen beschäftigt mit der Hilfe für die Hilflosen. Er ging hin, um die Tote aufzuerwecken; und die blutflüssige Frau berührte Ihn auf dem Weg. Unbehindert durch das große Ziel war Er immer für den Glauben da. Die Beschäftigung mit der Frau gehörte nicht zu dem Gang, auf dem Er sich befand; aber Er war für den Glauben da. Seine Speise war, den Willen Gottes zu tun (Joh 4,34). Er befand sich ausdrücklich dazu auf der Erde, um Gott zu verherrlichen. Macht und Liebe waren für jeden gekommen, der Nutzen daraus ziehen wollte. Wenn es eine Rechtfertigung der Beschneidung durch Glauben gab, dann zweifellos auch eine Rechtfertigung der Vorhaut durch deren Glauben (Röm 3,30). Es war egal, wer oder was Ihm in den Weg trat. Wer immer Ihn anrief, für den war Er da. Und Er war Jesus, Emmanuel. Als Er das Haus erreichte, fand Er dort Flötenspieler und eine lärmende Volksmenge als Ausdruck, wenn überhaupt des Jammers, dann doch auf jeden Fall der kraftlosen Verzweiflung. Sie spotteten der ruhigen Äußerung Dessen, der Dinge ins Dasein ruft, die es vorher nicht gab. Der Herr trieb die Ungläubigen hinaus und demonstrierte die herrliche Wahrheit, dass das Mädchen nicht tot war, sondern lebte.

Das ist jedoch nicht alles. Er gibt den Blinden das Gesicht. „Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids!“ (V. 27). Dies fehlte noch, um das Bild vollständig zu machen. Dem schlafenden Mädchen aus Zion wurde Leben mitgeteilt. Die Blinden riefen Ihn als Sohn Davids an – und nicht vergebens. Sie bekannten ihren Glauben; und Er berührte ihre Augen. Auch angesichts der Besonderheit der neuen Segnungen konnten die alten weiterhin aufrechterhalten werden – wenn auch auf neuer Grundlage und natürlich aufgrund des Bekenntnisses, dass Jesus Herr ist zur Verherrlichung Gottes, des Vaters (Phil 2,11). Die beiden Blinden riefen Ihn an als Sohn Davids. Das ist ein Muster von dem, was am Ende sein wird, wenn sich das Herz Israels zum Herrn wendet und die Decke weggetan worden ist (2. Kor 3,16). „Euch geschehe nach eurem Glauben“ (V. 29).

Es genügte nicht, dass Israel aus dem Schlaf des Todes aufgeweckt wurde und richtig sah. Neben Augen, die an Ihm hingen, musste auch ein Mund da sein, um den Herrn zu preisen und von dem herrlichen Ruhm seiner Majestät zu sprechen. Deshalb finden wir hier noch eine weitere Szene. Am strahlenden Tag seines Kommens muss Israel ein volles Zeugnis ablegen. Folglich sehen wir jetzt einen Zeugen davon. Dieses Zeugnis ist umso lieblicher, weil die völlige Verwerfung, welche die Herzen der Führer erfüllte, dem Herrn offenbarte, was bevorstand. Doch nichts konnte die Absicht Gottes oder die Aktivität seiner Gnade aufhalten. „Als sie aber weggingen, siehe, da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war. Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen verwunderten sich und sprachen: Niemals wurde so etwas in Israel gesehen“ (V. 32–33). Die Pharisäer waren zornig auf eine Macht, die sie nicht leugnen konnten und die sie wegen ihrer beharrlichen Gnade umso mehr tadelte. Jesus überhörte damals noch alle Lästerung und ging seinen Weg weiter. Nichts hinderte seinen Lauf der Liebe. „Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen“ (V. 35). Der treue und wahrhaftige Zeuge musste jene Macht in Güte entfalten, welche in der zukünftigen Welt völlig herausgestellt wird. An jenem großen Tag wird der Herr sich jedem Auge als Sohn Davids, sowie als Sohn des Menschen, offenbaren.

Kapitel 10-11

Am Ende des 9. Kapitels fordert der Herr in tiefem Mitgefühl die Jünger auf, dass sie zum Herrn der Ernte um das Aussenden von Arbeitern in seine Ernte beten möchten. Am Anfang von Kapitel 10 sendet Er  sie selber als Arbeiter aus.  Er ist der Herr der Ernte. Die Aussendung war ein großer Schritt vorwärts angesichts seiner Verwerfung. In unserem Evangelium sehen wir nicht, wie die Jünger berufen und als Apostel eingesetzt werden. Matthäus gibt keine solchen Einzelheiten; bei ihm sind Berufung und Aussendung eins. Doch – wie wir schon festgestellt haben – fand die Wahl und Einsetzung der zwölf Apostel in Wirklichkeit vor der Bergpredigt statt, obwohl Matthäus das nicht erwähnt, wohl aber Markus und Lukas (vgl. Mk 3,13–19; 6,7–11; Lk 6,12–16; 9,1–9). Die Aussendung der Apostel fand erst später statt. Bei Matthäus wird ihre Berufung nicht von ihrer Aussendung getrennt. Dennoch steht ihre Mission hier in strenger Übereinstimmung mit dem, was dieses Evangelium verlangt. Es ist ein Aufruf des Königs an sein Volk Israel. So ausschließlich steht Israel im Blickfeld, dass der Herr kein Wort über die Versammlung (Kirche) oder den Zustand des Christentums, das dazwischen geschoben wird, verliert. Er spricht von Israel, und zwar von Israel in seinem damaligen und in seinem zukünftigen Zustand vor seinem Kommen in Herrlichkeit. Er vermeidet jedoch völlig jede Erwähnung der Umstände, die nebenbei eingeführt werden sollten. Er sagt ihnen, dass sie mit den Städten Israels „nicht zu Ende sein“ würden, bis der Sohn des Menschen kommt (V. 23). Natürlich steht seine eigene Verwerfung vor seinem Geist; aber hier sieht Er nicht über jenes Land und Volk hinaus. Und was die Zwölf betrifft, so sendet Er sie auf eine Mission, die bis zum Ende des Zeitalters reicht. Auf diese Weise werden das gegenwärtige Handeln Gottes in Gnade, die wahre Form des Reiches der Himmel, die Berufung der Nationen und die Bildung der Versammlung (Kirche) vollkommen übergangen. Wir finden einige dieser Geheimnisse später in unserem Evangelium. Im 10. Kapitel ist es einfach ein jüdisches Zeugnis seitens Jahwe-Messias in seiner unermüdlichen Liebe durch seine zwölf Herolde. Trotz des ständig zunehmenden Unglaubens hält Er bis zuletzt aufrecht, was seine Gnade für Israel beschlossen hatte. Er wollte passende Boten senden. Das Werk würde jedoch nicht zu Ende sein, wenn der verworfene Messias, der Sohn des Menschen, wiederkommt. Die Apostel werden also mit den dargelegten Worten ausgesandt und sind ohne Zweifel Vorläufer derer, die der Herr zu einer späteren Zeit erwecken wird. Die Zeit fehlt mir, um bei diesem interessanten Kapitel zu verweilen. Mein Thema ist, so klar wie möglich die Struktur unseres Evangeliums herauszustellen und nach dem Maß meiner Erkenntnis zu erklären, warum es diese großen Unterschiede zwischen dem Matthäus- und den übrigen Evangelien gibt. Die Unwissenheit liegt allein auf unserer Seite. Alles, was sie berichten oder weglassen, entspricht der weit reichenden und gnädigen Weisheit Dessen, der sie inspirierte.

Das 11. Kapitel ist von unübertrefflicher Schönheit und in seiner Lehre außerordentlich wichtig für Israel. Darum darf ich nicht ohne einige Worte darüber hinweggehen. Hier finden wir unseren Herrn nach der Aussendung der auserwählten Zeugen der Wahrheit von seiner Messiasschaft, was vor allem für Israel so bedeutsam war. Er ist sich durchaus seiner völligen Verwerfung bewusst und erfreut sich dennoch an Gottes, des Vaters, Ratschlüssen der Herrlichkeit und Gnade. Denn das wahre Geheimnis des Kapitels liegt darin, dass Er in Wirklichkeit nicht nur der Messias, nicht bloß der Sohn des Menschen, sondern auch der Sohn des Vaters ist, dessen Person niemand als nur Er selbst kennt. Doch vom Anfang bis zum Ende – was für eine Erprobung des Geistes und was für ein Triumph! Manche meinen, dass Johannes, der Täufer, nicht für sich selbst die Frage stellte, sondern für seine Jünger. Ich sehe jedoch keinen ausreichenden Grund, warum Johannes seine anhaltende Gefangenschaft nicht schwer mit einem auf der Erde anwesenden Messias im Einklang bringen konnte. Ich glaube auch nicht, dass jene den Fall richtig beurteilen oder eine eingehende Kenntnis des menschlichen Herzens haben, welche solche Zweifel an der Aufrichtigkeit des Johannes erheben. Noch weniger scheinen sie mir den Charakter dieses geehrten Mannes Gottes zu erhöhen, wenn sie ihm eine Rolle zuschreiben, die in Wirklichkeit anderen zusteht. Was ist einfacher, als anzunehmen, dass Johannes diese Frage durch seine Jünger stellte, weil er (und nicht nur sie) eine Frage hatte? Wahrscheinlich war es nicht mehr als eine große, wenn auch vorübergehende Schwierigkeit, welche er in ihrer ganzen Fülle um ihret-, aber auch um seinetwillen geklärt haben wollte. Kurz gesagt: Er hatte eine Frage, weil er ein Mensch war. Wir haben sicherlich nicht das Recht, dies für unmöglich zu halten. Besitzen wir trotz höherer Vorrechte solch unerschütterlichen Glauben, dass wir Zweifel seitens des Johannes für unglaubwürdig halten, so dass wir sie nur in seinen wankenden Jüngern vermuten können? Möchten doch solche, die so wenig Erfahrung von dem haben, was der Mensch, sogar der Wiedergeborene, in sich selbst ist, aufpassen; denn sonst schreiben sie dem Täufer eine gleiche Rolle zu, wie sie Hieronymus1 in schockierender Weise in dem Tadel von Galater 2 bei Petrus und Paulus sieht! Der Herr kannte zweifellos das Herz seines Dieners und empfand mit ihm die Wirkung, welche die Umstände auf ihn ausübten. Wenn Er spricht: „Glückselig ist, wer irgend nicht an mir Anstoß nimmt!“ (V. 6), dann ist es für mich klar, dass Er damit auf ein Schwanken der Seele des Johannes – wenn auch nur für einen Augenblick – anspielt. Tatsache ist, geliebte Geschwister, es gibt nur einen Jesus. Und wer immer es auch sein mag, sei es Johannes der Täufer oder der Größte im Reich der Himmel – es ist trotz allem nur der von Gott gegebene Glaube, der uns aufrechterhält. Anderenfalls muss der Mensch auf schmerzliche Weise lernen, was er in sich selbst ist. Und was kann man von ihm schon erwarten?

Unser Herr antwortete voller Würde und in Gnade. Er stellte den Jüngern des Johannes die wahre Lage der Dinge vor. Er versorgte sie mit klaren, positiven Fakten, so dass für Johannes nichts mehr fehlte, wenn er sie als ein Zeugnis seitens Gottes abwägte. Nachdem Er dies dargelegt hatte, fügte Er noch ein Wort an des Täufers Gewissen hinzu, sprach über seine Person und verteidigte ihn. Johannes' Aufgabe sollte sein, die Herrlichkeit Jesu auszurufen. Doch alles in dieser Welt ist genau das Gegenteil von dem, was es sein sollte – und was es sein wird, wenn Jesus in Macht und Herrlichkeit kommt und den Thron einnimmt. Aber als der Herr auf der Erde war, bot der Unglaube anderer nur die Gelegenheit, die Gnade Jesu erstrahlen zu lassen. So geschah es auch jetzt; und unser Herr benutzte in seiner Güte das Zukurzkommen Johannes' des Täufers, des Größten von Frauen Geborenen, um ewige Dinge zu behandeln. Es lag Ihm fern, die Stellung seines Knechtes herabzusetzen; und Er erklärte ihn zum Größten unter den sterblichen Menschen. Das Versagen dieses Größten von Frauen Geborenen gab Ihm nur den rechten Anlass, um den bevorstehenden großen Wechsel zu zeigen. Dann würde es sich nicht mehr um eine Angelegenheit des Menschen handeln, sondern Gottes, ja, des Reiches der Himmel. Und der Geringste in diesem neuen Verhältnis sollte größer sein als Johannes. Ein weiterer Aspekt macht diese Wahrheit jedoch noch bedeutungsvoller, nämlich die Gewissheit, dass, so strahlend das Reich auch ist, es keineswegs dem Herzen Jesu am nächsten steht. Die Versammlung (Kirche), welche sein Leib und seine Braut ist, hat eine viel innigere Bindung zu Ihm, obwohl sie aus den gleichen Personen besteht.

Als nächstes legte Er den launenhaften Unglauben des Menschen bloß. Dieser ist nur darin beständig, allem, was Gott in seiner Güte aufwendet, und jeder Person, die Er sendet, entgegenzuarbeiten. Zuletzt besprach der Herr seine völlige Verwerfung unter denen, wo Er am meisten gearbeitet hatte. Es ging also weiter auf das bittere Ende zu – und wohl kaum ohne solche Leiden und solchen Schmerz, wie sie nur heilige, selbstlose und gehorsame Liebe kennt. Wie erbärmlich sind wir, dass wir solche Beweise brauchen! Wie erbärmlich, dass wir zu herzenskalt sind, um diese Liebe in rechter Weise zu beantworten oder selbst ihre Tiefe zu empfinden!

„Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch.  Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater …“ (V. 20–25). Was für Gefühle in solcher Zeit! Oh, was für eine Gnade – sich so zu beugen und Gott selbst dann zu preisen, wenn unsere geringe Mühe vergeblich zu sein scheint! Zu jener Zeit antwortete Jesus: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir“ (V. 25–26). Wir scheinen völlig von dem normalen Niveau unseres Evangeliums in die höheren Regionen des Jüngers, den Jesus liebte, hinaufgetragen zu werden. Tatsächlich befinden wir uns in jenem Bereich, mit dem Johannes sich so gerne beschäftigt. Wir sehen Jesus nicht mehr nur als Sohn Davids oder Abrahams, dem Samen der Frau, sondern als den Sohn des Vaters, so wie der Vater Ihn gab, sandte, schätzte und liebte. Dementsprechend fügte Er auch noch hinzu: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben“ (V. 27–28). Wir können natürlich jetzt nicht weiter auf diese Verse eingehen. Ich möchte im Vorbeigehen nur darauf hinweisen, wie die ständig zunehmende Verwerfung des Herrn Jesus in seiner geringeren Herrlichkeit die Offenbarung seiner höheren hervorruft. Deshalb, glaube ich, gibt es keinen Angriff auf den Namen des Sohnes Gottes und keinen Pfeil, der gegen Ihn abgeschossen wird, welchen der Geist Gottes nicht in heiliger, wahrer und lieblicher Weise benutzt, um aufs Neue und noch lauter seine Herrlichkeit zu bestätigen. Damit wird gleichzeitig der Ausdruck seiner Gnade gegen den Menschen vergrößert. Das können weder Überlieferungen noch menschliche Gedanken oder Gefühle.

Fußnoten

  • 1 Hieronymus (347–419/420); lateinischer „Kirchenvater“; übersetzte die Bibel in die lateinische Sprache („Vulgata“) (Übs.).

Kapitel 12

In Kapitel 12 finden wir nicht so sehr Jesus in der Gegenwart der Menschen, die Ihn verachten, als vielmehr diese Männer Israels, die Verwerfer, in der Gegenwart Jesu. Folglich offenbart der Herr Jesus überall, dass das Gericht Israels schon verkündigt ist und bevorstand. Wenn Er verworfen wurde, dann wurden diese spöttischen Menschen gerade durch diese Handlung selbst verworfen. Das Abpflücken der Ähren und die Heilung der verdorrten Hand hatten lange vorher stattgefunden. Markus gibt sie am Ende seines zweiten und am Anfang seines dritten Kapitels. Warum sind sie hierher versetzt worden? Weil es die Aufgabe des Matthäus ist, den Wechsel der Haushaltung durch die – oder, besser gesagt, als Folge der – Verwerfung Jesu durch die Juden zu entfalten. Deshalb wartet er, bis er ihre Verwerfung des Messias in sittlicher Hinsicht so vollständig wie möglich – obwohl notwendigerweise nicht unbedingt in ihrer praktischen Erfüllung – darstellen kann. Natürlich konnte ausschließlich das Kreuz einen offensichtlichen und buchstäblichen Beweis dieser Verwerfung liefern. Aber wir finden diese schon in seinem Leben; und es ist gesegnet, sie in dem, was Ihm begegnete, erfüllt zu sehen. Er verwirklichte seine Verwerfung vorher in seinem Geist. Und ihre Ergebnisse wurden herausgestellt, bevor die äußeren Ereignisse den jüdischen Unglauben voll zum Ausdruck brachten. Er wurde nicht von den Geschehnissen überrascht; Er wusste alles von Anfang an. Der unversöhnliche Hass des Menschen wurde in dem Verhalten und der Gesinnung seiner Verwerfer voll herausgestellt. Der Herr Jesus zeigte sozusagen in diesen beiden Begebenheiten an Sabbat-Tagen schon, was folgen würde, bevor Er das Urteil aussprach. Doch dabei brauchen wir uns momentan nicht aufzuhalten.

Das erste Ereignis besteht in der Verteidigung der Jünger, indem der Herr sich auf Analogien stützt, die Gott in alten Zeiten bestätigt hatte. Außerdem spricht Er von seiner persönlichen Herrlichkeit, die Er jetzt hat. Verwerfe Ihn als Messias! In dieser Verwerfung wird seine moralische Herrlichkeit als Sohn des Menschen zur Grundlage für seine Verherrlichung und Offenbarung an einem zukünftigen Tag.  Er war der Herr des Sabbats. Im nächsten Ereignis entstammt die Kraft der Entgegnung aus der Güte Gottes gegen das Elend des Menschen. Gott missachtet wegen des ruinierten Zustands Israels, welches seinen wahren gesalbten König abwies, Einzelheiten der vorgeschriebenen Anordnungen. Aber Er stützt auch den Grundsatz, dass Er sich keineswegs verpflichten lässt, dort nichts Gutes zu tun, wo schreckliche Not ist. Letzteres mochte zu einem Pharisäer passen. Es mochte eines gesetzlichen Formalisten würdig sein. Es passt jedoch nicht zu Gott. Und der Herr Jesus war nicht gekommen, um sich ihren Gedanken anzupassen, sondern um vor allem Gottes Willen einer heiligen Liebe in einer bösen, elenden Welt zu tun. „Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat“ (V. 18). Das war wahrhaftig Emmanuel, Gott mit uns! Wenn Gott da war – was konnte, was wollte Er sonst tun? Jetzt wirkte Er noch in demütiger, stiller Gnade nach den Worten des Propheten; allerdings wird auch bald die Stunde für den Sieg im Gericht schlagen. So zog Er sich sanftmütig zurück und heilte weiter; dennoch verbot Er, dass es bekannt gemacht wurde. Dabei wird jedoch im Verlauf der Ereignisse mehr und mehr die völlige Verwerfung seiner Verwerfer offenbar. Das zeigt sich weiter unten in unserem Kapitel, nachdem der Dämon aus dem blinden und stummen Menschen angesichts der erstaunten Volksmenge ausgetrieben war. Irritiert durch deren Frage: „Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“ (V. 23), versuchten die Pharisäer das Zeugnis mit äußerster, lästernder Verachtung zu zerstören. „Dieser (Bursche)“1 (V. 24).

Die Übersetzer der englischen Bibel haben den Sinn dieser Stelle gut getroffen. Denn der Ausdruck trägt wirklich diese Geringschätzung in sich, obwohl das Wort „Bursche“ dort kursiv geschrieben ist. Das griechische Wort wird ständig als ein Ausdruck der Nichtachtung verwandt. „Dieser (Bursche) treibt die Dämonen nicht anders aus, als durch den Beelzebub, den Fürsten der Dämonen“ (V. 24). Der Herr zeigt ihnen ihre wahnsinnige Torheit und warnt sie vor einer noch schwerwiegenderen und tödlicheren Form der Lästerung. Diese würde ihren Höhepunkt erreichen, indem man genauso über den Heiligen Geist sprechen würde, wie jetzt über Ihn. Die Menschen bedenken wenig, wie ihre Worte sich am Tag des Gerichts anhören und als was sie sich erweisen werden. Er stellt ihnen das Zeichen des Propheten Jona, die Buße der Männer Ninives, die Predigt Jonas und den ernsten Eifer der Königin des Südens in den Tagen Salomos vor. Doch jetzt wurde ein unvergleichlich Größerer verachtet. Er gibt hier allerdings nur einen kleinen Hinweis auf das, was die Nationen bald aufgrund des verderblichen Unglaubens und des Gerichts der Juden empfangen werden. Aber Er verschweigt in dem folgenden Bild deren schrecklichen Weg und ihr Verderben nicht. Ihr Zustand entsprach lange Zeit dem eines Menschen, in welchem ein unreiner Geist früher gewohnt und den er dann wieder verlassen hatte. Von außen gesehen sah der Zustand des Mannes verhältnismäßig rein aus. Götzen und Gräuel verunreinigten diesen Wohnort nicht mehr wie in früheren Zeiten. Dann sagt der unreine Geist: „Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin; und wenn er kommt, findet er es leer vor, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen dort; und das Letzte jenes Menschen wird schlimmer als das Erste. Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen“ (V. 44–45). So stellt der Herr hier sowohl die Vergangenheit und Gegenwart als auch die schreckliche Zukunft Israels vor. Vor dem Tag seines Kommens vom Himmel wird nicht nur – es ist ernst zu sagen! – der Götzendienst nach Israel zurückgekehrt sein, sondern auch in Verbindung damit die volle Macht Satans. Das erfahren wir aus Dan 11,36–39, 2. Thes 2,3–12 und Off 13,11–15. Es ist klar, dass der unreine Geist bei seiner Rückkehr den Götzendienst wieder mitbringt. Es ist ebenso klar, dass die sieben böseren Geister die vollständige Macht des Teufels in der Unterstützung des Antichristen gegen den wahren Christus darstellen; und letzteres ist bemerkenswerterweise mit Götzendienst verbunden. So ist das Ende wie der Anfang, nur noch viel, viel schlimmer.

Darauf aufbauend geht der Herr noch einen Schritt weiter. Als jemand zu Ihm sagt: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen“ (V. 47), folgt eine doppelte Handlung. Zuerst sagt der Herr: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (V. 48); danach streckt Er seine Hand aus über seine Jünger mit den Worten: „Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (V. 49.50). Das alte Band mit dem Fleisch, mit Israel, ist nun zerrissen. Nur noch das neue Verhältnis des Glaubens, das auf das Tun des Willens des Vaters gegründet ist (es handelt sich hier in keinster Weise um das Gesetz) wird anerkannt. Darum wollte der Herr ein gänzlich neues Zeugnis aufrichten und ein Werk, das dazu passte, tun. Dieses beruht nicht auf einem gesetzlichen Anspruch an den Menschen, sondern auf der Aussaat von gutem Samen mit Leben und Frucht von Gott. Der Schauplatz ist das unbegrenzte Feld der Welt und nicht nur das Land Israel.

Kapitel 13-14

In Kapitel 13 haben wir den wohlbekannten Abriss von diesen neuen Wegen Gottes. Das Reich der Himmel nimmt eine Gestalt an, die in der Prophetie nicht bekannt war. Seine aufeinanderfolgenden Geheimnisse füllen die Zwischenzeit, nachdem der verworfene Christus in den Himmel gegangen ist, bis zu seiner Rückkehr in Herrlichkeit. Viele Worte sind jetzt nicht nötig, für das, was glücklicherweise den meisten Lesern bekannt ist. Lasst mich im Vorbeigehen nur ein paar Einzelheiten erwähnen. Wir finden nicht nur im ersten Gleichnis den Dienst unseres Herrn, sondern auch im zweiten den Dienst, den Er durch seine Knechte ausführt. Danach folgt das Heranwachsen dessen, was groß in seiner Kleinheit war, bis es klein wurde in seiner Größe auf der Erde. Wir gewahren die Entwicklung und das Ausbreiten der Lehre, bis der ihr zugemessene Raum ganz unter ihren angleichenden Einfluss geraten ist. Es handelt sich hier nicht um das Leben, wie am Anfang in dem Samen, sondern um ein System christlicher Lehre. Wir sehen nicht das Leben, wie es keimt und Frucht bringt, sondern das bloße Dogma und den natürlichen Verstand, der dem Dogma ausgesetzt ist. So stellen der große Baum und der Sauerteig tatsächlich die beiden Seiten des Christentums vor. Im Innern des Hauses hören wir, wie der Herr das zweite Gleichnis und die ganze Geschichte von Unkraut und Weizen und die Vermischung des Bösen mit dem Guten, welches die Gnade gesät hat, erklärt. Er zeigt jedoch darüber hinaus auch das Reich nach den göttlichen Gedanken und Absichten. Zuerst berichtet Er vom verborgenen Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch alles verkauft, was er hat, um sich dieses Schatzes wegen den Acker zu sichern. Das Nächste ist die eine, sehr kostbare Perle, deren Einheit und Schönheit dem Kaufmann so teuer ist. Da waren nicht nur viele wertvolle Gegenstände, sondern auch  eine sehr kostbare Perle. Zum Schluss, wenn das allumfassende Zeugnis abgeschlossen ist, endet alles mit einer Scheidung der Guten und Bösen im Gericht. Dann werden nicht mehr die Guten in Gefäße gesammelt. Stattdessen beschäftigen sich die geeigneten Werkzeuge der Macht Gottes mit den Bösen.

In Kapitel 14 werden die Ereignisse berichtet, die den großen Wechsel der Haushaltung offenbar machen, auf den der Herr in der Darlegung der gerade betrachteten Gleichnisse vorbereitet hatte. Der gewalttätige Mann Herodes, der schuldig war, schuldloses Blut vergossen zu haben, regierte damals im Land. Im Gegensatz zu ihm ging Jesus in die Einöde, um dort zu zeigen, wer und was Er war: Der Hirte Israels, bereit und fähig, für sein Volk zu sorgen. Die Jünger erkannten nur unzulänglich seine Herrlichkeit; aber der Herr handelte nach  seinem Herzen. Danach entließ Er die Volksmenge und zog sich allein zurück, um auf einem Berg zu beten. Inzwischen mühten sich die Jünger auf dem sturmgepeitschten See ab, weil der Wind ihnen entgegen wehte. Das ist ein Bild von dem, was sein wird, wenn der Herr Jesus Israel und die Erde verlassen hat und in den Himmel zurückgekehrt ist. Dann nimmt alles eine andere Form an. Statt Herrschaft auf der Erde sehen wir Fürbitte im Himmel. Schließlich, als die Jünger in der Mitte des Sees den Höhepunkt ihrer Mühe erreicht hatten, kommt der Herr auf dem See zu ihnen und sagte: „Fürchtet euch nicht!“ (V. 27); denn sie waren bestürzt und erschreckt. Petrus erbat eine Aufforderung von seinem Meister und verließ das Schiff, um auf dem Wasser zu Ihm zu kommen. Zuletzt sieht jedoch alles anders aus. Nicht alle gehören zu den Weisen, die Verständnis haben, oder zu jenen, die das Volk zur Gerechtigkeit weisen (Dan 12,3). Jede Schriftstelle aus jener Zeit beweist, wie bedeutsam Schrecken, Angst und dunkle Wolken immer wieder sein werden. So war es auch hier. Petrus ging los. Dann verlor er bei den wilden Wellen den Herrn aus dem Blick. Als er in seinem Herzen an die täglichen Erfahrungen dachte, fürchtete er den starken Wind. Er wurde allein durch die ausgestreckte Hand Jesu gerettet, welcher seinen Zweifel tadelte. Während Jesus in das Schiff stieg, hörte der Wind auf. Danach entfaltete die gnädige Macht des Herrn ihre wohltätige Wirkung in der ganzen Gegend. Das alles ist eine kleine Vorschattung von dem, was sein wird, wenn der Herr in den letzten Tagen zum Überrest kommt und das Land, welches Er betritt, mit Segnungen füllt.


Kapitel 15-16

In Kapitel 15 haben wir ein anderes Bild, und zwar in zweifacher Hinsicht. Die stolze, traditionsreiche Heuchelei Jerusalems wird herausgestellt und die geprüfte Heidin durch die Gnade gesegnet. Diese Ereignisse finden ihren passenden Platz nicht im Lukas-, sondern im Matthäusevangelium, zumal die Einzelheiten hier, anders als bei Markus, der diesmal ganz allgemein bleibt, großes Licht auf die Wege Gottes hinsichtlich der Haushaltungen wirft. Zunächst haben wir also die falschen Gedanken der „Pharisäer und Schriftgelehrten von Jerusalem“ (V. 1), die vom Herrn gerichtet wurden. Das gab Ihm die Gelegenheit, vorzustellen, was wirklich verunreinigt. Es sind nicht die Dinge, die in den Menschen hineingelangen, sondern die aus dem Mund hervorkommen und ihren Ursprung im Herzen haben. Das Essen mit ungewaschenen Händen verunreinigt einen Menschen nicht. Diese Worte sind der Todesstreich für menschliche Tradition und Brauchtum in göttlichen Dingen. Er beruht in der Tat auf der Wahrheit von dem absoluten Verderben des Menschen – einer Wahrheit, die auch die Jünger, wie wir sehen, nur langsam erkennen konnten.

Auf der anderen Seite des Bildes sehen wir den Herrn, wie Er eine Seele dazu führte, sich in der herrlichsten Weise auf die göttliche Gnade zu stützen. Die kanaanäische Frau aus den Gegenden von Tyrus und Sidon kam zu Ihm. Sie war eine Heidin, deren Volk und Abstammung an sich schon unheilvoll und deren Lage zudem verzweifelt war; denn sie wandte sich an den Herrn wegen ihrer Tochter, die schlimm von einem Dämon besessen war. Was können wir von ihrem Verständnis sagen? War sie nicht in ihren Gedanken völlig verwirrt? Hätte der Herr ihre Worte genau beachtet, dann wäre es ihr Tod gewesen. „Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids!“ (V. 22), schrie sie. Doch was hatte  sie mit dem Sohn Davids zu tun? Und was hatte der Sohn Davids mit einer kanaanäischen Frau zu tun? Wenn Er als Sohn Davids regieren wird, dann gibt es keinen Kanaaniter mehr im Haus Jahwes der Heerscharen (Sach 14,21). Das Gericht wird sie vorher ausgerottet haben. Aber der Herr konnte sie nicht ohne eine Segnung wegschicken – eine Segnung, die seiner Herrlichkeit entsprach. Anstatt ihr sofort eine Antwort zu geben, führte Er sie Schritt für Schritt weiter; denn so weit konnte Er sich herablassen. So groß war seine Gnade, so groß seine Weisheit. Zuletzt begegnete diese Frau dem Herzen und Gefühl Jesu im Bewusstsein ihrer völligen Nichtswürdigkeit vor Gott. Jetzt konnte die aufgestaute Gnade, welche die Frau bis hierhin geführt hatte, wie ein Strom fließen; und der Herr konnte ihren Glauben bewundern, obwohl er als freie Gabe Gottes von Ihm selbst kam.

Am Ende des Kapitels finden wir ein weiteres Wunder, in dem Christus eine große Volksmenge speist. Hier ist es, genau genommen, kein bildhafter Ausblick auf das, was der Herr tat oder tun wollte. Ich nehme an, es ist ein erneutes Pfand von der Wahrheit, dass Er in keiner Weise sein altes Volk vergessen würde, auch wenn Er die Ältesten von Jerusalem richten musste und die Gnade frei zu den Heiden hinausging. Was für eine besondere Barmherzigkeit und Zartheit erkennen wir nicht nur im Endergebnis der Beschäftigung des Herrn mit Israel, sondern auch schon in der Art seines Handelns mit ihm!

In Kapitel 16 machen wir trotz (ja, geradezu, wegen) des offensichtlichen und tiefen Unglaubens auf allen Seiten einen großen Schritt vorwärts. Der Herr hatte den Juden nichts mehr mitzuteilen. Sein Teil war es jetzt, den Weg bis zum Ende zu gehen. Er hatte vorher schon die neue Form des Reiches angesichts einer Gesinnung, die sich durch die unvergebbare Lästerung des Heiligen Geistes verraten hatte, vorgestellt. Das Werk unter seinem alten Volk war dem Grundsatz nach abgeschlossen und ein neues Werk Gottes im Reich der Himmel enthüllt. Hier stellt Er nicht nur das Königreich vor, sondern auch seine Versammlung (Kirche). Den Anlass dafür gab nicht einfach der hoffnungslose Unglaube der Volksmenge, sondern das Bekenntnis von seiner inneren Herrlichkeit als Sohn Gottes durch seinen auserwählten Zeugen. Sobald Petrus die Wahrheit über die Person Jesu verkündet hatte – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (V. 16) –, hielt Jesus das Geheimnis nicht länger zurück. „Auf diesen Felsen“, sagte Er, „werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“ (V. 18). Er gab auch, wie wir später sehen, Petrus die Schlüssel des Reiches. Aber zuerst erkennen wir den neuen und großen Gedanken, dass Christus ein neues Bauwerk, seine Versammlung, auf die Wahrheit und das Bekenntnis seiner Person, des Sohnes Gottes, bauen wollte. Zweifellos war dieser Plan eine Folge des vollständigen Ruins Israels durch ihren Unglauben. Doch der Verfall des Geringeren öffnete den Weg für die Gabe einer besseren Herrlichkeit als Antwort auf den Glauben des Petrus an die Herrlichkeit des Herrn. Sowohl der Vater als auch der Sohn haben ein ihnen angemessenes Teil in den Ratschlüssen Gottes, genauso wie auch der Geist Gottes, der zur gegebenen Zeit vom Himmel gesandt werden sollte, wie wir anderen Stellen der Schrift entnehmen können. Bekannte Petrus, wer der Sohn des Menschen wirklich ist? Es war die Offenbarung des Vaters über den Sohn. Fleisch und Blut hatten es Petrus nicht offenbart, sondern „mein Vater, der in den Himmeln ist.“  Daraufhin hatte auch der  Herr etwas zu sagen. Er erinnerte zunächst Petrus an seinen neuen Namen, der zu dem passte, was dann folgt. Er stand im Begriff, seine Versammlung „auf diesen Felsen“ (nämlich die Wahrheit, dass Er der Sohn Gottes ist) zu bauen. Von da an verbot Er auch den Jüngern, Ihn als  Messias zu verkünden. Das war erst einmal durch die blinde Sünde Israels vorbei. Er war auf dem Weg, in Jerusalem zu leiden und nicht zu herrschen.

Danach erkennen wir, ach, in Petrus ein Bild von dem, was der Mensch ist, selbst wenn ihm so große Offenbarungen gemacht wurden. Er, der soeben die Herrlichkeit des Herrn bekannt hatte, wollte seinen Herrn nicht von seinem Weg zum Kreuz reden hören. Dabei konnte sowohl die Versammlung als auch das Reich nur auf dieser Grundlage aufgerichtet werden. Petrus suchte, Ihn von dem Weg abzubringen. Aber das einzigartige Auge Jesu entdeckte sofort die Schlinge Satans, in der Petrus durch fleischliche Gedanken möglicherweise einem Fall entgegengeführt wurde. Und da dessen Worte nicht göttliche, sondern menschliche Gedanken verrieten, indem er sich des Herrn schämte, befahl der Herr ihm, hinter Ihn (nicht: hinweg) zu gehen. Anschließend bestand der Herr nachdrücklich darauf, dass das Kreuz zu seinem Weg gehörte und dass diese Wahrheit sich auch in jedem, der Ihm nachfolgen will, verwirklichen muss. Die Herrlichkeit der Person Christi stärkt uns, sodass wir nicht nur sein Kreuz verstehen, sondern auch unser eigenes aufnehmen.



Kapitel 17-20

In Kapitel 17 wird uns ein anderer Schauplatz gezeigt, dessen Anblick schon in Matthäus 16,28 einigen der Dabeistehenden verheißen war und der, wenn auch verborgen, mit dem Kreuz in Verbindung stand. Es ist die Herrlichkeit Christi. Es ist nicht so sehr die Herrlichkeit als Sohn des lebendigen Gottes, sondern vielmehr diejenige des erhöhten Sohnes des Menschen, der einst hienieden litt. Nichtsdestoweniger verkündete auch in dieser Entfaltung der Herrlichkeit des Königreiches die Stimme des Vaters Ihn als seinen eigenen Sohn und nicht nur als den verherrlichten Menschen. Es war natürlich das Reich Christi als Mensch, doch Er blieb dabei Gottes eigener Sohn, sein geliebter Sohn, an dem Er Wohlgefallen gefunden hatte. Jetzt sollte man Ihn hören und nicht Moses und Elias, welche verschwinden, um Ihn mit den ausgewählten Zeugen allein zu lassen.

Danach offenbarte sich der traurige Zustand der Jünger am Fuß des Berges, wo Satan in dem gefallenen und ruinierten Menschen herrschte. Trotz aller Herrlichkeit Jesu, des Sohnes Gottes und Sohnes des Menschen, bewiesen die Jünger, dass sie nicht wussten, wie sie seine Gnade für andere Menschen nutzen konnten. Dabei war das doch ihre eigentliche Aufgabe hienieden! Der Herr zeigt jedoch in diesem Kapitel, dass es nicht allein darauf ankommt, was Er getan und was Er erlitten hat, bzw. was bald geschehen wird. Es kommt vor allem auch darauf an, was Er war, was Er ist und was Er immer sein wird. Das offenbarte sich in ganz besonders gesegneter Weise durch das Versagen der Jünger. Petrus, der gute Bekenner von Kapitel 16, macht eine traurige Figur in Kapitel 17; denn als man ihn ausforschte, ob sein Lehrer die Steuer bezahle, antwortete er, dass sein Herr sicherlich ein zu guter Jude sei, um das zu vernachlässigen. Doch unser Herr fragte Petrus mit Würde: „Was dünkt dich, Simon?“ Er bekundete, dass zu derselben Zeit, als Petrus die Erscheinung und die Stimme des Vaters vergaß und Ihn praktisch auf den Boden eines einfachen Menschen stellte, Er Gott, offenbart im Fleisch, blieb. Es ist immer so. Gott erweist, was Er ist, in der Offenbarung Jesu. „Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden? Petrus sagt zu ihm: Von den Fremden. Jesus sprach zu ihm: Demnach sind die Söhne frei. Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf eine Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufkommt, tu sein Maul auf, und du wirst einen Stater finden; den nimm und gib ihnen für mich und dich“ (V. 25–27). Ist es nicht sehr schön, wenn wir sehen, dass Er, der sofort seine göttliche Herrlichkeit bewies, uns mit sich verbindet? Wer, außer Gott, konnte nicht nur den Wellen, sondern auch den Fischen des Sees gebieten? Selbst die großzügigste Gabe, die Gott jemals dem gefallenen Menschen auf der Erde gegeben hatte, und zwar dem goldenen Haupt der Nationen (Dan 2), umfasste nicht die Tiefe der Wasser und ihre ungezähmten Bewohner. Wenn Psalm 8 weiter geht, dann gewiss für den Sohn des Menschen, der, weil Er den Tod erlitten hatte, erhöht wurde. Ja, es ist sein Teil, genauso das Meer zu beherrschen und ihm und seinen Geschöpfen zu befehlen wie dem Land und allem, was darauf lebt. Er brauchte dazu auch nicht auf seine Erhöhung als Mensch zu warten; denn Er war immer Gott und Gottes Sohn, der darum, wenn man so sagen darf, auf nichts – auf keinen Tag der Herrlichkeit – warten musste. Auch die Art und Weise ist bemerkenswert. Eine Angel wurde in den See geworfen, und der Fisch, der sie annahm, brachte das erforderliche Geld für Petrus und seinen gnädigen Lehrer und Herrn. Einen Fisch würde wohl kein Mensch zu seinem Bankier machen. Bei Gott sind alle Dinge möglich. Er wusste, wie Er in bewunderungswürdiger Weise in einer einzigen Handlung sowohl göttliche Herrlichkeit, die unwiderlegbar verteidigt wurde, als auch demütigste Gnade in einem Menschen verschmelzen konnte. Und so dachte Er, dessen Herrlichkeit von seinem Jünger vergessen wurde, Jesus, an gerade jenen Jünger und sagte: „Für mich und dich.“

Das 18. Kapitel nimmt die beiden Gedanken bezüglich des Reiches und der Versammlung wieder auf. Es zeigt die Bedingung für den Eintritt in das Reich und die Entfaltung der göttlichen Gnade und ihre Anwendung in lieblichster Weise – und zwar in der Praxis. Das Vorbild ist der Sohn des Menschen, wie Er Verlorene rettet. Er führt nicht das Gesetz ein, um das Reich zu regieren oder die Versammlung (Kirche) zu leiten. Die beispiellose Gnade des Heilandes muss hinfort die Heiligen formen und gestalten. Am Ende des Kapitels wird im Gleichnis die unbegrenzte Vergebung, die dem Reich angemessen ist, vorgestellt. Ich kann nicht anders, als hier in die Zukunft zu schauen, wo diese Wahrheit in Vollkommenheit erfüllt wird; aber sie hat auch ihre besondere Bedeutung für die sittlichen Bedürfnisse der Jünger damals und immer. Im Königreich wird die Vergeltung umso schonungsloser sein, je mehr die Gnade verachtet oder missbraucht wurde. Alles dreht sich darum, was zu einem solchen Gott, dem Geber seines eigenen Sohnes, passt. Wir brauchen dabei nicht zu verweilen.

Kapitel 19 bringt eine andere wichtige Belehrung. Wie erhaben auch immer die Kirche oder das Königreich sein mögen – genau zu der Zeit, als der Herr seine neue Herrlichkeit in beiden entfaltete, hielt Er die natürliche Sittsamkeit in ihren Rechten unantastbar aufrecht. Es gibt keinen größeren Fehler als die Annahme, dass Gott wegen der reichen Entwicklung seiner Gnade in den neuen Dingen die natürlichen Beziehungen und ihre Autorität an ihren Plätzen aufgibt oder abschwächt. Das ist, denke ich, eine große Lektion, die zu oft vergessen wird. Beachten wir, dass das Kapitel damit beginnt, die Heiligkeit der Ehe zu verteidigen! Zweifellos ist es ein Band der Natur, das nur für dieses Leben gilt. Nichtsdestoweniger hält der Herr es aufrecht und reinigt es von allen Zusätzen, die hinzugekommen sind und seinen ursprünglichen und besonderen Charakter verdunkeln. So beeinträchtigen die neuen Offenbarungen der Gnade in keinster Weise das, was Gott früher in der Natur eingesetzt hatte. Im Gegenteil, sie verleihen diesen Beziehungen eine neue und größere Bedeutung, indem sie den wahren Wert und die Weisheit der Wege Gottes sogar in diesen geringsten Umständen bestätigen.

Ein ähnlicher Grundsatz wird auch auf die kleinen Kinder, die als nächstes eingeführt werden, angewandt. Ja, er gilt im Wesentlichen für alle natürlichen oder sittlichen Beziehungen hienieden. Gerade weil die Gnade das ausdrückt, was Gott für eine ruinierte Welt ist, wird den Eltern, den Jüngern und in gleicher Weise den Pharisäern gezeigt, dass die Gnade Kenntnis von dem nimmt, was der Mensch in seiner eingebildeten Würde für völlig bedeutungslos hält. Bei Gott ist nicht nur alles möglich, sondern es wird auch niemand, ob klein oder groß, verachtet. Alles wird an seinem rechten Platz gesehen und dorthin gestellt; und die Gnade, welche den Stolz des Geschöpfes zurechtweist, kann es sich leisten, sowohl mit dem Kleinsten als auch mit dem Größten göttlich zu handeln.

Ein Vorrecht sollte uns ganz besonders offenbar geworden sein, nämlich jenes, welches wir bei und in Jesus gefunden haben. So können wir jetzt sagen: Nichts ist für uns zu groß und nichts für Gott zu klein. Außerdem finden wir dort Raum für die tiefste Selbstverleugnung. Die Gnade formt die Herzen derjenigen, die das verstehen, entsprechend der großen Offenbarung dessen, was Gott und auch was der Mensch ist, wie es sich in der Person Jesu gezeigt hat. Das sehen wir ganz deutlich in der Annahme der kleinen Kinder. In dem Folgenden wird es gewöhnlich nicht so leicht erkannt. Der reiche junge Oberste (Lk 18,18) war nicht bekehrt. Weit davon entfernt, konnte er in der Probe, auf die Christus ihn in seiner Liebe stellte, nicht bestehen. Zuletzt, wird uns erklärt, „ging er betrübt weg“ (V. 22). Er war unwissend über sich selbst, weil er unwissend über Gott war. Er bildete sich ein, dass das Problem nur darin bestände, was der Mensch für Gott Gutes tue. Daran hatte er, wie er sagte, von Jugend an gearbeitet. „Was fehlt mir noch?“ (V. 20). Er hatte das Empfinden, irgendetwas Gutes nicht getan zu haben. Wegen dieses Makels wandte er sich an Jesus, damit ihm abgeholfen werde. Wenn man alles um des himmlischen Schatzes willen aufgibt, um zu dem verachteten Nazarener zu kommen und Ihm nachzufolgen – was ist das im Vergleich zu dem, was Jesus auf die Erde herab führte? Das war jedoch viel zu viel für den jungen Mann. Wir sehen das Geschöpf, wie es sein Bestes tut, aber dabei beweist, dass es das Geschaffene mehr liebt als den Schöpfer. Jesus erkannte nichtsdestoweniger alles Anerkennenswerte in ihm an.

Nach diesem wird in unserem Kapitel aufgezeigt, wie sehr das, was der Mensch gut nennt, ein Hindernis darstellt. „Wahrlich, ich sage euch: Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen“ (V. 23). Das stellt klar, dass diese Schwierigkeit nur von Gott gelöst werden kann. Dann rühmte sich Petrus, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen Jünger. Der Herr bestätigte völlig, dass Er nichts vergisst und alles, was durch die Gnade in Petrus oder den anderen hervorgebracht worden war, anerkennt. Er öffnete jedoch dieselbe Tür für einen jeden, der seine eigene Natur um des Herrn willen verleugnet. Schließlich fügte Er die ernsten Worte hinzu: „Aber viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein“ (V. 30). Zum Abschluss des Kapitels erfahren wir also, dass jede Sinnesart und das Maß all dessen, was wir um Seinetwillen aufgeben, seine würdige Belohnung und die entsprechenden Resultate finden wird. Doch der Mensch kann das genauso wenig beurteilen, wie er seine Errettung bewirken kann. Es treten für uns unerklärliche Veränderungen in der Reihenfolge auf: „Viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein.“

Am Anfang des nächsten Abschnitts (Kap. 20,1–28) steht nicht der Lohn im Vordergrund, sondern das Recht und der Anspruch Gottes, nach seiner Güte zu handeln. Er ist nicht bereit, sich zu einem menschlichen Maßstab herabzulassen. Der Richter der ganzen Erde wird recht handeln (vgl. 1. Mo 18,25). Aber wie wird Er handeln, der doch der Geber alles Guten ist? „Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er aber mit den Arbeitern über einen Denar den Tag einig geworden war, sandte er sie in seinen Weinberg. [] Und als die um die elfte Stunde Angeworbenen kamen, empfingen sie je einen Denar. Und als die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr empfangen würden; doch empfingen auch sie je einen Denar“ (V. 1–10). Der Herr behauptet sein souveränes Recht, Gutes zu tun und mit seinem Eigentum zu verfahren, wie Er es will. Die erste dieser Lektionen besteht darin: „Viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ (Mt 19,30). Damit wird eindeutig auf ein Versagen der menschlichen Natur angespielt, das zur Umkehrung dessen führt, was man erwarten konnte. Die zweite Lektion ist: „So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein. [Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte]“ (V. 16). Das ist die Macht der Gnade. Gott erfreut sich daran, die Letzten für den ersten Platz auszuwählen, um die Ersten nach der eigenen Kraft herabzusetzen.

Zuletzt tadelte der Herr den Ehrgeiz der Söhne des Zebedäus und damit in Wirklichkeit auch den der zehn anderen Jünger; denn warum sonst entstand eine solch lebhafte Entrüstung gegen die beiden Brüder? Warum nicht Kummer und Scham darüber, dass sie so wenig die  Empfindungen ihres Lehrers kannten? Wie oft verrät sich das Herz nicht nur durch das, was wir erbitten, sondern auch durch unsere unpassenden Gefühle gegen andere Leute und ihre Fehler! Tatsächlich richten wir uns selbst, wenn wir andere richten.

Hier schließe ich heute Abend. Ich komme jetzt zur endgültigen Krise, das ist die letzte Vorstellung unseres Herrn an Jerusalem. Ich habe, wenn auch nur flüchtig – und, wie ich fühle, sehr unvollkommen – versucht, die Beschreibung des Heilandes zu erläutern, zu welcher der Heilige Geist Matthäus befähigt hat. Im nächsten Vortrag hoffe ich, den Rest seines Evangeliums zu behandeln.

In Kapitel 20,29–34 wird uns von der letzten Präsentation des Herrn an Jerusalem berichtet. Sie begann bei der Stadt Jericho, der einstigen Festung der Macht der Kanaaniter. Der Herr Jesus offenbarte sich in Gnade und besiegelte nicht den Fluch, der über sie ausgesprochen worden war (Jos 6,26). Im Gegenteil, Er machte sie zu einem Zeugen seiner Barmherzigkeit gegen jene, die in Israel glaubten. Dort saßen zwei Blinde (denn Matthäus zeigt, wie wir gesehen haben, häufig diese doppelten Erweise von der Gnade des Herrn) am Wegrand und riefen der Situation angemessen aus: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ (V. 30). Sie waren von Gott angeleitet und belehrt. Es ging hier nicht um das Gesetz, sondern um seine Fähigkeit als Messias. Ihr Appell stimmte völlig mit der Szene überein. Sie fühlten, dass die Nation kein Empfinden für ihre eigene Blindheit hatte und wandten sich folglich an den Herrn, der sich an dem Ort vorstellte, wo in alten Tagen die Macht Gottes gewirkt hatte. Es ist auffallend, dass trotz der in Israel von Zeit zu Zeit geschehenen Zeichen und Wunder, in denen Kranke geheilt und sogar Tote auferweckt und Aussätzige gereinigt wurden, wir niemals vor dem Auftreten des Messias davon hören, dass Blinde das Sehvermögen geschenkt bekamen. Die Rabbiner sind der Auffassung, dass dies dem Messias vorbehalten sei; und ich weiß von keinem Fall, der ihrer Ansicht widerspricht. Sie scheinen ihre Meinung auf die bemerkenswerte Prophezeiung Jesajas (Jes 35,6) zu gründen. Ich möchte nicht bestätigen, dass diese Prophezeiung einen Grund liefert, diese Art des Wunders von den übrigen abzusondern. Aber es ist ganz offensichtlich, dass der Geist Gottes nachdrücklich die Öffnung von blinden Augen mit dem Sohn Davids verbindet als Teil des Segens, den Er ausgießen wird, wenn Er kommt, um über die Erde zu herrschen.

Hier fällt auch auf, dass Jesus die Segnung nicht bis zur Zeit seiner Herrschaft zurückhält. Zweifellos gab der Herr in jenen Tagen Zeichen und Wunder des zukünftigen Zeitalters (Heb 6,5); und seine Knechte setzten später dieses Werk fort, wie wir am Ende des Markusevangeliums, in der Apostelgeschichte usw. sehen. Die Wunderkräfte, die Er ausübte, waren Muster von der Macht, welche die Erde mit der Herrlichkeit Jahwes erfüllen, den Feind austreiben und die Spuren seiner Macht auslöschen wird, um die Erde zum Schauplatz der Offenbarung seines Königreiches hienieden zu machen. So bewies unser Herr, dass die Macht in Ihm schon anwesend war und dass die Bedürftigen dadurch, dass das Reich im vollsten Sinn des Wortes noch nicht gekommen war, keinen Mangel leiden mussten; denn das Reich war in seiner Person gewissermaßen schon da, wie es von Matthäus (Mt 12,28) und auch Lukas (Lk 17,21) gesagt wird. Auch wurde der Segen für die Söhne der Menschen nicht zurückgehalten. Von seiner königlichen Berührung ging Kraft aus. Diese war auf jeden Fall nicht von der Anerkennung seiner Rechte seitens seines Volkes abhängig. Er führte jenes Zeichen der messianischen Gnade – das Öffnen der blinden Augen – aus. Es war in sich selbst kein geringes Zeichen von dem wahren Zustand der Juden, wenn sie es nur gefühlt und anerkannt hätten! Ach, sie fragten nicht nach Barmherzigkeit und Heilung von seiner Hand! Aber wenn in Jericho irgendjemand war, der Ihn anrief, dann wollte der Herr hören. Hier antwortete der Messias also auf den Ruf des Glaubens dieser beiden Blinden. Als die Volksmenge sie bedrohte, damit sie schwiegen, schrieen sie umso mehr. Schwierigkeiten, die dem Glauben gemacht werden, lassen die Stärke seines Verlangens nur noch mehr anwachsen. Und so riefen sie: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ (V. 31). Jesus blieb stehen, rief die Blinden und fragte: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ „Herr, dass unsere Augen aufgetan werden!“ (V. 32.33). Und es geschah so nach ihrem Glauben. Darüber hinaus wird angemerkt, dass sie Ihm folgten. Das ist ein Unterpfand von dem, was geschehen wird, wenn das Volk einst seine Blindheit anerkennt und sich an Ihn wendet, um Augenlicht von dem wahren Sohn Davids zu empfangen, um Ihn am Tag seiner irdischen Herrlichkeit sehen zu können.

Kapitel 21

Der Herr zog dann nach den Voraussagen der Prophetie in Jerusalem ein. Das geschah jedoch nicht mit dem äußeren Pomp und der Pracht, welche die Nation erwartete, sondern in der buchstäblichen Erfüllung der Worte des Propheten (Sach 9,9). Jahwes König saß im Geist der Demut auf einem Esel. Doch selbst darin wurde aufs völligste erwiesen, dass Er Jahwe war. Vom Anfang bis zum Ende war Er, wie wir gesehen haben, der Jahwe-Messias. Die Antwort an den Besitzer von Esel und Füllen lautete: „Der Herr benötigt sie“ (V. 3). Dass Jahwe der Heerscharen den Esel beanspruchte, ließ alle Schwierigkeiten verschwinden, obwohl der Unglaube hier seinen Stein des Anstoßes findet. Es war wirklich die Macht des Geistes Gottes, die das Herz des Besitzers beherrschte; denn für Christus gilt: „Diesem öffnet der Türhüter“ (Joh 10,3). Gott vernachlässigte nichts auf irgendeiner Seite und ließ das Herz dieses Israeliten ein Zeugnis davon ablegen, dass die Gnade wirkte trotz der beklagenswerten Kälte, die das Volk betäubte. Welch eine Güte, dass Er ein Zeugnis bewirkte und es an diesem nicht fehlen ließ, selbst auf der Straße nach Jerusalem – ach, der Straße zum Kreuz Christi! „Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig [diese Sanftmut war kennzeichnend für sein damaliges Kommen] und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers“ (V. 4–5). Alles musste mit dem Charakter des Nazareners übereinstimmen. Die Jünger gingen hin und taten so, wie Jesus ihnen befohlen hatte. Auch die Volksmenge – es war eine sehr große Volksmenge – wurde beeinflusst. Das war natürlich nur eine vorübergehende Einwirkung, durch welche der Heilige Geist die Herzen bewegte; Gott benutzte sie aber als Zeugnis. Sie blieb nur oberflächlich und war wie eine Welle, die über die Herzen der Menschen hinweg fuhr und dann verschwand. Doch einen Moment lang folgten sie ihr und riefen: „Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!“ (V. 9). Sie riefen dem Herrn die Segenswünsche von Psalm 118 zu.

Nach dem Bericht unseres Evangelisten kam Jesus zum Tempel und reinigte ihn. Beachten wir die Reihenfolge und den Charakter der Ereignisse! Im Markusevangelium (Kap. 11) ist die Reinigung des Tempels nicht die erste Handlung des Herrn, die aufgezeichnet wird, sondern zuvor verfluchte Er den unfruchtbaren Feigenbaum. Diese Tat stand zwischen seiner Musterung aller Dinge im Tempel und seiner Vertreibung derjenigen, die ihn entweihten. Die Lösung des Problems besteht darin: Es gab nach dem Markusevangelium zwei Tage oder Gelegenheiten, an denen der Feigenbaum Beachtung fand. Denn Markus zeigt uns, trotz der Kürze seines Evangeliums, mehr als die anderen Evangelisten insbesondere die Einzelheiten. Dagegen schildert uns Matthäus die Handlungsweise des Herrn sowohl mit dem Feigenbaum als auch dem Tempel als ein Ganzes. Das ist auffallend, weil er uns so häufig mit einem doppelten Zeugnis der gnädigen Wege des Herrn mit seinem Land und Volk versieht. Vom ersten Evangelisten erfahren wir also nicht, dass es in beiden Fällen eine Unterbrechung gab. Aus dem ersten sowie aus dem dritten Evangelium (Lk 19) können wir nicht ersehen, dass die Reinigung des Tempels nicht bei seinem ersten Besuch erfolgte. Aber wir erfahren von Markus, der einen genauen Bericht über beide Tage erstattet, dass in beiden Fällen nicht alles auf einmal geschah. Dies ist umso bemerkenswerter, weil in den Ereignissen mit den beiden Besessenen oder den beiden Blinden bei Matthäus, sowohl Markus als auch Lukas nur von einem sprechen. Diese Besonderheiten können nur durch eine dahinter stehende Absicht erklärt werden, zumal man annehmen muss, dass jeder der aufeinanderfolgenden Evangelisten den Bericht seines Vorgängers über das Leben des Herrn kannte. Es ist offensichtlich, dass Matthäus die beiden Handlungen im Tempel und mit dem Feigenbaum in jeweils eine zusammenfasst. Sein Themenkreis schloss Einzelheiten aus; und ich bin überzeugt, dass das richtig war und nach den Gedanken des Geistes Gottes. Die Angelegenheit wird noch bedeutungsvoller, wenn wir beachten, dass Matthäus dabei war und Markus nicht. Ein normaler menschlicher Augenzeuge, der die Ereignisse wirklich gesehen hat, hätte sich sicherlich bei den Details aufgehalten. Der persönliche Gefährte des Herrn handelte nicht so. Wenn es nur darum gegangen wäre, alle Einzelheiten durch einen Menschen, der den Herrn liebte, zu sammeln, dann wäre Matthäus, menschlich gesprochen, derjenige von den drei ersten Evangelisten gewesen, welcher am genauesten und ausführlichsten die Umstände beschrieben hätte. Markus, der bekanntermaßen kein Augenzeuge war, hätte sich dann mit den allgemeinen Gesichtspunkten begnügen müssen. Zweifellos ist es umgekehrt. Dies sollten wir sehr beachten, und zwar nicht nur hier, sondern auch anderswo. Für mich ist das der Beweis, dass die Evangelien die Frucht einer göttlichen Absicht in ihnen allen ist; doch diese ist in jedem Evangelium anders. Gott hat als Grundsatz festgesetzt, dass Er sich nie auf Augenzeugen beschränkt, auch wenn Er sich herablässt, sie zu benutzen. Er weist im Gegenteil sorgfältig und ausreichend nach, dass Er über solchen kreatürlichen Hilfsquellen der Informationsvermittlung steht. So finden wir bei Markus und Lukas einige der wichtigsten Einzelheiten, jedoch nicht bei Matthäus und Johannes, obwohl beide Augenzeugen waren, im Unterschied zu Markus und Lukas.

In dem Abschnitt, den wir jetzt erreicht haben, erkennen wir einen doppelten Beweis dafür. Für Matthäus, der das schrieb, was der Heilige Geist ihm anvertraut hatte, gab es keinen ausreichenden Grund, sich mit Dingen zu beschäftigen, die keinen Bezug auf Israel in Hinsicht auf seine Haushaltungen aufwiesen. Er stellt also, wie so oft, den Besuch im Tempel in aller Vollständigkeit dar, als sei diese Darstellung sein einzig wichtiges Ziel. Jeder denkende Mensch muss, wenn ich nicht gewaltig irre, zugeben, dass das Eingehen auf Einzelheiten vom Ernst einer Handlung ablenkt. Auf der anderen Seite hat natürlich ein genauer Bericht dort seinen rechten Platz, wo es sich um die Handlungsweise des Herrn handelt und wo man sich mit seinem Dienst und Zeugnis beschäftigt. Hier möchte ich die Besonderheiten wissen; und jede Spur und Schattierung ist für mich voller Belehrung. Wenn ich Ihm dienen will, dann sollte ich jedes seiner Worte und jede Verhaltensweise dem Gedächtnis einprägen und darüber nachsinnen. Dafür hat die Darstellungsart des Markusevangeliums einen unschätzbaren Wert. Wer empfindet nicht, dass die Bewegungen, das Schweigen, die Seufzer, das Stöhnen, ja, sogar die Blicke des Herrn voller Segen für die Seele sind? Wenn indessen Matthäus als Thema den großen Wechsel der Haushaltung als Folge der Verwerfung des göttlichen Messias darstellen soll, dann begnügt sich der Geist Gottes mit einer allgemeinen Notiz von jener peinlichen Szene und lässt sich nicht auf einen umständlichen Bericht darüber ein. Das gilt vor allem, wenn, wie hier, nicht die zukünftige Barmherzigkeit, sondern das feierliche und ernste Gericht über Israel enthüllt wird. Die augenfälligen Unterschiede an dieser Stelle zwischen Matthäus- und Markusevangelium führe ich hierauf zurück sowie auch die zum Lukasevangelium, welches die Verfluchung des Feigenbaums völlig weglässt und die knappste Schilderung der Reinigung des Tempels gibt (Lk 19,45). Die Ansicht einiger Männer, insbesondere einiger Gelehrter, dass die Unterschiede auf die Unwissenheit des einen oder anderen oder aller Evangelisten zurückgeführt werden muss, ist die schlechteste von allen Erklärungen und die unvernünftigste. Es ist der klare Beweis ihrer Unwissenheit und eine Wirkung positiven Unglaubens.

Was ich vorzustellen wagte, könnte nach meinem Dafürhalten ein Beweggrund, und zwar ein hinreichender Beweggrund, für die Unterschiede sein. Wir müssen jedoch beachten, dass die göttliche Weisheit in ihren Ratschlüssen Tiefen enthält, die unsere Fähigkeit, sie zu ergründen, unendlich übersteigen. Gott erlaubt gern, dass wir etwas von dem erkennen, was in seinem Herzen ist, falls wir demütig, sorgfältig und von Ihm abhängig sind. Andererseits lässt Er uns in vielem unwissend, wenn wir nachlässig sind oder auf uns selbst vertrauen. Ich bin jedoch sicher, dass gerade die Stellen, die gewöhnlich von den Menschen als Makel und Fehler im inspirierten Wort angegriffen werden, wenn richtig verstanden, die stärksten Beweise für die anbetungswürdige Leitung durch den Heiligen Geist Gottes liefern. Dabei spreche ich nicht mit solcher Sicherheit, weil mir diese Erkenntnis zur Genugtuung gereicht, sondern weil jede Lektion, die ich aus dem Wort Gottes gelernt habe und lerne, mich zu der ständig größer werdenden Überzeugung führt, dass die Schrift vollkommen ist. Für das Problem vor uns genügt allerdings völlig, dass wir genug Beweise haben, dass Matthäus, Markus und Lukas nicht aus Unwissenheit, sondern mit vollem Wissen so schrieben, wie sie es getan haben. Ich gehe noch weiter und sage, dass es so die göttliche Absicht war; denn ich glaube nicht, dass der Evangelist einen bestimmten Plan und den vollen Überblick über das hatte, was der Heilige Geist ihm zu schreiben aufgab. Wir müssen nicht notwendigerweise annehmen, dass Matthäus bedachtsam einen Plan ersann, um die Ergebnisse seines Evangeliums hervorzubringen. Wie Gott alles bewirkte, ist eine andere Frage, die wir natürlich nicht zu beantworten haben. Tatsache bleibt jedoch, dass der Evangelist, der anwesend und folglich ein Augenzeuge der Einzelheiten war, diese nicht mitteilt. Dagegen schreibt ein anderer, der nicht dabei war, von ihnen mit größter Ausführlichkeit. Dabei besteht vollkommene Harmonie zwischen seinem Bericht und dem des Augenzeugen. Und doch gibt es bemerkenswerte Unterschiede sowie gegenseitige Bestätigungen. Wenn wir in diesem Fall das Wort „Ursprünglichkeit“ richtig gebrauchen, dann ist das zweite Evangelium durch Ursprünglichkeit gekennzeichnet1. Ich behaupte also fest, dass jedem Evangelium ein göttlicher Plan aufgeprägt ist und dass an der göttlichen Absicht überall und in jedem Evangelium festgehalten wird.

Der Herr ging also direkt zum Heiligtum – der königliche Sohn Davids, ausersehen, um als der Priester auf seinem Thron zu sitzen, das Haupt von allem, seien es die heiligen Dinge oder die, welche zum Staatswesen Israels gehören. Wir können gut verstehen, warum Matthäus Ihn beschreibt, wie Er den Tempel in Jerusalem besuchte. Wir können ebenfalls verstehen, warum diese ganze Szene ohne Unterbrechung geschildert wird, anders als bei Markus, der seinen geduldigen Dienst bezeugt. Den gleichen Grundsatz fanden wir in der Zusammenfassung der Einzelheiten seines Dienstes am Ende des vierten Kapitels und in der zusammenhängenden Bergpredigt, obwohl letztere nach genauerer Untersuchung mit vielen und erheblichen Unterbrechungen gehalten wurde. Denn zweifellos wurden die Ereignisse zusammengefasst. Und so geschah es auch, wie ich glaube, mit den einzelnen Teilen jener Predigt. Diese Verfahrensweise, nämlich alle Zwischenereignisse völlig zu übergehen, stimmt jedoch mit dem Thema unseres Evangeliums überein; und so konnte der Geist Gottes das Ganze zu dem wunderschönen Gespinst des Matthäusevangeliums verweben. In diesem Licht dürfen und sollen wir, wie ich annehme, auch die Unterschiede zwischen Matthäus- und Markusevangelium in den Versen vor uns sehen. Dabei lassen wir allerdings nicht den geringsten Verdacht einer Unvollkommenheit auf den einen oder auf den anderen fallen. Andererseits darf ein Augenzeuge, wie wir schon nachdrücklich betont haben, in keinster Weise, wenn er als Diener benutzt wird, die Zusammenstellung eines Evangeliums planen. Es verrät deutlich, dass die Menschen den wahren Autor vergessen, wenn sie den Plan in den Schreibern, die Er benutzte, suchen. Der einzige Schlüssel zu allen Schwierigkeiten besteht in der einfachen, aber wichtigen Wahrheit, dass Gott seine Gedanken über Jesus in gleicher Weise durch Matthäus wie Markus mitteilt.

Als nächstes handelte der Herr nach dem Wort Gottes: Er fand Menschen, die im Tempel (das heißt in seinen Gebäuden) kauften und verkauften, warf ihre Tische um, trieb sie hinaus und sprach dabei die Worte der Propheten Jesaja (Jes 56,7) und Jeremia (Jer 7,11) aus. Danach wird ein anderer Charakterzug erwähnt, den wir ausschließlich hier finden. Die Blinden und Lahmen finden in Ihm einen Freund anstatt einen Feind. Sie waren „der Seele Davids verhasst“ (2. Sam 5,8); doch Davids großer Sohn und Herr hatte Mitleid mit ihnen und liebte sie, die wahren Geliebten Gottes. Während Er seinen Hass und gerechten Unwillen gegen die habgierige Entweihung des Tempels offenbarte, floss gleichzeitig seine Liebe zu den Elenden in Israel aus. Dann lesen wir, wie das Schreien der Volksmenge und Kinder die Hohenpriester und Schriftgelehrten störte, so dass sie sich tadelnd an den Herrn wandten, der zuließ, dass man Ihm eine solche königliche Begrüßung darbrachte. Der Herr nahm jedoch ruhig seinen Platz nach dem bestimmten Wort Gottes ein. Jetzt stand nicht das Fünfte Buch Mose vor Ihm. Daraus zitierte Er, als Er am Anfang seines Weges von Satan versucht wurde. Die Worte der Kinder waren aus Psalm 118 entnommen – und wer könnte sagen, dass das falsch war? So wandte nun der Herr Jesus die Aussagen des achten Psalms auf die Kinder und sich selbst an – und ich weise darauf hin, wie vollkommen passend das war. Die Zentralwahrheit dieses Psalms spricht von der Einführung des verworfenen Messias, des Sohnes des Menschen, durch Erniedrigung und Leiden bis zum Tod in die himmlische Herrlichkeit und die Herrschaft über alle Dinge. Diese Wahrheit stand vor der Seele des Herrn. Die kleinen Kinder handelten folglich nach der Wahrheit und dem Geist jener Prophezeiung. Es waren Säuglinge, aus deren Mündern Lob für den verachteten Messias verordnet war. Er sollte bald im Himmel erhöht sein, während Er auf der Erde als der einst gekreuzigte und jetzt verherrlichte Sohn des Menschen gepredigt würde. Was konnte zu jener Zeit passender sein? Was bedeutsamer zu aller Zeit, ja, für die Ewigkeit?

Matthäus vereinigt, wie wir schon gesehen haben, alle Ereignisse um den unfruchtbaren Feigenbaum (V. 18–22), ohne den Fluch an dem einen und die Offenbarung seiner Erfüllung am nächsten Tag voneinander zu trennen. Hat das keine moralische Bedeutung? Unmöglich! Finden wir irgendetwas in diesem Kapitel, das von einer herzlichen und wahren Aufnahme des Messias und Früchten für seine Hand, die Israel so lange gepflegt und mit aller Sorgfalt kultiviert hatte, sprach? Gab es irgendetwas, das durch die Begrüßung der kleinen Kinder, die „Hosanna“ riefen und ein Muster von dem waren, was die Gnade am Tag seiner Rückkehr bewirken wird, angesprochen wurde? Zu jener Zeit wird die Nation zufrieden und dankbar den Platz von Kindern und Säuglingen einnehmen und ihre ganze Weisheit darin finden, denjenigen anzunehmen, den ihre Vorväter verworfen hatten und der daraufhin als Mensch während der Nacht des Unglaubens seines Volkes im Himmel erhöht wurde. In der Zwischenzeit passt ein anderes Bild besser auf sie: Der Zustand und das Verderben des unfruchtbaren Feigenbaums. Warum verachteten sie die jubelnde Volksmenge und die frohlockenden Kinder? In welchem Zustand befanden sie sich vor den Augen dessen, der alles sah, was in ihren Herzen vorging? Sie waren nicht besser als jener Feigenbaum – jener einsame Feigenbaum, auf den das Auge des Herrn fiel, als Er von Bethanien kommend wieder nach Jerusalem zurückkehrte. Wie er sahen auch sie vielversprechend aus. Er war voller Blätter. Auch bei ihnen fehlte es nicht an einem schönen Bekenntnis; aber es gab keine Frucht. Die Unfruchtbarkeit wurde dadurch besonders offenbar, dass es noch nicht die Zeit der Feigen war; denn er hätte unreife Feigen, die Vorboten der Ernte, tragen müssen. Zur Zeit der Feigenernte hätten die Feigen schon abgenommen sein können. Da diese Zeit noch nicht gekommen war, wäre ohne Zweifel die Verheißung auf die kommende Ernte am Baum zu sehen gewesen, wenn er überhaupt irgendeine Frucht getragen hätte. Dieser Baum lieferte also ein sehr wirklichkeitsnahes Bild von dem, was die Juden, was die Nation Israel, in den Augen des Herrn waren. Er kam und suchte Frucht; es gab jedoch keine; und der Herr sprach diesen Fluch aus: „Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit!“ (V. 19). Und so geschah es. Von jenem Geschlecht kam niemals Frucht. Ein anderes Geschlecht muss aufstehen. Ein völliger Wechsel muss stattfinden, damit es zum Fruchttragen kommt. Nur durch Jesus können Früchte der Gerechtigkeit zur Verherrlichung Gottes reifen. Und sie verwarfen jetzt Jesus. Der Herr wird Israel nicht aufgeben; doch Er wird ein zukünftiges Geschlecht erwecken, das ganz anders ist als das gegenwärtige, welches Ihn verwarf. Zu diesem Ergebnis kommen wir, wenn wir den Fluch unseres Herrn mit dem Rest des Wortes Gottes vergleichen, welches von besseren Dingen redet, die für Israel aufbewahrt werden.

Dem fügte der Herr noch etwas hinzu. Das damalige Israel sollte nicht nur hinweggetan werden, um Raum für ein anderes Geschlecht zu geben, welches den Messias ehren und damit Frucht für Gott bringen wird. Er sagte auch den staunenden Jüngern, dass, wenn sie Glauben hätten, der Berg ins Meer geworfen würde. Das scheint noch weiter zu gehen als die Beiseitesetzung Israels in seiner Verantwortung als fruchttragendes Volk. Er deutete an, dass ihr ganzes Staatswesen aufgelöst werden sollte; denn der Berg ist genauso das Symbol einer Macht auf der Erde, einer etablierten Weltmacht, wie der Feigenbaum ein besonderes Sinnbild von Israel in seiner Verantwortlichkeit, für Gott Frucht zu bringen. Es ist offensichtlich, dass beide Bilder voll verwirklicht worden sind. Zurzeit2 ist Israel verschwunden. Schon nach kurzer Zeit sahen die Jünger, wie Jerusalem nicht nur eingenommen, sondern auch sozusagen mit seiner Wurzel ausgerissen wurde. Die Römer kamen als Vollstrecker des Urteils Gottes entsprechend der gerechtfertigten Vorahnung des ungerechten Hohenpriesters Kajaphas, der nicht ohne den Heiligen Geist weissagte (Joh 11,51). Sie nahmen ihnen Stadt und Nation weg – aber nicht deshalb, weil sie Jesus, ihren Messias, nicht getötet, sondern gerade weil sie Ihn getötet hatten. Bekanntlich geschah diese totale Vernichtung des jüdischen Staatswesens, als die Jüngerschaft zu einem öffentlichen Zeugnis in der Welt herangewachsen war. Noch vor der Hinwegnahme aller Apostel von der Erde versank und verschwand Israels nationales Staatswesen gänzlich. Titus nahm Jerusalem ein und verkaufte und zerstreute das Volk bis an das Ende der Erde. Ich habe keinen Zweifel, dass der Herr uns diese Wahrheit in dem Herausreißen des Berges sowie dem Verdorren des Feigenbaums zeigen wollte. Das letzte Bild mag einfacher in seiner Anwendung und auch den herkömmlichen Vorstellungen bekannter sein. Es gibt jedoch keinen vernünftigen Grund, warum das andere Bild nicht genauso symbolisch in seiner Aussage ist. Wie es auch sein mag – diese Worte des Herrn schließen jenen Teil des Gegenstands.

Im letzten Abschnitt dieses Kapitels und dem folgenden betreten wir eine neue Serie von Ereignissen. Zunächst traten die religiösen Führer vor den Herrn und stellten die erste Frage, die immer in den Herzen solcher Männer auftaucht: „In welchem Recht tust du diese Dinge?“ (V. 23). Keine Frage wird leichter gestellt von Menschen, die ihr eigenes Recht für unangreifbar halten. Unser Herr antwortete ihnen mit einer anderen Frage, die sofort ihren Mangel an moralischer Kompetenz in einer unvergleichlich ernsteren Angelegenheit aufdeckte. Wer waren sie, um nach seiner Autorität zu fragen? Sie sollten gewiss als religiöse Führer fähig sein, das zu beurteilen, was von tiefster Bedeutung für ihre eigenen Seelen und die Seelen derjenigen war, über die sie die geistliche Aufsicht beanspruchten. Die Frage, die Er stellte, beinhaltete auch die Antwort auf ihre; denn hätten sie Ihm der Wahrheit entsprechend geantwortet, dann hätte das auch sofort entschieden, durch welche und wessen Autorität Er handelte. „Die Taufe des Johannes'“, fragte Er, „woher war sie, vom Himmel oder von Menschen?“ (V. 25). Diese Männer waren nicht ehrlich; sie fürchteten Gott nicht. Aber sie waren voll schwülstiger Worte und angemaßter Autorität. Anstatt also die Frage nach ihrem Gewissen zu beantworten und die Wahrheit auszusprechen, überlegten sie nur, wie sie aus dieser Klemme heraus kommen konnten. Sie stellten sich nur die eine Frage: Welche Antwort ist diplomatisch? Wie entkommen wir am besten dieser Schwierigkeit? Vor Jesus war das eine vergebliche Hoffnung. Sie mussten sich mit der niederträchtigen Schlussfolgerung zufrieden geben: „Wir wissen es nicht“ (V. 27). Das war Unaufrichtigkeit. Aber was bedeutete das für sie, wenn die Interessen der Religion und ihres Standes betroffen waren? Ohne rot zu werden, antworteten sie also dem Heiland: „Wir wissen es nicht“; und der Herr gab ihnen mit ruhiger Würde seine Entgegnung. Er sagte nicht: „Ich weiß es nicht“, sondern: „So sage auch ich euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue.“ Jesus kannte die geheimen Quellen des Herzens und legte sie bloß; und der Geist Gottes berichtet es hier zu unserer Belehrung. Dies ist das allgemeine, wahre Bild weltlicher Führer in religiösen Dingen im Konflikt mit der Macht Gottes. „Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: Von Menschen – wir fürchten die Volksmenge, denn alle halten Johannes für einen Propheten“ (V. 25.26). Wenn sie Johannes anerkannten, mussten sie sich vor der Autorität Jesu beugen. Wenn sie Johannes ablehnten – sie fürchteten das Volk. So wurden sie zum Schweigen gebracht; denn sie wollten ihren Einfluss beim Volk nicht verlieren. Und sie waren entschlossen, die Autorität Jesu um jeden Preis zu leugnen. Sie sorgten nur für sich selbst.

Der Herr ging weiter und begegnete in Gleichnissen einer umfassenderen Frage als jener der Führer, indem Er schrittweise den Blickwinkel vergrößerte, bis Er diese Belehrungen in Matthäus 22,14 abschloss. Zuerst behandelte Er sündige Menschen, in denen das natürliche Gewissen noch wirkte, und andere, die es schon verloren hatten. Das finden wir nur bei Matthäus. „Ein Mensch hatte zwei Kinder; und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg. Er aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr, und ging nicht. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der Erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, reute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet“ (V. 28–32). Der Herr gab sich nicht damit zufrieden, allein das Gewissen in einer für das Fleisch sehr schmerzlichen Weise zu treffen. Deshalb mussten sie erfahren, dass – trotz Autorität und dergleichen – jene, deren Bekenntnis am größten ist, wenn sie ungehorsam sind, als böser angesehen werden als die verworfensten Menschen, die Buße tun und dem Willen Gottes folgen.

Als nächstes betrachtete unser Herr das ganze Volk, beginnend bei dem Anfang seiner Beziehungen zu Gott. Mit anderen Worten: Er gibt uns in diesem Gleichnis die Geschichte der Handlungsweise Gottes mit demselben. Es handelte sich in keinster Weise um die zufälligen Umstände im Verhalten einer besonderen Generation. Der Herr stellte klar heraus, was dieses Volk die ganze Zeit über und auch damals, als Er anwesend war, kennzeichnete. Im Gleichnis vom Weinberg wird es in Hinsicht auf seine Verantwortlichkeit geprüft. Gott, der es von Anbeginn mit außerordentlich reichen Privilegien gesegnet hatte, besaß Anrechte an ihm. Danach, im Gleichnis von der Hochzeit des Königssohns, sehen wir, wie die Gnade des Evangeliums Gottes das Volk erprobte. Das sind demnach die Themen der beiden folgenden Gleichnisse.

Der Hausherr, der seinen Weinberg an Weingärtner verpachtete, zeigt Gott, wie Er die Juden auf der Grundlage von Segnungen, die Er in Fülle über sie ausgegossen hatte, prüfte. So sehen wir, wie zuerst Knechte zu ihnen gesandt wurden – und dann mehr. Es war alles vergeblich. Die Beschimpfung und das Böse nahmen ständig zu. Dann, zuletzt, sandte Er seinen Sohn, indem Er sagte: „Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen“ (V. 37). Das lieferte ihnen die Gelegenheit für ihre krönende Sünde. In der Ermordung des Sohnes und Erben lehnten sie alle seine göttlichen Anrechte ab; denn „sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er jenen Weingärtnern tun? Sie sagen zu ihm: Er wird jene Übeltäter auf schlimme Weise umbringen, und den Weinberg wird er an andere Weingärtner verpachten, die ihm die Früchte abliefern werden zu ihrer Zeit“ (V. 39–41).

Der Herr überließ die Sache jedoch nicht nur der Antwort des Gewissens, sondern sprach auch sein Urteil nach den Schriften aus: „Habt ihr nie in den Schriften gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen“? (V. 42). Dann verband Er diese Vorhersage über den Stein aus Psalm 118 anscheinend mit der Prophezeiung von Daniel 2. Auf jeden Fall wird der Grundgedanke dieser Stelle auf das gegenwärtige Problem angewandt. Ich brauche kaum zu sagen, wie treffend und mit welcher Schönheit Er das tut. Denn an jenem fernen Tag werden die abtrünnigen Juden mit den heidnischen Mächten zusammen gerichtet und zermalmt. Der Stein wird in zwei Stellungen gefunden. Die eine befand sich auf der Erde, nämlich in der Erniedrigung des Messias. Über diesen Stein, der sich so erniedrigt hatte, stolperte und fiel der Unglaube. Doch dann, wenn der Stein erhöht ist, folgt ein anderes Ergebnis. Denn „der Stein Israels“ (1. Mo 49,24), der verherrlichte Sohn des Menschen, wird in schonungslosem Gericht herniederkommen und seine Feinde zermalmen. Als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse gehört hatten, erkannten sie, dass Er von ihnen sprach.

Fußnoten

  • 1 Kelly versteht hier wohl unter „Ursprünglichkeit“ („originality“), dass die Ereignisse aus dem Leben des Herrn Jesus nicht vom Heiligen Geist höherer Gesichtspunkte wegen bearbeitet worden sind (Übs.).
  • 2 d. h. im 19. Jahrhundert als Kelly seine Vorträge hielt (Übs.).

Kapitel 22

Im Gleichnis des 22. Kapitels wendet sich der Herr dem Ruf der Gnade zu. Es ist ein Gleichnis vom Reich der Himmel. Wir befinden uns jetzt auf neuem Boden. Es fällt auf, dass das Gleichnis  hier eingeführt wird. Im Lukasevangelium (Lk 14) gibt es ein ähnliches; doch wir sagen wohl zu viel, wenn wir es als dasselbe bezeichnen. Offensichtlich finden wir dort ein verwandtes Gleichnis; aber es steht in einem ganz anderen Zusammenhang. Außerdem fügt Matthäus verschiedene, ihm eigene Einzelheiten hinzu, die völlig mit der Absicht des Heiligen Geistes in seinem Evangelium übereinstimmen. Auch bei Lukas sehen wir besondere Kennzeichen. Im Lukasevangelium erblicken wir eine bemerkenswerte Entfaltung von Gnade und Liebe gegen die verachteten Armen in Israel. Danach vergrößert die Liebe ihre Reichweite und geht hinaus an die Wege und Zäune, um die Armen – die Armen in der Stadt, die Armen überall – von dort hereinzubringen. Ich brauche kaum zu sagen, wie charakteristisch diese Beschreibung ist. Im Matthäusevangelium hingegen finden wir nicht nur Gottes Gnade, sondern auch eine Art Geschichtsschreibung, die auffallend die Zerstörung Jerusalems mit einschließt. Lukas schweigt davon. „Das Reich der Himmel ist einem König gleich geworden, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete“ (V. 2). Es war also nicht, wie bei Lukas, einfach ein Mensch, der ein Fest für solche geben wollte, die nichts hatten. Hier im Matthäusevangelium ging es dem König vielmehr um die Verherrlichung seines Sohnes. „Und er sandte seine Knechte aus, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen; und sie wollten nicht kommen. Wiederum sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Siehe, mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit“ (V. 3–4). Wir lesen in unseren Versen von zwei Aussendungen der Knechte des Herrn. Die eine geschah zu seinen Lebzeiten, die andere nach seinem Tod. Bei der zweiten, und nicht bei der ersten, wird gesagt: „Alles ist bereit.“  Die Botschaft wurde, wie immer, verworfen. „Sie aber kümmerten sich nicht darum und gingen hin“ (V. 5). Bei der zweiten Aussendung erfolgte diese ausführliche Einladung, die dem Menschen keine Ausrede mehr ließ. Aber sie wollten nicht kommen, indem der eine auf seinen Acker und der andere zu seinem Handel ging. „Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, misshandelten und töteten sie“ (V. 6). So wurden die Apostel nicht zu Lebzeiten des Herrn aufgenommen. Das widerfuhr ihnen erst nach seinem Tod. Daraufhin wurde der Gerichtsschlag in wunderbarer Geduld jahrelang zurückgehalten; nichtsdestoweniger kam zuletzt das Gericht. „Der König aber wurde zornig und sandte seine Heere aus, brachte jene Mörder um und setzte ihre Stadt in Brand“ (V. 7). Das schließt diesen Teil des Gleichnisses, welcher ein Handeln Gottes durch die Vorsehung voraussagt. Doch neben diesem richterlichen Charakter, zu dem wir keine Parallele im Lukasevangelium finden, wird, wie üblich, der große Wechsel der Haushaltung viel nachdrücklicher als bei Lukas herausgestellt. Bei Letzterem bemerken wir vor allem das Motiv der Gnade, die damit begann, dass ein Hausherr aussandte, um Geladene zum Festmahl zu rufen. Deren Entschuldigungen werden in sittlicher Hinsicht voll herausgestellt. Darauf folgte die zweite Aussendung auf die Straßen und Gassen der Stadt an die Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden. Die letzte Mission ging an die Wege und Zäune, um die dortigen Menschen hereinzunötigen, damit sein Haus voll werde.

Das Matthäusevangelium stellt viel ausgeprägter die Seite der Haushaltungen vor uns. Deshalb wird die Handlungsweise mit den Juden, sowohl in Barmherzigkeit als auch in Gericht, zuerst als ein Ganzes dargestellt, wie es für Matthäus typisch ist, der sozusagen auf einen Schlag ein vollständiges Bild liefert. Das fällt hier umso mehr auf, weil niemand leugnen kann, dass die Mission an die Heiden lange vor der Zerstörung Jerusalems stattfand. Erst danach wird ganz für sich das Teil der Nichtjuden hinzugefügt. „Dann sagt er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen waren nicht würdig; so geht nun hin auf die Kreuzwege der Landstraßen, und so viele irgend ihr findet, ladet zur Hochzeit. Und jene Knechte gingen hinaus auf die Landstraßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, sowohl Böse als Gute. Und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen“ (V. 8–10). Noch eine andere Einzelheit wird nachdrücklich herausgestellt. Im Lukasevangelium lesen wir nicht, dass am Ende das Gericht über einen Menschen, der ohne passendes Hochzeitskleid zur Hochzeit kommt, ausgesprochen und vollstreckt wird. Wir sahen soeben bei Matthäus das Handeln Gottes mit den Juden  durch die Vorsehung. Am Ende dieses Gleichnisses wird jedoch auch besonders beschrieben, wie der König an einem zukünftigen Tag  individuell richtet. Es ist nicht ein äußerer oder nationaler Schlag als ein Ereignis der Vorsehung in Verbindung mit Israel, obwohl wir auch diesen hier finden. Ganz anders, doch in Übereinstimmung hiermit, finden wir vonseiten Gottes eine persönliche Beurteilung der Bekenner aus den Nationen, das heißt, derjenigen, die jetzt Christi Namen tragen, ohne Ihn wirklich angezogen zu haben. Damit schließt das Gleichnis. Nichts könnte zudem passender sein als dieses Bild, welches nur bei Matthäus gefunden wird und die bevorstehende große Wende für die Heiden und Gottes individuelle Handlungsweise mit ihnen wegen ihres Missbrauchs seiner Gnade schildert. Das Gleichnis veranschaulicht den damals zukünftigen Wechsel der Haushaltung. Das passt eher zum Ziel des Matthäus- als des Lukasevangeliums; denn letzteres beschäftigt sich gewöhnlich mehr mit sittlichen Gesichtspunkten. Wenn der Herr die Gelegenheit dazu gibt, werden wir es später sehen.

Danach kamen die verschiedenen Klassen der Juden zu Jesus. Zuerst nahten die Pharisäer mit – welch erstaunliche Allianz! – den Herodianern. Normalerweise waren sie, wie die Menschen so sagen, natürliche Feinde. Die Pharisäer bildeten die hohe geistliche Partei, die Herodianer dagegen die niedrige weltliche Höflingspartei. Jene waren die Eiferer für Überlieferung und Gerechtigkeit nach dem Gesetz, diese die Gefolgsleute der damals herrschenden Mächte um eines Gewinnes auf der Erde willen. Solche Verbündeten hatten sich heuchlerisch gegen den Herrn zusammengeschlossen. Unser Herr begegnete ihnen mit der Weisheit, die immer aus seinen Worten und Werken hervorschien. Sie fragten, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu geben. Er antwortete: „Zeigt mir die Steuermünze  Und er spricht zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (V. 19–21). Der Herr nahm die Dinge so, wie sie damals waren. Das Geldstück, das sie vorzeigten, bewies ihre Unterwerfung unter die Nationen. Ihre Sünde hatte sie dorthin gebracht. Sie litten unter ihren Herren. Aber es waren fremde Herren, und zwar wegen ihrer Sünde. Der Herr trat ihnen nicht nur mit dem unleugbaren Zeugnis ihrer Unterwerfung unter die Römer entgegen, sondern auch mit einer schwerwiegenderen Verpflichtung, die sie völlig übersehen hatten, nämlich dass Gott auch Anrechte an sie hatte genauso wie der Kaiser. „Gebet denn dem Kaiser, was des Kaisers ist.“  „Das Geld, das ihr liebt, verkündet, dass ihr Sklaven des Kaisers seid. Zahlt also dem Kaiser, was ihm zusteht! Doch vergesst nicht: ,Gebt  Gott, was Gottes ist!‘“ Tatsächlich hassten sie den Kaiser weniger als den wahren Gott. Der Herr überließ sie den Überlegungen und der Verwunderung ihrer schuldigen Gewissen.

Als nächstes wurde der Herr von einer anderen großen Partei angegriffen. „An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm“ (V. 23). Waren die Herodianer die Gegner der Pharisäer in der Politik, so waren es jene in Hinsicht auf die Lehre. Die Sadduzäer leugneten die Auferstehung und brachten einen Fall vor Ihn, der nach ihrer Meinung mit unlösbaren Schwierigkeiten behaftet war. Wem gehörte jene Frau im Auferstehungszustand, die hier nacheinander mit sieben Brüdern verheiratet gewesen war? Der Herr zitierte nicht die klarsten Schriftstellen zugunsten der Auferstehung. Er handelte in einer Weise, die in diesen Umständen weit besser war. Er spielte auf das an, was sie ihrem Bekenntnis nach am meisten verehrten. Kein Teil der Schrift war für die Sadduzäer von solcher Autorität wie der Pentateuch oder die fünf Bücher Mose. Von Mose her bewies Er also die Auferstehung, und zwar in der einfachsten Art. Jeder – ja, ihr eigenes Gewissen – musste zugeben, dass Gott nicht der Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist. Deshalb war es nicht bedeutungslos, dass Gott sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nannte. Wenn Gott sich sehr viel später auf die Väter bezog, die schon längst gestorben waren, dann sprach Er von ihnen als solchen, zu denen Er eine Beziehung hatte. Waren sie denn nicht tot? War damit nicht alles vorbei? Keineswegs! Doch es lag darin noch mehr verborgen. Er sprach als solcher, der nicht nur in Verbindung mit ihnen stand, sondern ihnen auch Verheißungen gegeben hatte, die bisher noch nicht erfüllt worden waren. Entweder musste Gott die Väter aus den Toten auferwecken, um die Verheißungen an sie zu erfüllen, oder Er war nicht gewissenhaft bei der Erfüllung seiner Verheißungen. War ihr Glaube an Gott – oder vielmehr ihr Mangel an Glaube – zu diesem Ergebnis gekommen? Wenn man die Auferstehung leugnet, leugnet man auch die Verheißungen, die Treue Gottes und in Wirklichkeit Gott selbst. Der Herr tadelte sie also auf diesem anerkannten Grundsatz, dass Gott der Gott der Lebendigen und nicht der Toten ist. Wenn man Gott zum Gott der Toten macht, dann leugnet man in Wirklichkeit, dass Er Gott ist. Gleichzeitig deutet man an, dass seine Verheißungen wertlos und ohne Beständigkeit sind. Gott muss demnach die Väter auferwecken, um seine Verheißungen an sie zu erfüllen; denn sie erhielten das Verheißene mit Gewissheit nicht in diesem Leben. Die Torheit der Gedanken in den Sadduzäern wurde auch dadurch offenbar, dass die Schwierigkeit, die sie vorbrachten, völlig unrealistisch war; sie existierte nur in ihrer Phantasie. Die Ehe hat nichts mit dem Auferstehungszustand zu tun. Dort heiraten sie nicht und werden auch nicht verheiratet, sondern sind wie die Engel Gottes im Himmel. So befanden sie sich auf dem Boden dessen, was sie leugneten, im Irrtum. Doch sie dachten auch falsch, wie wir gesehen haben, in dem, was sie anerkannten (nämlich die Verheißungen Gottes). Damit Gott seine Verheißungen erfüllen kann, muss Er die Toten auferwecken. Heutzutage vermag ausschließlich das, was durch den Glauben erkannt wird, in der Welt ein würdiges Zeugnis von Gott abzulegen. Falls wir jedoch von der Offenbarung Gottes und der Entfaltung seiner Macht sprechen, dann müssen wir bis zur Auferstehung warten. Die Sadduzäer besaßen keinen Glauben und befanden sich folglich total in Irrtum und Finsternis. „Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes“ (V. 29). Da sie sich weigerten zu glauben, konnten sie auch nicht verstehen. Wenn die Auferstehung geschieht, wird sie hingegen von jedem Auge gesehen. Das war also der Kernpunkt in der Antwort unseres Herrn, und die Volksmenge war erstaunt über seine Lehre.

Die Pharisäer waren natürlich nicht traurig darüber, dass die damals herrschende Partei der Sadduzäer zum Schweigen gebracht worden war. Einer von ihnen, ein Gesetzgelehrter, versuchte den Herrn in einer Frage, die für sie von großer Wichtigkeit war. „Lehrer, welches ist das große Gebot in dem Gesetz?“ (V. 36). Obwohl der Herr voll Gnade und Wahrheit gekommen war, schwächte Er nie die Bedeutung des Gesetzes ab und gab dem Fragenden sofort die Summe des Gesetzes und seinen wesentlichen Inhalt in seinen beiden Teilen an, und zwar in Hinsicht auf Gott und auf den Menschen.

Jetzt war allerdings auch die Zeit gekommen, dass Jesus seine Frage nach Psalm 110 stellen konnte. Wenn Christus anerkanntermaßen der Sohn Davids ist, warum nannte David Ihn dann im Geist „Herr“, indem er sagte: „Jahwe sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege unter deiner Füße“ (Ps 110,1). Darin lag die ganze Wahrheit seiner Stellung. Sie sollte bald verwirklicht werden; und der Herr konnte von Dingen, die noch nicht waren, so reden, als seien sie schon da. Das war die Sprache Davids, des Königs, in Worten, die der Heilige Geist inspiriert hatte. Welche Sprache und welche Gedanken erfüllten jetzt das Volk; und wer hatte  sie inspiriert? Ach, seien es Pharisäer, Gesetzgelehrte oder Sadduzäer – überall fand man den Unglauben in seinen mannigfachen Formen. Dabei war die Herrlichkeit von Davids Herrn noch bedeutungsvoller als die Auferstehung der Toten nach der Verheißung. Sie mochten es glauben oder nicht – der Messias stand im Begriff, seinen Sitz zur Rechten Jahwes einzunehmen. Es waren entscheidende Fragen; und sie sind es heute noch. Wenn der  Christus Davids Sohn ist, wie ist Er dann Davids Herr? Wenn Er Davids Herr ist, wie ist Er dann sein Sohn? Das ist der Angelpunkt des Unglaubens aller Zeiten – damals wie heute –, der beständige Gegenstand des Zeugnisses des Heiligen Geistes und der gewöhnliche Stolperstein für den Menschen. Der Mensch ist niemals so unwissend wie dann, wenn er sich am weisesten vorkommt und versucht mit seinem eigenen Verstand das unergründliche Geheimnis der Person Christi auszuloten bzw. zu leugnen, dass es da überhaupt ein Geheimnis gebe. Genau das machte den jüdischen Unglauben aus. Die große Hauptwahrheit im ganzen Matthäusevangelium besteht darin, dass der Sohn Davids und Abrahams wirklich Emmanuel und Jahwe war. Diese Wahrheit wurde bei seiner Geburt, in seinem ganzen Dienst in Galiläa und jetzt bei seiner letzten Vorstellung an Jerusalem bewiesen. „Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, noch wagte jemand von dem Tag an, ihn ferner zu befragen“ (V. 46). Das war ihr Standpunkt vor dem, der sich vorbereitete, seinen Platz zur Rechten Gottes einzunehmen – und ist es heute noch. Was für ein schreckliches, ungläubiges Schweigen des Volkes Israel, welches sein eigenes Gesetz und seinen eigenen Messias, Davids Sohn und Davids Herrn, verwarf! Seine Herrlichkeit war ihre Schande.

Kapitel 23

Aber wenn der Mensch schwieg, dann war jetzt die Zeit für den Herrn da – nicht um zu fragen, sondern um sein Urteil kundzutun. Und in Kapitel 23 sprach Er seinen ernsten Richterspruch über Israel aus. Er wandte sich in seiner Rede sowohl an die Volksmenge als auch an die Jünger und verkündete seine Weherufe über die Schriftgelehrten und Pharisäer. Dass diese Rede damals ein solch gemischtes Publikum fand, war ganz nach dem Willen des Herrn. Er traf damit nicht nur, wie mir scheint, Vorsorge für die Jünger, sondern auch für den Überrest Israels in späterer Zeit; denn dieser wird eine solch zwiespältige Stellung einnehmen. Er wird auf der einen Seite an Ihn glauben, und auf der anderen Seite noch mit jüdischen Hoffnungen erfüllt sein und mit jüdischen Einrichtungen in Verbindung stehen. Das scheint mir der Grund dafür zu sein, warum unser Herr so bemerkenswert anders sprach, als wir es gewöhnlich in der Bibel finden. „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer“, sagte Er, „haben sich auf den Stuhl Moses gesetzt. Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet; aber tut nicht nach ihren Werken, denn sie sagen es und tun es nicht. Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen, sie selbst aber wollen sie nicht mit ihrem Finger bewegen. Alle ihre Werke aber tun sie, um sich vor den Menschen sehen zu lassen, denn sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten groß“ (V. 2–5). Dieser Grundsatz wird, wie damals, in den letzten Tagen seine volle Erfüllung finden; die Zeit der Kirche (Versammlung) ist nur ein Einschub. Es ist offenkundig, wie gut diese Belehrung in das Matthäusevangelium passt, deshalb wird sie auch nur hier gefunden. Außerdem scheuen wir uns davor, anzunehmen, dass das, was unser Herr lehrte, nur eine kurzfristige Erfüllung haben sollte. Nein, keineswegs! Die Belehrung hat für die, welche Ihm nachfolgen, eine fortdauernde Bedeutung. Natürlich verändern die besonderen Vorrechte der Kirche, welche sein Leib ist, und die zwischenzeitliche Beiseitesetzung des jüdischen Volkes und seines Systems die ganze Angelegenheit. Seinerzeit galten diese Worte jedoch buchstäblich; und so wird es auch in zukünftigen Tagen sein. Wenn es so ist, dann wird erneut die Würde des Herrn als der große Prophet und Lehrer an ihrem Platz aufrechterhalten. Im letzten Buch des Neuen Testaments haben wir, nachdem die Kirche von der Erde weggenommen ist, eine ähnliche Vermischung der Umstände. Die Gläubigen halten die Gebote Gottes und besitzen den „Glauben Jesu“ (Off 14,12). So werden hier die Jünger Jesu ermahnt, das zu halten, was von denen, die auf Moses Stuhl saßen, auferlegt wurde. Sie sollten dem folgen, was diese lehrten, nicht dem, was sie taten. Soweit sie die Gebote Gottes herausstellten, war ihre Lehre verbindlich. Doch in der Praxis waren sie nur eine Bake1 und kein Vorbild. Die Hauptsache bestand für sie darin, von den Menschen gesehen zu werden. Sie waren stolz auf ihre Stellung und suchten hochtönende Titel und Ehre im öffentlichen und privaten Leben im Gegensatz zu Christus und seinem oft wiederholten Wort: „Wer aber sich selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden“ (V. 12). Die Jünger hingegen hatten natürlich den „Glauben Jesu“.

Als nächstes schleuderte der Herr seine „Wehe“ über „Wehe“ gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer2. Sie waren Heuchler. Sie schlossen das neue Licht Gottes in ihrem maßlosen Eifer für ihre eigenen Ansichten aus. Sie untergruben mit ihrer Kasuistik3 die Gewissen, während sie auf die genaueste Erfüllung in den Äußerlichkeiten achteten. Sie bemühten sich um äußerliche Reinheit, während sie von Raub und Unmäßigkeit erfüllt waren. Sie fürchteten sich nicht, voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit zu sein, wenn sie nur nach außen hin gerecht erschienen. Schließlich bezeugten ihre Denkmäler zu Ehren erschlagener Propheten und verdienstvoller Männer des Altertums eher ihre Verwandtschaft mit den Mördern als mit den Gerechten. Ihre Väter töteten die Zeugen Gottes, die sie während ihres Lebens verurteilten. Sie, die Söhne, bauten ihnen erst dann Denkmäler, wenn es kein Zeugnis an ihr Gewissen mehr gab und die Totenehrung einen Heiligenschein auf sie selbst zurückwarf.

Das ist die weltliche Religion mit ihren Häuptern! Ihre Führer hemmen die göttliche Erkenntnis, obwohl sie doch nur dazu da sind, ihr als Kanäle der Austeilung zu dienen. Sie sind kleinlich, wo sie großzügig sein sollten. Sie sind kalt und lau für Gott, jedoch eifrig für sich selbst. Einerseits verraten sie sich, wo die Verpflichtungen gegen Gott von großer Bedeutung sind, als kühne Sophisten4, andererseits in den kleinsten Einzelheiten als pedantischste Haarspalter, indem sie die Mücke aussieben und das Kamel verschlucken. Sie sorgen ängstlich für das Äußere, ohne sich besonders um das, was unter der Oberfläche verborgen liegt, zu kümmern. Die Ehren, welche sie denen erweisen, die in vergangenen Zeiten gelitten haben, sind der Beweis, dass sie nicht deren Nachfolger sind, sondern die ihrer Feinde. Sie sind die rechtmäßigen Nachfolger jener, welche die Freunde Gottes erschlugen. Die Nachfolger solcher, die in alten Zeiten gelitten haben, sind diejenigen, die jetzt leiden müssen. Dagegen bauen die Erben der Verfolger den von jenen Verfolgten pompöse Grabstätten, errichten Standbilder, gießen riesige Grabplatten und erweisen ihnen jede denkbare Ehre. Wenn das Zeugnis Gottes das verstockte Herz nicht länger mehr durchbohrt und wenn diejenigen, die es verkünden, nicht mehr da sind, dann dienen die Namen dieser gestorbenen Heiligen oder Propheten als Mittel, um religiöses Ansehen zu gewinnen. Die Wahrheit wird nicht mehr gegen sie angewandt; das Schwert des Geistes ist nicht mehr in der Hand derer, die es so gut benutzen konnten. Das billigste Mittel für die Menschen dieser Generation, um Einfluss für sich zu erringen, besteht darin, die Verstorbenen zu ehren. Man bläht das Ansehen der Überlieferung mit denen auf, die einst Gott gedient haben, aber jetzt gestorben sind, und deren Zeugnis den Schuldigen nicht mehr sticht. Ihre Ehrung beginnt mit dem Tod, und trägt somit ganz offensichtlich den Stempel des Todes aufgeprägt. Brüsteten sie sich mit dem Fortschritt der Zeit? Dachten und sagten sie: „Wenn wir in den Tagen unserer Väter gelebt hätten, dann hätten wir nicht an dem Vergießen des Blutes von Propheten teilgenommen?“ Wie wenig kannten sie ihre Herzen! Sie standen dicht vor ihrer Prüfung. Ihr wahrer Charakter würde sich bald zeigen. Sie waren Heuchler, eine Schlangenbrut. Wie konnten sie dem Gericht der Hölle entfliehen?!

„Deswegen siehe“, sagte der Herr, nachdem Er sie so entlarvt und angeprangert hatte, „ich sende Propheten und Weise und Schriftgelehrte zu euch; und einige von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und einige von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und werdet sie verfolgen von Stadt zu Stadt“ (V. 34). Es ist in den Einzelheiten vorwiegend eine jüdische Verfolgung; und am Ende droht die Vergeltung, „damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde: von dem Blut Abels, des Gerechten, bis zu dem Blut Sacharjas, des Sohnes Berekjas, den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar ermordet habt. Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen“ (V. 35–36). Der gepriesene Herr wandte sich damals, als Er die „Wehe“  über Chorazin, Bethsaida und Kapernaum, die seine Worte und Werke verwarfen, ausgesprochen hatte, sofort den unendlichen Reichtümern der Gnade zu (Mt 11,20–30); und Er holte aus der Tiefe seiner Herrlichkeit das Geheimnis von höheren Segnungen für die Armen und Bedürftigen hervor. Genauso geschah es auch hier und in diesem Augenblick. Aus Lukas 19 wissen wir, dass der Herr, kurze Zeit bevor Er diese „Wehe“ mit ihrem ernsten und verhängnisvollen Inhalt für die stolzen religiösen Führer Israels aussprach, über die schuldige Stadt geweint hatte, in der notwendigerweise nicht nur seine Knechte, sondern auch ihr Herr umkommen mussten. Wie treu war auch hier sein Herz gegen sie! „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“ (V. 37–38). Hier steht nicht: „Ich lasse“, sondern: „Euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen [wie bitter ist ihre Not – der Messias, Jahwe selbst, verwirft die, die Ihn verwerfen!], bis ihr sprecht: ,Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“ (V. 39).

Fußnoten

  • 1 Baken dienen in der Seefahrt zur Kenntlichmachung von Gefahrstellen, z.B. Untiefen; sie geben aber nicht die Richtung an, auf die man zusteuern muss (Übs.).
  • 2 „Die ältesten Texte, wie die Codices Vaticanus, Sinaiticus, Beza's Cambridge, L. von Paris (C. und Alexandrinus sind fehlerhaft) und die Abschrift von Dublin lassen Vers 14 weg, welcher wahrscheinlich nach Markus 12,40 und Lukas 20,47 hier eingefügt worden ist. Dann bleibt eine vollständige Serie von sieben „Wehe“ übrig“ (W.K.). (Vgl. „Nestle-Aland“, 26. Aufl., und „Elberfelder Bibel“ mit „Lutherbibel“). – Kelly muss diesen textkritischen Anmerkungen große Bedeutung beigemessen haben, sonst hätte er sie kaum bei der Bearbeitung der stenographierten Vorträge (vgl. Vorwort) eingefügt. Deshalb seien sie hier gegeben (Übs.).
  • 3 Kasuistik: Haarspalterei, Spitzfindigkeit (Übs.).
  • 4 Sophistik: altgriechische Weisheitslehre oder, abwertend, die Kunst der Scheinbeweise und Scheinschlüsse; Sophisten: hier Wortverdreher, Spiegelfechter (Übs.).

Kapitel 24

So sahen wir also unseren Herrn, wie Er sich als Jahwe der König vorstellte. Wir sahen die verschiedenen Sekten der Juden, die sich vordrängten, um Ihn zu richten, aber in Wirklichkeit selbst von Ihm gerichtet wurden. Es blieb jetzt noch eine andere wichtige Darstellung übrig, die mit seinem gerade betrachteten Abschied von der Nation in Verbindung stand, nämlich seine letzte Mitteilung an die Jünger hinsichtlich der Zukunft. Diese berichtet Matthäus sehr ausführlich und reichhaltig. Der Versuch, eine Auslegung dieser prophetischen Predigt zu geben, würde innerhalb der mir gesetzten Grenzen vergeblich sein. Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit nur ihre Oberfläche etwas abstreifen, und zwar gerade genug, um ihre Grundzüge und insbesondere ihre unterscheidenden Gesichtspunkte aufzuzeigen. Offensichtlich ist hier die größere Ausführlichkeit über das hinaus, was wir in den anderen Evangelien finden, nicht ohne Absicht. In dem Evangelium des anderen Apostels, nämlich Johannes, finden wir kein Wort davon. Markus gibt seinen Bericht (Mk 13) insbesondere in Verbindung mit dem Zeugnis Gottes, wie ich zu zeigen hoffe, wenn wir bis dahin gekommen sind. Im Lukasevangelium (Lk 21) werden in aller Deutlichkeit die Nationen und ihre Zeit der Oberherrschaft während der langen Erniedrigungszeit Israels herausgestellt. Zudem ist es ausschließlich Matthäus, der direkt auf das Ende des Zeitalters anspielt. Der Grund dafür ist klar. Dieses Ende ist der große Wendepunkt für die Juden. Matthäus, der unter der Leitung des Heiligen Geistes an Israel sowohl hinsichtlich der Folgen seiner vergangenen Treulosigkeit als auch jenes zukünftigen Wendepunkts schreibt, übermittelt uns die bedeutungsvolle Frage der Jünger und die besondere Antwort des Herrn. Das ist auch der Grund, warum Matthäus uns das eröffnet, was wir weder bei Markus noch Lukas, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang, finden. Wir haben hier, wie mir scheint, den christlichen Teil der Zukunft sehr umfassend dargestellt, das heißt das, was die Jünger als Bekenner des Namens Christi während seiner Verwerfung durch Israel kennzeichnet. Das passt aus gutem Grund zu Matthäus' Sicht der Prophetie. Matthäus zeigt uns nicht nur die Folgen der Verwerfung des Messias für Israel, sondern auch den Wechsel der Haushaltung bzw. das, was aus dem verhängnisvollen Widerstand der Juden gegen den, der ihr König – aber nicht nur der Messias, sondern auch Jahwe – war, hervorging. Die Folgen sollten, ja, mussten von allumfassender Bedeutung sein. Und der Geist berichtet uns diesen Teil der Prophezeiung des Herrn in einer Weise, die mit seiner Absicht im Matthäusevangelium übereinstimmt. Würde Gott nicht die Verwerfung dieser herrlichen Person durch die Juden in einen wunderbaren und angemessenen Segen verwandeln? Das finden wir hier.

Die Zusammenstellung der Predigt weicht von der ab, die wir anderswo finden, doch vollkommene Weisheit hat sie so geordnet. Zuerst werden die Juden bzw. die Jünger, die sie zur damaligen Zeit noch repräsentierten, behandelt. Ihre Gedanken gingen noch nicht über den Tempel und jene Gebäude, die ihre Bewunderung und Ehrfurcht hervorriefen, hinaus. Der Herr kündete das bevorstehende Gericht an. Es war ja auch schon in den zuvor gesprochenen Worten – „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“ (Mt 23,38) – eingeschlossen. Es war  ihr Haus. Der Geist war entwichen. Es war jetzt nur noch ein toter Körper. Warum sollte er nicht schnell beerdigt werden? „Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird“ (V. 2). Schon bald sollte erst einmal alles vorbei sein. „Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ (V. 3). Als Antwort gibt der Herr ihnen einen Überblick über die allgemeine Geschichte. Diese ist so allgemein dargestellt, dass man zunächst nicht richtig weiß, ob der Herr nicht neben den Juden auch die Christen betrachtet (V. 4–14). Die Jünger werden als ein gläubiger, obschon jüdischer Überrest gesehen; das ist der Grund für die Weite der Ausführungen. Vom 15. Vers an folgen die Einzelheiten der letzten Halbwoche Daniels, auf dessen Prophezeiungen nachdrücklich hingewiesen wird. Die Aufrichtung des Gräuels der Verwüstung am heiligen Ort soll das Signal für die sofortige Flucht der dann in Jerusalem lebenden Gottesfürchtigen sein, welche den Jüngern zur Zeit Christi gleichen würden. Denn es wird eine große Drangsal folgen, die alle anderen Unheilszeiten vom Anfang der Welt an bis zu jenem Tag übertrifft. Die Bedrängnisse werden jedoch nicht nur äußerlicher Art sein, sondern verbunden mit beispiellosen Verführungen. Falsche Christi und falsche Propheten würden große Zeichen und Wunder tun. Aber die Auserwählten werden hier gnädig vom Heiland gewarnt in einer Ausführlichkeit, die jede Prophezeiung des Alten Testaments weit hinter sich lässt.

„Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ (V. 29–30). Die Erscheinung des Sohnes des Menschen ist ein Hauptgegenstand des Matthäus- und tatsächlich eines jeden Evangeliums. Der einstmals verworfene Christus wird als der ruhmreiche Erbe aller Dinge in Herrlichkeit erscheinen. Nach seiner Ankunft in den Wolken des Himmels wird Er nicht nur den Thron Israels, sondern auch den aller Völker, Nationen und Sprachen einnehmen. Indem Er so zum Entsetzen und zur Schande seiner Widersacher innerhalb und außerhalb des Landes wiederkommt, lesen wir zunächst von der Aussendung der Engel, um seine Auserwählten von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum anderen Ende, zu sammeln. Wir finden keinen Hinweis auf eine Auferstehung oder Entrückung in den Himmel. Es geht hier um die Auserwählten Israels und seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen. Von dem Haupt oder der Kirche, seinem Leib, hören wir nichts. Wir finden hier das Einsammeln der Auserwählten, und zwar nicht nur aus den Juden, sondern auch, wie ich annehme, aus ganz Israel von den vier Winden des Himmels her. Falls nötig, wird diese Auslegung durch das unmittelbar folgende Gleichnis gestützt (V. 32–33). Es handelt sich wieder um den Feigenbaum, aber diesmal zu einem ganz anderen Zweck. Handle es sich um Fluch oder Segen – der Feigenbaum symbolisiert Israel.

Dann folgt nicht das natürliche, sondern, wie man es nennen mag, das biblische Gleichnis. Während das eine aus dem äußeren Bereich der Natur entnommen ist, stammt das andere aus dem Alten Testament. Um das Kommen des Sohnes des Menschen zu veranschaulichen, verwies der Herr auf die Tage Noahs. Genauso plötzlich sollte der Schlag auf alle Gegenstände des Gerichts herniederfahren. „Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen“ (V. 40–41). Die Jünger sollten nicht annehmen, dass es sich um ein gewöhnliches Gericht durch die Vorsehung handelt, welches mal hier, mal da hindurchfährt, ohne Unterschiede zu machen. Dabei leidet der Unschuldige mit dem Schuldigen, ohne dass eine ausreichende persönliche Unterscheidung getroffen wird. In den Tagen des Sohnes des Menschen, wenn Er zurückkehrt, um sich mit der Menschheit am Ende des Zeitalters zu beschäftigen, wird es nicht so sein. Ob man drinnen oder draußen ist – es gibt keinen Schutz. Von zwei Männern auf dem Feld, von zwei mahlenden Frauen an der Mühle wird die eine Person genommen und die andere gelassen. Die Unterscheidung ist bis ins Letzte genau und vollkommen. „Wacht also“, sagte der Herr zum Abschluss, „denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (V. 42–44).

Nach meinem Urteil führt dieser Übergang von dem Teil, der sich mit dem Schicksal des jüdischen Volkes beschäftigt, zum christlichen Bekenntnis. In dem ersten dieser allgemeinen Bilder von der Christenheit fehlt jeder Hinweis auf Jerusalem, den Tempel, das Volk und seine Hoffnung. Danach folgt das Gleichnis von den zehn Jungfrauen und, als letztes, das von den Talenten. (…)1

Als erstes im christlichen Abschnitt kommt das Gleichnis vom Hausverwalter vor uns. Der treue und weise Hausverwalter handelt entsprechend den Wünschen seines Herrn, der ihn über seinen Haushalt gesetzt hat, um ihm zur rechten Zeit die Speise zu geben. Wenn der Herr ihn bei seiner Ankunft in dieser Arbeit vorfindet, wird Er ihn über seine ganze Habe setzen. Der böse Knecht hingegen beschließt in seinem Herzen, dass sein Herr nicht kommen wird, überlässt sich anmaßender Gewalttätigkeit und pflegt bösen Umgang mit der gottlosen Welt. Er wird vom Gericht überrascht und findet sein Teil bei den Heuchlern in hoffnungsloser Schande und Pein. Das ist ein lehrreiches Bild vom Christentum (V. 45–51).

Fußnoten

  • 1 siehe Fußnote 1 (Kapitel 4): „Ich möchte jedoch anmerken, dass wir in Kap. 25,13 einen Ausdruck haben, der die Anwendung ein wenig verfälscht. Aber es ist wohlbekannt, dass die Menschen beim Abschreiben des griechischen Neuen Testaments die Worte „in welchen der Sohn des Menschen kommt“ zu diesem Vers hinzugefügt haben [vgl. „Luther-Bibel“; 1948], obwohl er ohne sie schon vollständig ist. Der Geist schrieb in Wirklichkeit: „So wacht nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Für diejenigen, die den Bibeltext, so wie er in den besten Abschriften steht, kennen, ist die Sache so vertraut, dass ich nicht viele Worte zu machen brauche. Kein bedeutender Textkritiker nimmt an, dass diese Worte zu recht in einem Text stehen, der auf alten Autoritäten beruht. Andere mögen die gängige Überlieferung und das, was nur von modernen und unsicheren Manuskripten gestützt wird, verteidigen. Aber diejenigen, die ich jetzt anspreche, werden wohl kaum für die reine Tradition streiten oder in den Dingen Gottes einer Vorstellung, nur weil sie verbreitet ist, anhangen. Wenn wir den überlieferten Text der Drucker annehmen, befinden wir uns auf solch menschlicher Grundlage. Wenn wir jedoch grundsätzlich eine menschliche Einmischung ablehnen, dann brauchen wir solche Einfügungen nicht als das Wort Gottes anzuerkennen. Wir sehen dann, wie außerordentlich schön die biblische Aussage ist, wenn wir diese Worte weglassen“ (W.K.). Zur Verdeutlichung der letzten Aussage von Kelly soll ein kurzer Abschnitt aus seinen „Lectures on the Gospel of Matthew“ (Reprint 1971), S. 514f. (eine Übersetzung ist geplant als Band 1 der Serie „Aus der biblischen Schatzkammer“), angefügt werden: „Wenn der Herr im Gericht kommt, wird von Ihm als Sohn des Menschen gesprochen. In unserer Stelle wird Er jedoch als der Bräutigam vorgestellt. Falls hier wirklich „Sohn des Menschen“ stehen müsste, dann wäre das schwer zu erklären. Wie eindeutig zeigt sich, dass man nichts zur Bibel hinzufügen kann, ohne sie zu verderben. Unser Herr erscheint hier unter dem Gesichtspunkt der Gnade für seine Heiligen. Und das ist ein Grund dafür, warum wir hier nichts von dem Gericht lesen, welches die törichten Jungfrauen treffen wird. Die Beschreibung davon, wie die göttliche Rache ausgeübt wird, passt nicht zu seinem Titel als Bräutigam. Ohne Zweifel wird die Tür verschlossen. Und unser Herr sagt zu den törichten Jungfrauen, als sie Ihn bitten aufzumachen: „Ich kenne euch nicht.“ Doch Er benutzt diese Gelegenheit gleich zum geistlichen Gewinn für seine Jünger: „So wacht nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Übs.).

Kapitel 24

So sahen wir also unseren Herrn, wie Er sich als Jahwe der König vorstellte. Wir sahen die verschiedenen Sekten der Juden, die sich vordrängten, um Ihn zu richten, aber in Wirklichkeit selbst von Ihm gerichtet wurden. Es blieb jetzt noch eine andere wichtige Darstellung übrig, die mit seinem gerade betrachteten Abschied von der Nation in Verbindung stand, nämlich seine letzte Mitteilung an die Jünger hinsichtlich der Zukunft. Diese berichtet Matthäus sehr ausführlich und reichhaltig. Der Versuch, eine Auslegung dieser prophetischen Predigt zu geben, würde innerhalb der mir gesetzten Grenzen vergeblich sein. Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit nur ihre Oberfläche etwas abstreifen, und zwar gerade genug, um ihre Grundzüge und insbesondere ihre unterscheidenden Gesichtspunkte aufzuzeigen. Offensichtlich ist hier die größere Ausführlichkeit über das hinaus, was wir in den anderen Evangelien finden, nicht ohne Absicht. In dem Evangelium des anderen Apostels, nämlich Johannes, finden wir kein Wort davon. Markus gibt seinen Bericht (Mk 13) insbesondere in Verbindung mit dem Zeugnis Gottes, wie ich zu zeigen hoffe, wenn wir bis dahin gekommen sind. Im Lukasevangelium (Lk 21) werden in aller Deutlichkeit die Nationen und ihre Zeit der Oberherrschaft während der langen Erniedrigungszeit Israels herausgestellt. Zudem ist es ausschließlich Matthäus, der direkt auf das Ende des Zeitalters anspielt. Der Grund dafür ist klar. Dieses Ende ist der große Wendepunkt für die Juden. Matthäus, der unter der Leitung des Heiligen Geistes an Israel sowohl hinsichtlich der Folgen seiner vergangenen Treulosigkeit als auch jenes zukünftigen Wendepunkts schreibt, übermittelt uns die bedeutungsvolle Frage der Jünger und die besondere Antwort des Herrn. Das ist auch der Grund, warum Matthäus uns das eröffnet, was wir weder bei Markus noch Lukas, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang, finden. Wir haben hier, wie mir scheint, den christlichen Teil der Zukunft sehr umfassend dargestellt, das heißt das, was die Jünger als Bekenner des Namens Christi während seiner Verwerfung durch Israel kennzeichnet. Das passt aus gutem Grund zu Matthäus' Sicht der Prophetie. Matthäus zeigt uns nicht nur die Folgen der Verwerfung des Messias für Israel, sondern auch den Wechsel der Haushaltung bzw. das, was aus dem verhängnisvollen Widerstand der Juden gegen den, der ihr König – aber nicht nur der Messias, sondern auch Jahwe – war, hervorging. Die Folgen sollten, ja, mussten von allumfassender Bedeutung sein. Und der Geist berichtet uns diesen Teil der Prophezeiung des Herrn in einer Weise, die mit seiner Absicht im Matthäusevangelium übereinstimmt. Würde Gott nicht die Verwerfung dieser herrlichen Person durch die Juden in einen wunderbaren und angemessenen Segen verwandeln? Das finden wir hier.

Die Zusammenstellung der Predigt weicht von der ab, die wir anderswo finden, doch vollkommene Weisheit hat sie so geordnet. Zuerst werden die Juden bzw. die Jünger, die sie zur damaligen Zeit noch repräsentierten, behandelt. Ihre Gedanken gingen noch nicht über den Tempel und jene Gebäude, die ihre Bewunderung und Ehrfurcht hervorriefen, hinaus. Der Herr kündete das bevorstehende Gericht an. Es war ja auch schon in den zuvor gesprochenen Worten – „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“ (Mt 23,38) – eingeschlossen. Es war  ihr Haus. Der Geist war entwichen. Es war jetzt nur noch ein toter Körper. Warum sollte er nicht schnell beerdigt werden? „Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird“ (V. 2). Schon bald sollte erst einmal alles vorbei sein. „Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ (V. 3). Als Antwort gibt der Herr ihnen einen Überblick über die allgemeine Geschichte. Diese ist so allgemein dargestellt, dass man zunächst nicht richtig weiß, ob der Herr nicht neben den Juden auch die Christen betrachtet (V. 4–14). Die Jünger werden als ein gläubiger, obschon jüdischer Überrest gesehen; das ist der Grund für die Weite der Ausführungen. Vom 15. Vers an folgen die Einzelheiten der letzten Halbwoche Daniels, auf dessen Prophezeiungen nachdrücklich hingewiesen wird. Die Aufrichtung des Gräuels der Verwüstung am heiligen Ort soll das Signal für die sofortige Flucht der dann in Jerusalem lebenden Gottesfürchtigen sein, welche den Jüngern zur Zeit Christi gleichen würden. Denn es wird eine große Drangsal folgen, die alle anderen Unheilszeiten vom Anfang der Welt an bis zu jenem Tag übertrifft. Die Bedrängnisse werden jedoch nicht nur äußerlicher Art sein, sondern verbunden mit beispiellosen Verführungen. Falsche Christi und falsche Propheten würden große Zeichen und Wunder tun. Aber die Auserwählten werden hier gnädig vom Heiland gewarnt in einer Ausführlichkeit, die jede Prophezeiung des Alten Testaments weit hinter sich lässt.

„Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ (V. 29–30). Die Erscheinung des Sohnes des Menschen ist ein Hauptgegenstand des Matthäus- und tatsächlich eines jeden Evangeliums. Der einstmals verworfene Christus wird als der ruhmreiche Erbe aller Dinge in Herrlichkeit erscheinen. Nach seiner Ankunft in den Wolken des Himmels wird Er nicht nur den Thron Israels, sondern auch den aller Völker, Nationen und Sprachen einnehmen. Indem Er so zum Entsetzen und zur Schande seiner Widersacher innerhalb und außerhalb des Landes wiederkommt, lesen wir zunächst von der Aussendung der Engel, um seine Auserwählten von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum anderen Ende, zu sammeln. Wir finden keinen Hinweis auf eine Auferstehung oder Entrückung in den Himmel. Es geht hier um die Auserwählten Israels und seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen. Von dem Haupt oder der Kirche, seinem Leib, hören wir nichts. Wir finden hier das Einsammeln der Auserwählten, und zwar nicht nur aus den Juden, sondern auch, wie ich annehme, aus ganz Israel von den vier Winden des Himmels her. Falls nötig, wird diese Auslegung durch das unmittelbar folgende Gleichnis gestützt (V. 32–33). Es handelt sich wieder um den Feigenbaum, aber diesmal zu einem ganz anderen Zweck. Handle es sich um Fluch oder Segen – der Feigenbaum symbolisiert Israel.

Dann folgt nicht das natürliche, sondern, wie man es nennen mag, das biblische Gleichnis. Während das eine aus dem äußeren Bereich der Natur entnommen ist, stammt das andere aus dem Alten Testament. Um das Kommen des Sohnes des Menschen zu veranschaulichen, verwies der Herr auf die Tage Noahs. Genauso plötzlich sollte der Schlag auf alle Gegenstände des Gerichts herniederfahren. „Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen“ (V. 40–41). Die Jünger sollten nicht annehmen, dass es sich um ein gewöhnliches Gericht durch die Vorsehung handelt, welches mal hier, mal da hindurchfährt, ohne Unterschiede zu machen. Dabei leidet der Unschuldige mit dem Schuldigen, ohne dass eine ausreichende persönliche Unterscheidung getroffen wird. In den Tagen des Sohnes des Menschen, wenn Er zurückkehrt, um sich mit der Menschheit am Ende des Zeitalters zu beschäftigen, wird es nicht so sein. Ob man drinnen oder draußen ist – es gibt keinen Schutz. Von zwei Männern auf dem Feld, von zwei mahlenden Frauen an der Mühle wird die eine Person genommen und die andere gelassen. Die Unterscheidung ist bis ins Letzte genau und vollkommen. „Wacht also“, sagte der Herr zum Abschluss, „denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (V. 42–44).

Nach meinem Urteil führt dieser Übergang von dem Teil, der sich mit dem Schicksal des jüdischen Volkes beschäftigt, zum christlichen Bekenntnis. In dem ersten dieser allgemeinen Bilder von der Christenheit fehlt jeder Hinweis auf Jerusalem, den Tempel, das Volk und seine Hoffnung. Danach folgt das Gleichnis von den zehn Jungfrauen und, als letztes, das von den Talenten. (…)1

Als erstes im christlichen Abschnitt kommt das Gleichnis vom Hausverwalter vor uns. Der treue und weise Hausverwalter handelt entsprechend den Wünschen seines Herrn, der ihn über seinen Haushalt gesetzt hat, um ihm zur rechten Zeit die Speise zu geben. Wenn der Herr ihn bei seiner Ankunft in dieser Arbeit vorfindet, wird Er ihn über seine ganze Habe setzen. Der böse Knecht hingegen beschließt in seinem Herzen, dass sein Herr nicht kommen wird, überlässt sich anmaßender Gewalttätigkeit und pflegt bösen Umgang mit der gottlosen Welt. Er wird vom Gericht überrascht und findet sein Teil bei den Heuchlern in hoffnungsloser Schande und Pein. Das ist ein lehrreiches Bild vom Christentum (V. 45–51).

Fußnoten

  • 1 siehe Fußnote 1 (Kapitel 4): „Ich möchte jedoch anmerken, dass wir in Kap. 25,13 einen Ausdruck haben, der die Anwendung ein wenig verfälscht. Aber es ist wohlbekannt, dass die Menschen beim Abschreiben des griechischen Neuen Testaments die Worte „in welchen der Sohn des Menschen kommt“ zu diesem Vers hinzugefügt haben [vgl. „Luther-Bibel“; 1948], obwohl er ohne sie schon vollständig ist. Der Geist schrieb in Wirklichkeit: „So wacht nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Für diejenigen, die den Bibeltext, so wie er in den besten Abschriften steht, kennen, ist die Sache so vertraut, dass ich nicht viele Worte zu machen brauche. Kein bedeutender Textkritiker nimmt an, dass diese Worte zu recht in einem Text stehen, der auf alten Autoritäten beruht. Andere mögen die gängige Überlieferung und das, was nur von modernen und unsicheren Manuskripten gestützt wird, verteidigen. Aber diejenigen, die ich jetzt anspreche, werden wohl kaum für die reine Tradition streiten oder in den Dingen Gottes einer Vorstellung, nur weil sie verbreitet ist, anhangen. Wenn wir den überlieferten Text der Drucker annehmen, befinden wir uns auf solch menschlicher Grundlage. Wenn wir jedoch grundsätzlich eine menschliche Einmischung ablehnen, dann brauchen wir solche Einfügungen nicht als das Wort Gottes anzuerkennen. Wir sehen dann, wie außerordentlich schön die biblische Aussage ist, wenn wir diese Worte weglassen“ (W.K.). Zur Verdeutlichung der letzten Aussage von Kelly soll ein kurzer Abschnitt aus seinen „Lectures on the Gospel of Matthew“ (Reprint 1971), S. 514f. (eine Übersetzung ist geplant als Band 1 der Serie „Aus der biblischen Schatzkammer“), angefügt werden: „Wenn der Herr im Gericht kommt, wird von Ihm als Sohn des Menschen gesprochen. In unserer Stelle wird Er jedoch als der Bräutigam vorgestellt. Falls hier wirklich „Sohn des Menschen“ stehen müsste, dann wäre das schwer zu erklären. Wie eindeutig zeigt sich, dass man nichts zur Bibel hinzufügen kann, ohne sie zu verderben. Unser Herr erscheint hier unter dem Gesichtspunkt der Gnade für seine Heiligen. Und das ist ein Grund dafür, warum wir hier nichts von dem Gericht lesen, welches die törichten Jungfrauen treffen wird. Die Beschreibung davon, wie die göttliche Rache ausgeübt wird, passt nicht zu seinem Titel als Bräutigam. Ohne Zweifel wird die Tür verschlossen. Und unser Herr sagt zu den törichten Jungfrauen, als sie Ihn bitten aufzumachen: „Ich kenne euch nicht.“ Doch Er benutzt diese Gelegenheit gleich zum geistlichen Gewinn für seine Jünger: „So wacht nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Übs.).


Kapitel 25

„Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf von ihnen aber waren töricht und fünf klug. Denn die Törichten nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; die Klugen aber nahmen Öl mit in den Gefäßen, zusammen mit ihren Lampen. Als aber der Bräutigam noch ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein“ (V. 1–5). So versagte die Christenheit völlig. Nicht nur die törichten Jungfrauen schliefen ein, sondern auch die klugen.  Alle versagten darin, der Erwartung des Bräutigams den rechten Ausdruck zu geben.  Alle wurden schläfrig und schliefen ein. Gott sorgte jedoch dafür, wir wissen nicht wie, dass ihr Schlaf unterbrochen wurde. Anstatt draußen zu warten, müssen sie zum Schlafen irgendwo hineingegangen sein. Kurz gesagt, sie hatten ihre ursprüngliche Stellung verlassen. Sie hatten nicht nur ihre Pflicht, die Rückkehr des Bräutigams zu erwarten, versäumt, sondern befanden sich auch nicht mehr auf ihrem richtigen Posten. Erst als die Hoffnung wieder auflebte, nahmen sie erneut ihre rechte Stellung ein und nicht vorher. Um Mitternacht, als alle schliefen, entstand ein Geschrei: „Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen!“ (V. 6). Dieses wirkte auf beide Gruppen, auf die weisen wie auch auf die törichten Jungfrauen. Genauso ist es heute.1 Wer könnte leugnen, dass genug törichte Leute vom Kommen des Herrn sprechen und schreiben? Durch alle Länder und Städte geht eine allgemeine geistige Bewegung. Trotz heftigen Widerstands breitet sich die Erwartung seines Kommens mehr und mehr aus. Das ist keineswegs auf die Kinder Gottes beschränkt. Auch diejenigen, die auf der Suche nach Öl hin und her laufen, werden durch diesen Ruf beunruhigt. Insbesondere aber jene, die Öl in ihren Gefäßen haben, werden angespornt, sofort wieder hinauszugehen, um auf die Rückkehr des Bräutigams zu warten. Doch was für ein Unterschied! Die Weisen hatten sich schon vorher mit Öl versorgt. Die Übrigen zeigten ihre Torheit darin, dass sie auf den Bräutigam warteten ohne Öl. Ich möchte insbesondere darauf eure Aufmerksamkeit lenken. Sie unterschieden sich nicht in der Erwartung des Kommens des Herrn, sondern in dem Besitz oder Fehlen des Öls, das heißt, in der Salbung von dem Heiligen (1. Joh 2,20). Alle bekannten Christus. Sie waren alle Jungfrauen mit ihren Lampen. Das Fehlen des Öls war indes verhängnisvoll. Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein (Röm 8,9). Das waren die Törichten. Sie wussten nicht, wodurch die anderen weise zur Errettung geworden waren (2. Tim 3,15), was immer sie auch bekennen mochten. Ihre rastlose Suche nach dem, was sie nicht hatten, trennte sie letztlich von der Gesellschaft derer, mit denen sie bei der Erwartung des Herrn ausgegangen waren.

Etliche meinen, dass es sich bei den törichten Jungfrauen um Christen handelt, die nicht über die Prophetie Bescheid wissen. Diese Meinung scheint mir nicht nur falsch zu sein, sondern auch einer geistlichen Gesinnung gänzlich unwürdig. Ist der Besitz Christi weniger kostbar als die Kenntnis eines richtigen Zeitplans bezüglich der Zukunft? Ich kann mir einen Christen ohne Öl in seinem Gefäß nicht vorstellen. Es handelt sich doch ganz klar um den Heiligen Geist, den jeder Heilige, der sich der Gerechtigkeit Gottes in Christus unterwirft, in sich wohnen hat. Johannes lehrt uns (1. Joh 2), dass sogar die geringsten Glieder der Familie Gottes – nicht nur die Väter und Jünglinge, sondern ausdrücklich auch die Kindlein – diese Salbung besitzen. Wenn die Jüngsten in Christus so bevorrechtigt sind, dann natürlich erst recht die Jünglinge und Väter. Darum bestehe ich mit vollster Überzeugung darauf, dass die Auslegung richtig ist, welche sagt, dass das Öl im Gleichnis nicht prophetische Erkenntnis, sondern die Gabe des Geistes Gottes darstellt, und dass jeder Christ, aber niemand sonst, den Heiligen Geist in sich wohnen hat. Das sind also die klugen Jungfrauen, die sich für den Bräutigam bereit machten und bei seinem Kommen mit Ihm zur Hochzeit gingen. Je näher diese Stunde kam, desto unruhiger wurden die anderen Jungfrauen. Sie ruhten in Bezug auf ihre Seelen nicht durch den Glauben in Christus. Sie besaßen nicht den Heiligen Geist; und suchten die unschätzbare Gabe irgendwo zu kaufen. Sie baten um Hilfe und fragten, bei wem sie das unbezahlbare Öl erwerben konnten. Inzwischen kam der Herr. Diejenigen, welche bereit waren, gingen mit Ihm zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen. Die übrigen Jungfrauen blieben draußen. Der Herr kannte sie nicht.

Im Vorbeigehen möchte ich anmerken, dass sich diese Jungfrauen von den Gläubigen, die am Ende des Zeitalters berufen werden, in wichtigen Merkmalen unterscheiden. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass die Dulder in jener Krisenzeit jemals vom Schlaf beschwert werden wie die Heiligen während des langen Hinziehens des Christentums. Diese kurze Zeit einer unvergleichlichen Erprobung und Gefahr lässt einen Schlaf nicht zu. Außerdem finden wir in der Schrift keinen Beweis dafür, dass die Dulder der letzten Tage den Heiligen Geist besitzen. Das ist das besondere Vorrecht der Gläubigen, seitdem der verworfene Christus seinen Platz als Haupt im Himmel eingenommen hat. Ohne Zweifel wird im 1000-jährigen Reich der Heilige Geist über alles Fleisch ausgegossen. Aber keine Prophezeiung deutet an, dass der Überrest, bevor er Jesus sieht, so bevorrechtigt ist. Als dritten Punkt des Unterschiedes weise ich darauf hin, dass nirgendwo gesagt wird, dass diese Dulder hinausgehen, um dem Bräutigam zu begegnen. Sie sollen vor dem Gräuel der Verwüstung fliehen; das ist allerdings eher ein Gegensatz als eine Übereinstimmung.

Das dritte Gleichnis zeigt wieder ein anderes Stadium. Während der Abwesenheit des Herrn, bevor Er erscheint, um die Herrschaft über die Welt einzunehmen, gibt Er den Menschen Gaben, und zwar unterschiedliche Gaben und in unterschiedlichem Maß. Dieses Kennzeichen gehört insbesondere zum Christentum und seinem aktiven Zeugnis in der ihm eigenen Mannigfaltigkeit. Ich wüsste nicht, dass irgendetwas in den letzten Tagen dem Geschilderten in seinem Charakter genau entspricht; denn dann wird es nur ein kurzes, aber kräftiges Zeugnis von dem Reich geben. Die Gaben von Matthäus 25 scheinen mir die Tätigkeit der Gnade, die hinausgeht und für einen verworfenen und abwesenden Herrn in der Höhe arbeitet, vollständig deutlich zu machen. Ich darf jedoch nicht bei weniger wichtigen Einzelheiten verweilen. Dadurch würde ich meiner Absicht schaden, einen zusammenfassenden Überblick von geringem Umfang zu geben.

Die letzte Szene des Kapitels ist sowieso für jede einsichtige Seele klar genug. „Alle Nationen“ oder Heiden stehen im Blickfeld. Darüber kann es keinen Irrtum geben. Am Anfang der Rede unseres Herrn wurden uns die Juden vorgestellt, und zwar, weil die Jünger damals Juden waren. Da die Jünger später aus dem Judentum in das Christentum übertraten, finden wir natürlich der Reihenfolge nach die christliche Einschaltung an zweiter Stelle. Wir sehen dann als Drittes „alle Nationen“, die einfach als solche bezeichnet werden und sich in der eindeutigsten Weise sowohl in ihrer Bezeichnung als auch in den Dingen, die von ihnen gesagt werden, von den anderen beiden Gruppen unterscheiden. Sie werden vor dem Herrn versammelt; und der Sohn des Menschen handelt am Ende mit ihnen sichtlich als Nationen, wenn Er als König über die Erde regiert. Die Frage, die vor seinem Thron geklärt wird und die ihr ewiges Los entscheidet, betrifft nicht die Geheimnisse des Herzens, die ohnehin nicht offengelegt werden, oder ihr allgemeines Leben, sondern ihr Verhalten gegen seine Boten. Wie hatten sie gewisse Menschen behandelt, die der König seine Brüder nennt? Sie werden also danach beurteilt, wie sie sich zu einem kurzen Zeugnis am Ende der gegenwärtigen Haushaltung gestellt haben. Dieses Zeugnis wird zweifellos durch jüdische Brüder des Königs abgelegt in einer Zeit, während der sich die ganze Welt über das Tier verwundert und die Menschheit im Allgemeinen wieder den Götzen zuwendet und in die Hände des Antichristen fällt. Das Zeugnis passt zu der Krise, nachdem der christliche Leib in den Himmel aufgenommen worden ist und die Erde wieder im Mittelpunkt steht. So werden diese Nationen oder Heiden nach ihrem Verhalten gegen die Boten des Königs in der Zeit vor und bis zu dem Augenblick, wo Er sie vor den Thron seiner Herrlichkeit ruft, behandelt. Denn in der Zeit einer sehr ernsten Verführung benötigt man das lebensspendende Werk des Heiligen Geistes, um seine verachteten Herolde anzuerkennen. Das gilt natürlich für die Annahme eines jeden Zeugnisses Gottes. Der Herr handelt hier also nicht auf der Grundlage einer sittlichen Wirkung auf die Seele, wie sie für ein Zeitalter (z. B. dem des Gesetzes oder dem der Predigt der Gnade Gottes) kennzeichnend ist und sich im normalen Ablauf eines Menschenlebens zeigen muss. Nichts dieser Art scheint mir der Ausgangspunkt für die Handlungsweise des Herrn mit den Schafen und Böcken zu sein.

Fußnoten

  • 1 d. h. 1866, als Kelly seine Vorträge hielt (Übs.).




Kapitel 26

Das Lehren über praktische und prophetische Themen ist jetzt zu Ende. Die Szene über alle Szenen naht heran, über die ich, so gesegnet sie auch ist, jetzt nicht viel sagen kann. Der Herr Jesus war dem Volk vorgestellt worden. Er hatte gepredigt, Wunder gewirkt und die Jünger belehrt. Er war all den verschiedenen Klassen seiner Widersacher begegnet und hatte seine Jünger einen Blick in die Zukunft bis zum Ende des Zeitalters werfen lassen. Jetzt bereitete Er sich vor, um zu leiden – zu leiden in absoluter Übergabe an seinen Vater. Folglich richteten Ihn jetzt nicht mehr die Menschen mit Worten, sondern Gott in seiner Person am Kreuz. Gnade und Wahrheit sind durch Jesus Christus gekommen (Joh 1,17). So sehen wir es hier. Aber seine Zuneigungen in ihrer Fülle wurden nicht eingeschränkt. Hier, abseits der Volksmenge, genoss der Herr eine Weile jegliche Rast, die seinem Geist gewährt wurde. Die aktive Arbeit war getan. Es blieb nur noch das Kreuz – diese wenigen Stunden von ewigem Wert und unergründlicher Bedeutung, mit denen wirklich nichts zu vergleichen ist.

Jesus wird jetzt im Haus in Bethanien gefunden. Es ist eine der wenigen Szenen, die in fast allen Evangelien, außer bei Lukas, vom Heiligen Geist vorgestellt wird. Sie steht im Gegensatz zum Kreuz, ja, ist die Vorbereitung darauf. Der Geist Gottes wirkte mächtig in dem Herzen einer Frau, die den Heiland liebte. Zur gleichen Zeit trieb Satan das Herz des Menschen an, das Schlimmste gegen Jesus zu wagen. Um diese beiden Mittelpunkte herum waren die verschiedenen Menschengruppen versammelt. Was für ein Augenblick für Himmel, Erde und Hölle! Wie sehr – oder besser gesagt, wie wenig – sah man den Menschen! Denn wenn eine Eigenschaft bei seinen Feinden besonders ins Auge fällt, dann ist es ihre Machtlosigkeit selbst zu der Zeit, als Jesus, wie es schien, ihr Opfer und jedem feindlichen Hauch ausgesetzt war. Und doch vollendete Er alles, obwohl Er freiwillig den Platz des Leidenden einnahm, während sie nichts ihrer Vorstellung entsprechend ausführen konnten. Sie waren frei, alles zu tun; denn es war ihre Stunde und die Gewalt der Finsternis. Sie vollendeten jedoch nur ihre Ungerechtigkeit. Selbst in ihrer Ungerechtigkeit taten sie ausschließlich den Willen Gottes, obwohl sie es nicht wollten und es ihren Plänen widersprach. Sie handelten nach ihrem Willen in Hinsicht auf ihre Schuld; sie führten ihn jedoch nie so aus, wie sie es sich gewünscht hatten. Wie uns gesagt wird, waren sie zunächst besorgt, dass die Tat, nach der sie verlangten, nämlich die Tötung Jesu, nicht am Passah stattfinden sollte. Aber ihr Beschluss war vergeblich. Von Anfang an hatte Gott entschieden, dass es an diesem Tag, und an keinem anderen, geschähe. Sie kamen zusammen, sie ratschlagten, „damit sie Jesum mit List griffen und töteten.“  Das Ergebnis ihrer Beratung war nur: „Nicht an dem Fest, damit kein Aufruhr unter dem Volk entsteht“ (V. 5). Sie konnten den Verrat eines Jüngers und das öffentliche Urteil eines römischen Landpflegers nicht voraussehen. Außerdem gab es entgegen ihren Befürchtungen keinen Aufruhr unter dem Volk. Jesus starb an jenem Tag nach dem Wort Gottes.

Wenden wir uns nun einen kurzen Augenblick zur Seite, wo die Menschengruppe um unseren Herrn sich im Haus Simons, des Aussätzigen, aufhielt.  Dort wurde die Anbetung eines Herzens, das Ihn liebte – wenn es jemals ein solches gab – ausgegossen. Es wartete nicht auf die Verheißung des Vaters (Lk 24,49). Aber die göttliche Person, die kurze Zeit später im Überfluss mitgeteilt wurde, wirkte schon damals in den Trieben einer neuen Natur. Es „kam eine Frau zu ihm, die ein Alabasterfläschchen mit sehr kostbarem Salböl hatte, und goss es aus auf sein Haupt, als er zu Tisch lag“ (V. 7). Johannes sagt uns (Kap. 12), dass sie die Salbe aufbewahrt hatte. Sie hatte diese nicht für diese besondere Gelegenheit gekauft. Es war das Beste, was sie hatte, und sie goss es über Jesus aus. Wie gering erschien dies in ihren Augen; wie kostbar war es in seinen, indem sie es für den gebrauchte, welchen sie liebte und dessen drohende Gefahr sie fühlte. Denn die Liebe fühlt schnell und fühlt genauer als die geschärfteste menschliche Klugheit. So sprengte also diese Frau ihre Salbe auf sein Haupt. Johannes spricht von seinen Füßen. Es wurde sicherlich über beides ausgeschüttet. Matthäus hat jedoch den König vor Augen; und es war üblich, nicht die Füße, sondern den Kopf eines Königs zu salben. So berichtet er natürlicherweise von dem Teil der Handlung, der zum Messias passte. Johannes hingegen, dessen Thema darin besteht zu zeigen, dass Jesus unendlich mehr als ein König war – obwohl in Liebe demütig, um alles über sich ergehen zu lassen –, berichtet ganz passend, dass Maria seine Füße salbte. Es ist auch interessant, wenn wir sehen, dass die Liebe und das tiefe Gefühl für die Herrlichkeit Jesu sie zu dem anleitete, was auch in dem Herzen einer Sünderin, die in der Gegenwart seiner Gnade völlig zusammengebrochen war, bewirkt wurde. Denn Lukas erwähnt eine andere Person. In Lukas 7,37 kam „eine Frau in die Stadt, die eine Sünderin war“.  Es handelte sich um eine ganz andere Person, zu einer ganz anderen, früheren Zeit und im Haus eines anderen Simon, eines Pharisäers. Auch sie salbte die Füße Jesu mit einer Alabasterflasche voll Salbe. Aber sie stand hinten zu seinen Füßen, weinte und begann seine Füße mit Tränen zu waschen; dann trocknete sie diese mit den Haaren ihres Hauptes und küsste sie sehr. Es werden viele Einzelheiten genannt, die mit diesem Fall harmonieren. Ich möchte nur herausstellen, wie die Gefühle einer armen Sünderin, die seine Gnade angesichts ihrer erwiesenen Unwürdigkeit spürte, und einer liebenden Anbeterin, die von der Herrlichkeit seiner Person erfüllt war und die Bosheit seiner Feinde empfand, verwandt sind.

Wie dem auch sei – der Herr verteidigte sie angesichts der unzufriedenen und murrenden Jünger. Darin liegt eine ernste Lehre; denn wir sehen, wie  eine verderbte Seele andere beschmutzen kann, die unvergleichlich besser sind als sie. Das ganze Kollegium der Apostel, der Zwölf, wurde für einen Augenblick durch das Gift, das  einer verspritzte, beeinflusst. Was für Herzen haben wir – selbst zu einer solchen Zeit und angesichts einer solchen Liebe! Aber so war und, leider, ist es.  Ein böses Auge kann sehr schnell seine schändlichen Empfindungen mitteilen; und davon werden  viele verunreinigt. Judas war die Ursache. Doch in den übrigen Jüngern lag ebenfalls etwas, was sie für eine ähnliche Selbstsucht auf Kosten Jesu empfänglich machte. Sie erlaubten allerdings nicht jenen teuflischen Einfluss, der Judas seine Gedanken eingab. Sicherlich enthält dieses Beispiel auch für uns eine ernste Warnung. Wie oft hüllt sich Satan in die Sorge um die Lehre wie hier in die Sorge für die Armen! In sittlicher Hinsicht stand dieses Ereignis in direkter Verbindung mit den folgenden Leiden Christi. Die Hingabe der Frau wurde von Satan benutzt, um Judas zu seiner letzten Schlechtigkeit anzutreiben, indem ihr Herzenserguss, den sein Herz nicht im Geringsten würdigen konnte, seinen Entschluss förderte. Danach ging er hin, um Jesus zu verkaufen. Wenn er das Fläschchen mit der kostbaren Salbe oder seinen Gegenwert nicht bekommen konnte, dann wollte er, solange es noch möglich war, sich einen kleinen Gewinn sichern, indem er Jesus an seine Feinde verkaufte. „Was wollt ihr mir geben“, sagte er zu den Hohenpriestern, „und ich werde ihn euch überliefern?“  So wurde der Bund geschlossen – ein Bund mit dem Tod und ein Vertrag mit der Hölle. „Sie aber stellten ihm dreißig Silberstücke fest“ – des Menschen, Israels, würdiger Preis für Jesus (V. 14–16).

Die Frau hatte Jesus ihr Geschenk gegeben und damit sich selbst ein Gedächtnis bereitet, wo immer und wann immer das Evangelium des Reiches auf der ganzen Erde verkündigt wird. Jetzt setzte Jesus das beständige, unvergängliche Andenken seiner sterbenden Liebe ein. Er stiftete das neue Fest, sein Mahl, für seine Jünger. Beim Passahfest nahm Er Brot und Wein und weihte sie dazu, auf der Erde das beständige Erinnerungszeichen an Ihn inmitten der Seinen zu sein. In den Einsetzungsworten finden wir einige Unterschiede, mit denen wir uns beschäftigen wollen, wenn wir bei Gelegenheit die anderen Evangelien betrachten. Von diesem Tisch ging unser Herr nach Gethsemane und in seine Todesangst dort. Welcher Kummer, welche Pein, welche Leiden auch immer über Ihn hereinbrachen – unser Herr beugte sich niemals den äußerlichen Leiden vonseiten der Menschen, bevor er sie nicht in seinem Herzen allein mit seinem Vater getragen hatte. Er durchlebte sie im Geist, bevor Er sie wirklich erduldete. Und das, glaube ich, ist hier der Hauptpunkt. Ich sage nicht, dass das alles ist, was wir hier finden; denn hier begegnete Er den Schrecken des Todes – und was für eines Todes! –, die der Fürst dieser Welt auf Ihn lud; aber er fand nichts in Ihm (Joh 14,30). So konnte in der Stunde, als die Leiden wirklich über Ihn kamen,  Gott in Ihm, dem Sohn des Menschen, verherrlicht werden. Daraufhin verkündigte Er, nachdem Er aus den Toten auferweckt worden war durch die Herrlichkeit des Vaters, hinfort seinen Brüdern den Namen seines Vaters und ihres Vaters, und seines  Gottes und ihres  Gottes, und zwar sowohl der Natur als auch der Beziehung nach. Hier betete Er noch zum Vater, während Er am Kreuz, wenn auch nicht ausschließlich, „Mein Gott“ rief. Diese Einzelheiten sind tiefgründig in ihrer Lehre.

Im Garten forderte unser Herr die Jünger auf, zu wachen und zu beten; doch genau das war für sie zu schwer. Sie schliefen – und beteten nicht. Welch ein Unterschied zu Jesus zeigte sich später, als die Versuchung kam! Dabei waren die Umstände für sie nur ein bloßer Widerschein von dem, wodurch Er gehen musste. Entweder erträgt die Welt den Tod mit der Verstocktheit, die allem trotzt, weil sie an nichts glaubt, oder sie empfindet ihn als Ende ihrer gegenwärtigen Vergnügungen wie einen plötzlichen Schmerz, ein dunkles Tor, von dem sie nicht weiß, was dahinter liegt. Für den Gläubigen, für den jüdischen Jünger vor der Erlösung, war der Tod in einem Sinn noch bitterer; denn er hatte eine richtigere Vorstellung von Gott und dem sittlichen Zustand des Menschen. Jetzt ist jedoch durch den Tod des Herrn, den die Jünger so wenig schätzten, alles verändert, während damals der bloße Schatten seines Todes sie alle zu Fall bringen und jedes Bekenntnis ihres Glaubens auslöschen konnte. Jener von ihnen, der am meisten von allen auf die Kraft seiner Liebe vertraute, bewies, wie wenig er bisher, trotz seiner voreiligen Prahlerei, von der Wirklichkeit des Todes wusste. Und doch, was wäre, im Vergleich zum Tod Jesu, der Tod in seinem Fall gewesen!? Selbst dieser war indessen viel zu schwer für die Kraft des Petrus. Alles erwies sich als kraftlos bis auf den Einen, der sogar in seiner größten Schwachheit zeigte, dass Er allein der Geber aller Kraft und der Offenbarer aller Gnade war, sogar als Er unter einem solchen Gericht zermalmt wurde, wie es kein Mensch jemals gekannt hat, noch kennen lernen wird.

Kapitel 27

Danach sehen wir unseren Herrn nicht mehr bei seinen versagenden, treulosen oder verräterischen Jüngern, sondern, als seine Stunde gekommen war, in der Gewalt der feindlichen Welt der Priester, Statthalter, Söldner und des Volkes. Alles, was der Mensch versuchte, brach zusammen. Sie hatten ihre Zeugen; diese stimmten hingegen nicht überein. Überall sehen wir Versagen, sogar in der Bosheit. Nicht der Wille des Menschen versagte, sondern seine Ausführung. Ausschließlich Gott leitete alles. So wurde Jesus nicht aufgrund  ihres Zeugnisses verurteilt, sondern seines eigenen. Wie wunderbar! Sogar um Ihn zu töten, benötigten sie das Zeugnis Jesu. Sie konnten Ihn nur wegen seines guten Bekenntnisses (1. Tim 6,13) zum Tod verurteilen. Sein doppeltes Zeugnis – nämlich vor den Hohenpriestern und vor dem Statthalter – von der Wahrheit erlaubte ihnen, ihre böseste Tat auszuführen. Nachdem Pilatus durch seine Frau gewarnt worden war, denn der Herr sorgte dafür, dass es einen Hinweis durch die Vorsehung gab, und weil ersterer zu weitblickend war, um die Bosheit der Juden und die Unschuld des Angeklagten zu übersehen, erklärte Pontius Pilatus seinen Gefangenen für schuldlos. Trotzdem erlaubte er, dass man ihn zwang, gegen sein Gewissen und nach den Wünschen derer, die er von Herzen verachtete, zu handeln.

Noch einmal, bevor Jesus zur Kreuzigung hinausgeführt wurde, zeigten die Juden ihren sittlichen Zustand. Denn als der rohe Heide sie vor die Alternative stellte, ihnen Jesus oder Barabbas freizulassen, gaben sie unter priesterlicher Anstiftung einem Schuft, einem Räuber und Mörder den Vorzug. Diese Gefühle hatten die Juden, Gottes Volk, für ihren König, weil Er der Sohn Gottes, Jahwe, und nicht einfach ein Mensch war. Mit bitterer Ironie, doch nicht ohne Gott, schrieb Pilatus die Beschuldigungsschrift: „Dieser ist Jesus, der König der Juden“ (V. 37). Das war indessen nicht das einzige Zeugnis vonseiten Gottes; denn von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde. Und dann, als Jesus mit lauter Stimme seinen Geist aufgab, geschah das, was insbesondere das Herz eines Juden treffen musste. Der Vorhang des Tempels wurde von oben bis unten in zwei Stücke zerrissen; die Erde erbebte und die Felsen zersprangen. Was kann man sich ernster für Israel vorstellen? Sein Tod war der Todesstreich für das jüdische System als Folge eines Schlages dessen, der unverkennbar der Schöpfer von Himmel und Erde war. Nicht nur jenes System wurde aufgelöst, sondern sogar die Macht des Todes. Denn die Gräber wurden geöffnet und viele Leiber von entschlafenen Heiligen wurden auferweckt und kamen nach seiner Auferstehung aus ihren Grüften als Zeugen von dem Wert seines Todes. Allerdings wurde der Wert dieses Todes erst nach seiner Auferweckung verkündet.

Ich zögere nicht, es auszusprechen: Der Tod Jesu ist die einzige Grundlage einer rechtmäßigen Befreiung von der Sünde. In der Auferweckung wird die gewaltige Macht Gottes gesehen. Aber was bedeutet Macht für einen Sünder, dem Gott vor seiner Seele steht, im Vergleich zur Gerechtigkeit? Im Vergleich zur Gnade? Und genau das haben wir hier. Deshalb ist allein der Tod Jesu der wahre Mittel- und Angelpunkt aller Ratschlüsse und Wege Gottes in Gerechtigkeit und Gnade. Ohne Zweifel ist es die Auferstehung, welche alles offenbar und bekannt macht. Sie verkündet hingegen die Macht seines Todes, weil dieser allein Gott sittlich gerechtfertigt hat. Ausschließlich der Tod Jesu hat bewiesen, dass nichts seine Liebe überwältigen konnte. Sogar Verwerfung und Tod waren nur die Gelegenheiten, seine Liebe bis zum Äußersten zu zeigen. Selbst in der Person Jesu bietet nichts einen solchen gemeinsamen und vollkommenen Ruheplatz für Gott und den Menschen wie Jesu Tod. Wenn wir uns jedoch mit den Begriffen Kraft, Freiheit und Leben beschäftigen, müssen wir uns zweifellos zur Auferstehung wenden. Deswegen wird sie notwendigerweise in der Apostelgeschichte besonders herausgestellt. Denn hier ging es auf der einen Seite darum, einen Beweis von der offenbarten und verworfenen Gnade zu liefern. Auf der anderen Seite erfahren wir, wie Gott die Entehrung Jesu durch den Menschen in ihr Gegenteil umkehrte, indem Er Ihn von den Toten auferweckte und zu seiner Rechten im Himmel erhöhte. Das zeigte sich nicht im Tod Jesu. Im Gegenteil! Im Tod Jesu schienen die Menschen zu triumphieren. Sie waren Ihn losgeworden. Aber die Auferstehung bewies, wie vergeblich und kurzlebig ihr Sieg war und dass Gott gegen sie auftrat. Gott wollte deutlich machen, dass der Mensch sich in grenzenloser Feindschaft gegen Ihn befand. Daraufhin erklärte Gott sein Urteil darüber. Die Auferweckung dessen, den der Mensch erschlug, verkündet dies zweifelsfrei. Ich gebe zu: In der Auferstehung Christi ist Gott für uns, die Gläubigen. Sünder und Gläubige dürfen jedoch nicht verwechselt werden, da zwischen beiden ein gewaltiger Unterschied besteht. Wie groß das Zeugnis von der vollkommenen Liebe in der Gabe und dem Tod Jesu auch sein mag, für den Sünder kann in der Auferstehung Jesu nichts als Verdammnis liegen. Ich weise umso nachdrücklicher hierauf hin, weil die Wiederentdeckung der herrlichen Wahrheit von der Auferstehung Christi manche in einer Art Reaktion dazu führt, den Wert, den sein Tod in den Augen Gottes hat und in unserem Glauben haben sollte, abzuschwächen. Mögen also jene, welche die Auferstehung hochschätzen, darauf achten, dass sie auch den rechten Wert des Kreuzes eifersüchtig festhalten!

Beide Gesichtspunkte werden hier in bemerkenswerter Weise beachtet. Nicht die Auferstehung, sondern der Tod Jesu zerriss den Vorhang des Tempels. Nicht seine Auferstehung öffnete die Gräber, sondern sein Kreuz, obwohl die Heiligen erst nach Ihm auferstanden. Genauso ist es bei uns in praktischer Hinsicht. Tatsächlich erkennen wir niemals den vollen Wert des Todes Christi, wenn wir ihn nicht von der Macht und den Ergebnissen der Auferstehung her ansehen. Doch wir betrachten von dort her nicht die Auferstehung selbst, sondern den Tod Jesu. Folglich verkündigen wir in den kirchlichen Versammlungen und ganz besonders am Tag des Herrn durch das Brotbrechen nicht die Auferstehung, sondern den Tod des Herrn. Andererseits verkündigen wir seinen Tod nicht an seinem Todestag, sondern an dem der Auferstehung. Wenn ich vergesse, dass es der Auferstehungstag ist, dann verstehe ich meine Freiheit und Freude nur wenig. Wenn aber der Auferstehungstag nicht mehr vor mich bringt als die Auferstehung, dann zeigt das nur zu klar, dass der Tod Christi seine unendliche Gnade für meine Seele verloren hat.

Auch die Ägypter wollten das Rote Meer passieren. Sie sorgten jedoch nicht dafür, dass ihre Türen mit dem Blut des Lammes besprengt waren. Sie versuchten an den Wasserwällen vorbei zu ziehen, um Israel zur anderen Seite zu folgen. Wir lesen indessen nicht, dass sie jemals Schutz hinter dem Blut des Passahlammes gesucht hatten. Zweifellos ist das ein extremer Fall und entspricht der Urteilsfähigkeit des natürlichen Menschen. Wir dürfen nichtsdestoweniger sogar von einem Feind lernen, dass wir die Auferstehung nicht gering schätzen sollen. Noch größer ist dagegen der Wert des Todes und des Blutvergießens unseres kostbaren Heilandes. In Hinsicht auf Gott und den Menschen ist nichts so bedeutungsvoll wie der Tod Christi.

Im Gegensatz zu den armen, aber hingebungsvollen Frauen aus Galiläa, die das Kreuz umgaben, sehen wir die Befürchtungen, die berechtigten Befürchtungen derer, die den Tod Jesu herbeigeführt hatten. Diese schuldigen Männer gingen voller Angst zu Pilatus. Sie fürchteten „jenen Verführer“ und bekamen ihre Wache, ihren Stein und ihr Siegel – aber alles vergeblich! Der Herr, der im Himmel sitzt, spottete ihrer. Jesus hatte die Seinen darauf vorbereitet (und seine Feinde wussten es), dass Er am dritten Tag auferstehen würde.

Kapitel 28

Am Abend vorher kamen Frauen, um sich den Ort anzusehen, wo Jesus begraben lag. An jenem Morgen, sehr früh noch, als dort nur die Wächter waren, stieg ein Engel des Herrn hernieder. Es wird uns nicht gesagt, dass unser Herr zu jener Zeit auferstand. Noch weniger wird gesagt, dass der Engel des Herrn den Stein  für Ihn wegrollte. Er, der durch Türen gehen konnte, die aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, konnte genauso leicht durch den versiegelten Stein gehen, trotz aller Söldner des Römischen Reiches. Wir wissen, dass sich der Engel, nachdem er den großen Stein, der die Grabstätte verschloss, weggerollt hatte, auf diesen setzte. Obwohl nämlich unser Herr von den Menschen verachtet und verworfen war, erfüllte Er doch die Prophezeiung Jesajas, indem Er sein Grab bei einem Reichen fand (Jes 53). Unser Herr erhielt noch ein weiteres Zeugnis, indem sogar die Hüter, verhärtet und kühn wie diese normalerweise sind, zitterten und wie Tote wurden. Die Frauen wurden jedoch vom Engel aufgefordert, sich nicht zu fürchten; denn dieser Jesus, der Gekreuzigte, „ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her, seht die Stätte, wo der Herr gelegen hat, und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: ...  Siehe, er geht euch voraus nach Galiläa“ (V. 6–7). Letzteres ist ein wichtiger Punkt, um das Thema seiner Verwerfung, bzw. ihrer Folgen in seiner Auferstehung, zu vervollständigen. Deshalb weist Matthäus sorgfältig darauf hin, obwohl auch Markus für seinen Zweck davon berichtet.

Matthäus spricht nämlich nicht von den verschiedenen Erscheinungen des Herrn in Jerusalem nach seiner Auferstehung. Aber er besteht ganz besonders, und natürlich aus einem guten Grund, darauf, dass der Herr nach seiner Auferstehung an dem Ort festhielt, wohin Ihn der Zustand der Juden gewöhnlich geführt hatte und wo Er sein Licht nach der Prophetie hatte ausstrahlen lassen. Der Herr nahm in  Galiläa seine Beziehungen zum Überrest, der durch die Jünger verkörpert wurde, nach seiner Auferstehung von den Toten wieder auf. Es war der Platz der Verachtung seitens der Juden. Dort wohnten die unwissenden Armen der Herde, die von den stolzen Schriftgelehrten und Führern aus Jerusalem vernachlässigt wurden. Es gefiel dem auferstandenen Herrn, vor seinen Knechten her dorthin zu gehen, um ihnen dort zu begegnen.

Als die Frauen aus Galiläa mit dieser Botschaft den Engel verließen, traf sie der Herr. „Sie aber traten herzu, umfassten seine Füße und huldigten ihm“ (V. 9). Bemerkenswerterweise wird ihnen dies in unserem Evangelium erlaubt. Als Maria Magdalene in ihrem Wunsch, Ihm die gewohnte Ehrerbietung zu erweisen, möglicherweise ähnlich handeln wollte, lehnte Er das entschieden ab. Das wird jedoch im Johannesevangelium erwähnt (Kap. 20). Wie kommt es, dass die beiden apostolischen Berichte uns zeigen, wie zum einen die Huldigung der Frauen angenommen und zum anderen die der Maria Magdalene abgelehnt wurde? Und das geschah an demselben Tag und vielleicht zu derselben Stunde. Die Handlung selbst ist in beiden Berichten bedeutungsvoll. Ich nehme an, der Grund liegt darin, dass Matthäus uns nicht nur vorstellt, wie der verworfene Messias auch als Auferstandener seine Beziehungen zu seinen Jüngern in jenem verachteten Teil des Landes wieder aufnahm. Er gab auch durch die Entgegennahme der Huldigung seitens der Töchter Galiläas ein Pfand seiner besonderen Verbindung zu den Juden in den letzten Tagen. Denn gerade das werden die Juden von dem Herrn erwarten. Das heißt, ein Jude rechnet mit der körperlichen Anwesenheit des Herrn. Im Johannesevangelium ist es genau umgekehrt; denn hier wird das Muster eines gläubigen Juden aus seinen jüdischen Beziehungen herausgenommen und in Verbindung mit Ihm gebracht, der im Begriff stand, in den Himmel aufzufahren. Im Matthäusevangelium wurde Er angerührt. Sie durften ohne Einwände seine Füße umfassen und huldigten Ihm in körperlicher Gegenwart. Im Johannesevangelium sagt Er: „Rühre mich nicht an“ – und aus welchem Grund? – „denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Hinfort sollte Ihm droben die Anbetung dargebracht werden. Er ist jetzt unsichtbar, doch dem Glauben dort bekannt. Bei den Frauen im Matthäusevangelium stellte Er sich hienieden der Anbetung dar. Die Frau im Johannesevangelium sollte Ihn jetzt nur noch als den Himmlischen kennen. Die körperliche Gegenwart war bedeutungslos; denn der Herr fuhr in den Himmel auf und verkündigte von dorther unsere neuen Beziehungen zu seinem Vater und Gott. So sehen wir in dem einen Fall, wie die jüdischen Hoffnungen auf seine Gegenwart auf der Erde als Voraussetzung für die Huldigung Israels anerkannt werden. Im anderen Evangelium führte seine persönliche Abwesenheit und Himmelfahrt die Seelen in eine höhere und passendere Verbindung mit Ihm sowie auch mit Gott. Selbst solche, die Juden gewesen waren, wurden aus ihrer alten Stellung herausgenommen, um den Herrn nicht mehr nach dem Fleisch zu kennen (2. Kor 5,16).

In völliger Übereinstimmung damit finden wir in diesem Evangelium nicht die Himmelfahrt. Wenn wir nur das Matthäusevangelium besäßen, wüssten wir nichts von diesem wunderbaren Geschehen. Die Weglassung ist so auffällig, dass ein gut bekannter Kommentar (die erste Auflage von Alford) die vorschnelle und unehrerbietige Hypothese vorbringt, dass unser Matthäusevangelium eine  unvollständige griechische Version eines hebräischen Originals sei, weil dieser Bericht fehlt. Denn es war nach Ansicht jenes Schreibers unmöglich, dass ein Apostel die Schilderung dieses Ereignisses weglassen konnte. Es ist aber so, dass jede Hinzufügung der Himmelfahrt zum Matthäusevangelium dasselbe überladen und verdorben hätte. Das schöne Ende des Matthäusevangeliums liegt gerade darin, dass unser Herr entsprechend der Verabredung seine Jünger auf einem Berg in Galiläa traf, während die Hohenpriester und Ältesten ratschlagten, wie sie ihre Bosheit mit Falschheit und Bestechung verbergen konnten – und ihre Lüge „wurde bei den Juden bekannt bis auf den heutigen Tag“ (V. 15). Der Herr sandte seine Jünger aus, um alle Nationen zu Jüngern zu machen. Wie groß der Wechsel der Haushaltung ist, sehen wir bei einem Vergleich mit seinem früheren Auftrag an dieselben Männer in Matthäus 10. Jetzt sollten sie die Nationen auf den Namen des Vaters, usw. taufen. Er sprach nicht von Gott dem Allmächtigen der Erzväter oder vom Jahwe-Gott Israels. Der Name des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes kennzeichnet das Christentum. Erlaubt mir zu sagen, dass dies die wahre Formel der christlichen Taufe ist. Jedes Weglassen dieses Bildes gesunder Worte scheint mir so verderblich für die Gültigkeit der Taufe zu sein wie jede Änderung in anderer Hinsicht, auf die man sonst noch hinweisen könnte. Alles Jüdische ist verdrängt worden. Anstatt einfach das Überbleibsel einer älteren Haushaltung, die verändert oder vielmehr beiseitegesetzt worden ist, zu sein, sehen wir im Gegenteil die volle Offenbarung des Namens Gottes, wie er erst jetzt, und nicht früher, bekannt gemacht worden ist. Dieser konnte frühestens nach dem Tod und der Auferstehung Christi offenbart werden. Die jüdische Umzäunung, in die Er während der Tage seines Fleisches eingetreten war, gab es nicht mehr. Der Wechsel der Haushaltung dämmerte herauf. Wir sehen, wie streng der Geist Gottes vom Anfang bis zum Ende an seinem Thema festhält.

Folglich schließt der Herr dann mit den Worten: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (V. 20). Wie sehr wäre die Form der Wahrheit abgeschwächt, wenn nicht sogar zerstört worden, wenn wir jetzt noch von seiner Himmelfahrt läsen! Es ist klar ersichtlich, wie sehr die sittliche Kraft dieser Worte in dem Zusammenhang, in dem sie hier stehen, bewahrt wird. Er beauftragte seine Jünger und sandte sie auf ihre weltweite Mission mit den Worten: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“  Dadurch, dass wir danach nichts mehr hören und sehen, wird die Kraft dieser Worte unermesslich groß. Er verhieß ihnen seine Gegenwart bis zur Vollendung des Zeitalters; und danach fiel der Vorhang. Wir hören und sehen mit den Augen des Glaubens, wie Er für immer bei den Seinen auf der Erde ist, während sie auf ihren kostbaren, aber auch gefährlichen Botengang hinausgehen. Mögen wir aus all dem, was Er uns gegeben hat, wahren Nutzen ziehen!